Erdgasförderung: Dea-Vorstand im Interview

„Wir möchten gern weitersuchen“

Die Pläne der Deutschen Erdöl AG zur Suche nach Erdgas haben die Menschen in den Landkreisen Osterholz, Rotenburg, Verden und Diepholz beunruhigt. Im Interview bezieht Dea-Vorstand Dirk Warzecha Stellung.
11.03.2019, 05:24
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„Wir möchten gern weitersuchen“
Von André Fesser

Herr Warzecha, wenn ich zur Arbeit fahre, komme ich an Dutzenden roten Kreuzen vorbei. Geht Ihnen das auch so?

Dirk Warzecha : Na, sicher! Ich fahre auch öfter in den Förderbetrieb nach Völkersen, und da sehe ich natürlich auch die roten Kreuze.

Die roten Kreuze drücken aus, dass Sie hier bei vielen Leuten nicht mehr erwünscht sind. Dabei ist die Dea seit Jahrzehnten in der Region vertreten. Was ist geschehen?

Anscheinend löst die heimische Gasförderung Ängste aus. Dem müssen wir begegnen. Wir fördern über Jahrzehnte Gas, übrigens nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern. Wir wissen, was wir da tun, und wir sind davon überzeugt, dass wir das sicher und umweltbewusst machen können.

Aber wie konnte diese breite Ablehnung entstehen?

Die Öffentlichkeit reagiert anders, als das früher der Fall war. Sie geht mit ihren Ängsten offener um. Dem müssen wir uns stellen.

Früher galten die Erdgasförderer als Saubermänner, mittlerweile gilt die Gasförderung als schmutzig. Sie haben mittlerweile nicht nur ein paar Bürger gegen sich, sondern auch noch die versammelte Kommunalpolitik.

Na, zum Teil haben wir das selbst verschuldet, zum Teil ist das fremdindiziert.

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Was war Ihr Beitrag?

Man muss ja ehrlich sagen, dass wir vor ein paar Jahren eine Leitung für Lagerstättenwasser genutzt haben, die zwar zugelassen war. Es zeigte sich aber, dass sie ungeeignet war. Es trat Benzol aus, das die Erdoberfläche kontaminiert hat. Wir haben die Leitung abgestellt und den Schaden behoben. Nun ist alles wieder so, wie es vorher einmal war. Allerdings hat der Vorfall unserer Glaubwürdigkeit und dem Vertrauen in die technische Zuverlässigkeit unserer Anlagen geschadet.

Und der andere Grund?

Das war die Fracking-Diskussion, die aus den USA zu uns rüberkam. Hier in Deutschland wurde früher auch gefrackt, aber im Unterschied zu den USA nur in großer Tiefe. Es gibt aber keinen einzigen Fall, in dem durch das Fracking das Grundwasser verunreinigt wurde. Die Dea hat seit 2011 nicht mehr gefrackt, dennoch belastet die Diskussion unser Image. Die Leute haben nach wie vor Angst.

Vor dem Fracking kommen die Messungen. Die Menschen haben zunächst die Sorge, dass ein Vibrotruck an ihrem Haus vorbeirattert und die Gebäude beschädigt. Sie wollen nicht beeinträchtigt werden durch etwas, das sie nicht kontrollieren können.

Vor den Vibrotrucks muss man sich nicht ängstigen. Wenn Sie fünf Meter daneben stehen, spüren Sie die Vibrationen schon gar nicht mehr. Ich glaube wirklich, die Menschen ängstigen sich eher vor einer möglichen Gasförderung. Und da müssen wir aktiv werden. Gas ist eine fantastische Brückenenergie, um unseren Energiebedarf in Deutschland für die nächsten Jahrzehnte mit zu decken. Wir müssen ja den Wegfall des Atomstroms und des Kohlestroms auffangen. Mit den Erneuerbaren schaffen wir das noch nicht. Und ich finde es schön, dass wir das Gas auch in Deutschland fördern können.

Auch das deutsche Gas wird den Energiebedarf nicht decken.

Das stimmt, aber wir können einen Teil hier fördern und damit die Wertschöpfung im eigenen Land erzeugen.

Die Menschen möchten aber nicht, dass diese Wertschöpfung in ihrem Vorgarten vollzogen wird, vor allem dann nicht, wenn sie ein Risiko in sich birgt.

Es ist verständlich, dass man vor dem, was man nicht kennt, Angst hat. Wir wissen aber, dass wir sicher und umweltbewusst fördern können. Und wenn man das Gas von hier bekommen kann, ist es doch besser, als wenn man es aus 5000 Kilometern Entfernung hertransportiert. Es wäre eine Schande, die eigene Ressource nicht zu nutzen.

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Das sehen viele Menschen hier anders.

Wir haben die Pflicht, unsere Arbeit sicher zu verrichten. Würden wir etwas nicht umweltgerecht machen können, machen wir es nicht. Und es gibt auch keine konkurrierenden Ziele im Hinblick auf den Trinkwasserschutz. Wir wollen das Trinkwasser genauso schützen wie die Bürgerinnen und Bürger.

Aber mit dieser Botschaft dringen sie nicht durch. Die Menschen sorgen sich um das für Bremen so wichtige Trinkwasserschutzgebiet Panzenberg bei Verden. Warum respektieren Sie das nicht und bohren woanders?

Weil wir wissen, dass wir das sicher machen können. Und wir haben ja auch schon die Konsequenz gezogen und eine Lagerstättenwasserinjektion unterhalb der Trinkwasserlagerstätte bei Völkersen aufgegeben.

Aber sie wollen dort weiter fördern.

Wir sind im Bereich des Panzenbergs mit unserer Förderanlage Völkersen Z4 seit vielen Jahren sicher aktiv. Sie liegt im Trinkwasserschutzgebiet. Wir haben schon angekündigt, hier für eine neue Bohrung eine freiwillige Umweltverträglichkeitsprüfung zu machen, um Transparenz zu schaffen.

Im Raum Bothel hat es die Häufung von Krebsfällen gegeben, die mit der Gasförderung in einen Zusammenhang gebracht werden. Ist nicht allein der Verdacht ein Anlass, die Arbeiten auszusetzen und die Ergebnisse abzuwarten?

Ein Ergebnis gibt es ja schon: Das niedersächsische Sozial- und Gesundheitsministerium hat keinen Zusammenhang zwischen der Förderung von Kohlenwasserstoffen und Krebserkrankungen festgestellt. Das muss man mal so hinnehmen. Und auch unsere Belegschaft weist keine entsprechenden Krankheitsbilder auf. Das ist für mich ein ganz wichtiger Beweis.

Der Zusammenhang von Erdgasförderung und Krebserkrankungen konnte aber auch nicht ausgeschlossen werden.

Es ist doch so: In dem Gebiet, in dem die Krebserkrankungen aufgetreten sind, gibt es auch Erdgasförderung. Es gibt aber auch viele andere Gebiete mit Erdgasförderung, ohne eine Häufung von Krebsfällen. So muss man es sehen.

Sie wollen künftig anders kommunizieren. Was werden Sie den Menschen sagen?

Wir wollen alles, was wir machen, ankündigen. Wir machen die freiwillige Umweltverträglichkeitsprüfung. Wir haben die seismischen Messungen verschoben, um der Diskussion den Raum zu geben. Wir sind auf Bürgerveranstaltungen unterwegs, wir sprechen mit Bürgermeistern, Landräten, Kommunal- und Landespolitikern und mit Ministern.

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Zurzeit warten alle auf Ihren nächsten Zug. Die Aufsuchungserlaubnis für den Raum Unterweser läuft im Sommer aus.

Wenn eine solche Erlaubnis ausläuft, werden wir uns bemühen, diese zu verlängern. Wir möchten in diesem Gebiet gern weitersuchen.

Und wann starten Sie den nächsten Anlauf für seismische Messungen?

Wir haben gesehen, dass es ein starkes Echo auf unsere Pläne gab, und das hat uns ehrlicherweise überrascht. Wir haben sowas ja schon mal gemacht und damals verlief alles geräuschlos. Wir haben bislang kein konkretes Datum im Kopf, die Messungen wieder aufzunehmen. Wir wollen jetzt erst mal intensiver über unsere Vorhaben informieren.

Wo ist der Punkt erreicht zu sagen: Der Aufwand hier lohnt nicht mehr, wir geben unser Vorhaben auf?

(lacht) Na, das Gas hat sich über lange Zeiträume gesammelt. Das wird ja nicht schlecht. Insofern haben wir keinen Zeitdruck. Aber wir würden schon gern zeitnah fördern, zumal wir die Infrastruktur haben und Gas zurzeit rege genutzt wird. Und natürlich haben wir auch ein wirtschaftliches Interesse, denn wir sind ja kein eingetragener Verein. Aber es ist im Zuge der Energiewende auch volkswirtschaftlich richtig, das Gas zu fördern.

Aber die Wirtschaftlichkeit ist irgendwann nicht mehr gegeben, wenn Sie nicht fördern und Profite erwirtschaften können.

Wir stehen weltweit im Wettbewerb. Wir investieren gern in Deutschland und haben auch entsprechende Mittel dafür vorgesehen. Aber wir könnten auch woanders investieren.

Werden Sie Ihr Vorhaben rund um Bremen gegen alle Kritik durchziehen?

Wir planen zurzeit keine juristische Durchsetzung von Wegerechten oder Grundstücknahmen. So eine Auseinandersetzung könnten wir vielleicht vor Gericht gewinnen, weil unsere Arbeit einen volkswirtschaftlichen Nutzen hat. Aber ich glaube nicht, dass wir sie vor Ort gewinnen könnten.

Begegnet Ihnen an anderen Standorten eigentlich ein ähnlicher Widerstand?

Nein, die meisten Ängste registrieren wir in Niedersachsen.

Das Gespräch führte André Fesser.

Info

Zur Person

Dirk Warzecha (54) ist Mitglied des Vorstandes der Deutschen Erdöl AG (Dea). Der Diplom-Ingenieur stammt aus Westfalen und hat Tiefbohrtechnik, Erdöl- und Erdgasgewinnung studiert.

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