Wein aus der Umgebung

Winzer wollen Niedersächsisches Landweingebiet etablieren

Niedersächsische Winzer haben sich zu einem Verband zusammengeschlossen. Nun machen sie ernst: Unter anderem soll eine regionale Kennzeichnung für Wein aus Niedersachsen durchgesetzt werden.
18.01.2020, 14:11
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Elmar Stephan

Bad Iburg/Verden. Die niedersächsischen Winzer wollen mit Hilfe ihres neu gegründeten Verbandes stärker zusammenarbeiten. „Wir haben uns zusammengeschlossen mit dem Ziel, uns zu vernetzen, um Erfahrungen auszutauschen und auch, um gemeinsame Fortbildungen organisieren zu können“, sagte der Vorsitzende Jan Brinkmann aus Bad Iburg. Diesen Sonntag trifft sich der Vorstand erstmals nach der Gründung im vergangenen Oktober in Verden. Ein erstes Ziel stehe bereits fest: Die Winzer wollen ein niedersächsisches Landweingebiet etablieren, um ihr Produkt auch mit einer regionalen Kennzeichnung vermarkten zu können. Derzeit darf der in Niedersachsen erzeugte Wein nur als „Deutscher Wein“ ausgezeichnet werden.

Regionale Bezeichnungen sind rechtlich noch nicht möglich. Bevor die ersten Winzer aus Niedersachsen ihren Rebensaft produzieren und auch verkaufen dürfen, ist es ein langer Weg. Vor den Genuss hat Weingott Bacchus die Bürokratie gesetzt. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung entscheidet über Anträge, professionell Wein anbauen zu dürfen. Wer eine Genehmigung bekommt, übernimmt damit auch die Verpflichtung, innerhalb von drei Jahren den Wein wie genehmigt anzubauen. Von 2016 bis 2019 hat die BLE 24 Winzern aus Niedersachsen Genehmigungen erteilt. Die für den Weinanbau genehmigte Fläche beträgt aktuell hier 22 Hektar. Zum Vergleich: In Rheinland-Pfalz stehen auf 64 000 Hektar Fläche Rebstöcke. Angesichts der hohen Kosten meinen es die niedersächsischen Winzer ernst mit ihrem Wein, ein Hobby ist es nicht.

„Pro Hektar sind das in den ersten drei bis vier Jahren bis zum ersten Ertrag ungefähr 30 000 Euro an Investitionen, inklusive der Arbeit“, sagt Weinbauexperte und Agrarwissenschaftler James Wright. Der Australier ist wegen seiner Frau vor achteinhalb Jahren in den Kreis Cloppenburg gezogen. In seiner Heimat arbeitete er als Weinanbauberater und betreute in dieser Eigenschaft 10 000 Hektar Anbaufläche. Auch er ist Mitglied im neuen Winzerverband. Nach wie vor betreibt er eine wissenschaftliche Webseite und Online-Datenbank zum Weinanbau.

Brinkmann hat im vergangenen Jahr seinen ersten Wein in Bad Iburg geerntet und bei einem Partnerbetrieb in Rheinland-Pfalz ausgebaut. In den nächsten Wochen sollen die ersten 1000 Flaschen abgefüllt werden. Schon die Frage, wie das Etikett gestaltet sein dürfe und welche Angaben drauf dürfen und welche nicht, sei eine Wissenschaft für sich, sagt er: „Hier ist die Hilfe durch einen Verband schon wichtig.“

Für ihn und seine Kollegen stelle sich damit auch die Frage der Vermarktung. „Wir leben von der Regionalität, und deshalb müssen wir sie auch draufschreiben dürfen“, sagt Brinkmann. Voraussetzung dafür wäre, dass der Wein über eine geschützte Ursprungsbezeichnung (g.U.) oder eine geografisch geschützte Angabe (g.g.A.) verfügt. Anträge können die niedersächsischen Winzer bei der BLE stellen, erklärt Behördensprecher Tassilo Freiherr von Leoprechting. Über eine Eintragung entscheide nach einem nationalen Vorverfahren am Ende die EU-Kommission. Die Voraussetzungen seien komplex. In diesem bürokratischen Dickicht bekommen die niedersächsischen Winzer im Moment nur sehr wenig Hilfe aus ihrem eigenen Bundesland. „Eine gesonderte Unterstützung, etwa durch Schulungen, ist in Niedersachsen derzeit nicht vorgesehen“, heißt es aus dem Landwirtschaftsministeriums. Immerhin: Das Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) bietet ein paar Infos.

Die Landwirtschaftskammer verfolge die Aktivitäten der niedersächsischen Winzer zwar mit Interesse. Beratungskapazitäten halte sie aber wegen der geringen wirtschaftlichen Bedeutung noch nicht vor, sagt Kammer-Sprecher Wolfgang Ehrecke. „Das kann sich bei steigender Nachfrage natürlich ändern.“ Aus Kammersicht dauere es aber noch eine ganze Zeit, bis auch Weinanbau eine größere Rolle spiele. Die klimatischen Verhältnisse Niedersachsens seien insgesamt noch nicht mit denen in Süddeutschland vergleichbar, sagt Ehrecke.

Weinanbauexperte Wright verweist hingegen auf Länder wie Dänemark und Polen, die schon auf wichtigen Weinmessen vertreten seien. In Niedersachsen gebe es genügend passende Flächen: „Wir müssen nur zeigen, dass das wirtschaftlich funktionieren kann, dann wird auch mehr gepflanzt.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+