Susanne Krause und Anna Hantke haben sich als Tagesmütter zusammengeschlossen / Angebot am Nachmittag

"Wir mussten für unser Modell kämpfen"

Lilienthal. Der Turm wächst und wächst. Jetzt überragt er seine Baumeisterin schon um eine Körperlänge, und die Kleine schleppt immer noch einen Schaumstoffklotz nach dem anderen heran. Um sie aufeinander zu setzen, müssen die Großen ran. Die Lütte juchzt vor Freude, als ihr Blick am Turm entlang in die Höhe geht. Dass das Mädchen hier so vergnügt die Zeit verbringen kann, lässt vermutlich auch die Eltern juchzen. Weil sie für ihre Tochter einen der begehrten Kindertagespflegeplätze ergattern konnten. Die sind nämlich Mangelware.
04.05.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Ulrike Schumacher

Lilienthal. Der Turm wächst und wächst. Jetzt überragt er seine Baumeisterin schon um eine Körperlänge, und die Kleine schleppt immer noch einen Schaumstoffklotz nach dem anderen heran. Um sie aufeinander zu setzen, müssen die Großen ran. Die Lütte juchzt vor Freude, als ihr Blick am Turm entlang in die Höhe geht. Dass das Mädchen hier so vergnügt die Zeit verbringen kann, lässt vermutlich auch die Eltern juchzen. Weil sie für ihre Tochter einen der begehrten Kindertagespflegeplätze ergattern konnten. Die sind nämlich Mangelware.

Der lange Esstisch in der gemütlichen Dachwohnung sieht nach Großfamilie aus. Zwölf Teller stehen schon bereit, auf dem Herd dampfen in einem großen Topf Nudeln. Susanne Krause und Anna Hantke haben alle Hände voll zu tun, die kleinen Esser auf ihre Plätze zu heben. Die Sonne schickt ein paar helle Strahlen durch das Küchenfenster und taucht die cremefarbenen Wände in ein warmes Licht. Behagliche Ruhe kehrt ein. Schon sind die ersten Münder von der Nudelsauce rot verschmiert. Hmm! Das schmeckt!

Diese Großfamilie ist täglich eine Familie auf Zeit. Eine mit zwei Müttern, einmal in der Woche kommt mit Antje Sedlaczek noch eine dritte dazu. Nach dem Mittagessen, spätestens ab 14.30 Uhr sind die Kinder dann wieder in ihren richtigen Familien. Bis die Eltern sie abholen, kümmern sich die beiden Frauen um die Kleinen. Sie lesen ihnen vor, spielen mit ihnen, wechseln Windeln und legen die Kinder schlafen, während die Mütter und Väter ihre Jobs machen. "Ein großes Geschenk" nennt Claudia Becker das. An zwei Vormittagen in der Woche lässt sie ihre Tochter hier betreuen. Dafür fährt sie morgens von Horn-Lehe nach Lilienthal. "In Bremen", erzählt sie, "gab es nichts Adäquates."

Mangel bei Krippenplätzen

Als Claudia Becker bald nach der Geburt ihrer Tochter wieder beruflich einsteigen wollte, begab auch sie sich wie viele andere Eltern auf die frustrierende Suche nach einem Betreuungsplatz. "Bei Krippenplätzen herrscht Mangel", sagt Susanne Krause. "In Borgfeld extrem, aber auch in Lilienthal." In Zahlen ausgedrückt: 62 Krippenplätze hat die Gemeinde Lilienthal derzeit zu bieten, 50 Kinder warten noch auf einen solchen, weiß Andreas Cordes, Fachbereichsleiter bei der Gemeindeverwaltung. In Borgfeld sieht es noch düsterer aus. Dort stehen derzeit für rund 270 Kinder unter drei Jahren 16 Krippenplätze zur Verfügung. So schilderte jüngst der Sozial- und Jugendausschuss des Borgfelder Beirats die Situation. "Wer nach der Elternzeit wieder arbeiten möchte, der kümmert sich am besten schon mit dickem Bauch um einen Betreuungsplatz", zieht Claudia Becker bitter Bilanz.

Susanne Krause und Anna Hantke konnten manchen Eltern den Frust ersparen. Sie bieten in Lilienthal ein Tagesmütter-Modell an, "das es so noch nicht gibt", berichten die beiden Frauen. Sie betreuen nicht jede für sich die Kinder anderer Eltern, sondern haben sich zusammengeschlossen. Susanne Krause hatte sich vor fünf Jahren zur Tagesmutter ausbilden lassen. "Die eigenen Kinder haben mir eine neue Welt der Lebendigkeit eröffnet, die ich in meinem Büroalltag nicht hätte erleben können", blickt sie zurück. Sie wollte gern als Tagesmutter arbeiten. Anna Hantke entschloss sich 2008 dazu. Weil sie für ihre einjährige Tochter keinen Krippenplatz bekam. Beide Frauen haben sich mit den Grundlagen der Entwicklungspsychologie befasst. Beide haben in ihrer Ausbildung zur Tagesmutter viel über die Gesundheit des Kindes gelernt, Kenntnisse in Pädagogik und Soziologie erworben, den rechtlichen Rahmen ihrer Tätigkeit studiert, sich in Erster Hilfe schulen lassen und am Ende eine Prüfung abgelegt.

Regelmäßig bilden sie sich fort.

Immer mehr Anfragen

Susanne Krause hatte schon ein paar Jahre bei sich zu Hause begonnen, gemeinsam mit einer Kollegin die Arbeit als Tagesmutter zu leisten. Dann gab es immer mehr Anfragen von Eltern. "Wir mussten uns größere Räume suchen." In der Friedhofstraße mieteten die Frauen eine 80 Quadratmeter große Dachgeschosswohnung. Doch sie hatten ihre Rechnung ohne die zuständigen Ämter gemacht. "Dieses Modell kannte niemand", berichtet Susanne Krause. "Wir mussten dafür sehr kämpfen." Sie betreiben weder ein Gewerbe noch seien sie eine Einrichtung. "Wir sind ein Zusammenschluss von zwei Tagesmüttern", erklärt Susanne Krause. Das zähe Ringen um ihre Idee hatte Erfolg. Die Pflegeerlaubnis und die Genehmigungen vom Bauamt und vom Amt für soziale Dienste haben sie erhalten. "Und mittlerweile haben wir zum Amt für soziale Dienste einen guten Draht."

"Bambini" steht in bunten Buchstaben an der Tür. Dahinter bieten Susanne Krause und Anna Hantke eine anerkannte Kindertagespflege für bis zu zehn Mädchen und Jungen an. Für die Gruppengröße, erzählen die beiden Frauen, bekamen sie eigens eine Genehmigung. Claudia Becker würde es begrüßen, "wenn dieses Modell Schule macht". Sie schätzt die Flexibilität bei der Betreuung. Wenn eine einzelne Tagesmutter wegen Krankheit ausfällt, stehen berufstätige Eltern erst einmal auf dem Schlauch. "Hier hat es so etwas in der ganzen Zeit nicht gegeben", sagt die Mutter.

Zwischen 7.30 und 14.30 Uhr betreuen die Tagesmütter in der Friedhofstraße Kinder bis zu drei Jahren. Musik und Bewegung bilden einen Schwerpunkt, berichten die beiden Tagesmütter. Dafür dürfen sie das Ballett-Studio im Erdgeschoss nutzen. Einmal in der Woche kommt die Musikschule Kling-Klang. Einen kleinen Garten gibt es auch, und ein größerer Spielplatz liegt nicht weit entfernt. Klare Strukturen sind ihnen ebenso wichtig, ergänzt Anna Hantke. "Die Kinder müssen sich orientieren und brauchen Rituale."

Spielkreis am Nachmittag

Fünf Euro in der Stunde zahlen die Eltern dafür. Beim Amt für soziale Dienste können sie einen Zuschuss beantragen. Hinzu kommen zwei Euro fürs Mittagessen, das jeden Tag auf den Tisch kommt. Um mehr Zeit für die Kinder und abholende Eltern zu haben, kümmert sich eine Haushaltshilfe anschließend um den Abwasch. Wegen der Nachfrage wollen die beiden Frauen jetzt mittwochs auch einen Spielkreis am Nachmittag anbieten und von 14.30 bis 17.30 Uhr Kinder zwischen zweieinhalb und fünf Jahren betreuen. "Wir wollen malen, basteln, musizieren, Gymnastik oder kleine Ausflüge machen." Sechs Euro pro Stunde soll es kosten. Anmelden kann man sich unter der Telefonnummer 04298/4653196.

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