Interview mit Danzigs Bürgermeisterin

„Wir sind keine freie Stadt“

Nach der Ermordnung von Pawel Adamowicz hat Bremens Partnerstadt Danzig eine neue Bürgermeisterin. Im Interview spricht Aleksandra Dulkiewicz über ihre Zeit im Amt und darüber, was ihr an Bremen am besten gefällt.
25.05.2019, 19:58
Lesedauer: 6 Min
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Von Thomas Waschnewski
„Wir sind keine freie Stadt“

Der tödliche Anschlag auf den Danziger Bürgermeister hat Polen geschockt und in tiefe Trauer gestürzt.

Omar Marques/SOPA Images via ZUMA Wire/dpa

Frau Dulkiewicz, Sie sind seit zwei Monaten im Amt. Wie können Sie diese kurze Zeit als Danzigs neue Bürgermeisterin zusammenfassen?

Aleksandra Dulkiewicz: Am 11. März war meine Amtseinführung als Bürgermeisterin. Einerseits versuche ich die Arbeit in meinem engsten Team mit meinen engsten Vertrauten zu organisieren, aber andererseits gibt es so viele Dinge, die nicht warten können, wie die große 30-jährige Jubiläumsfeier der teilweise freien Wahlen in Polen.

Nachdem Danzigs ehemaliger Bürgermeister Pawel Adamowicz erst niedergestochen wurde und dann im Krankenhaus verstarb: Wie schwer war es, sich wieder auf Ihre politischen Aufgaben zu konzentrieren, als damals stellvertretende Bürgermeisterin?

Ich denke nicht so oft darüber nach. Ehrlich gesagt, es passiert einfach. Deshalb habe ich niemals darüber nachgedacht, ob es schwer oder leicht oder was auch immer war. Ich habe schlicht gespürt, dass es etwas war; was ich zu tun habe, um lediglich meine Pflicht zu erfüllen. Als stellvertretende Bürgermeisterin war ich grundsätzlich für Investitionen und Wirtschaftspolitik verantwortlich, aber jetzt bin ich verantwortlich für alles (lacht) und kann nicht so sehr ins Detail gehen. Also muss ich meine Art zu denken ändern. Manchmal habe ich das Gefühl, ich stelle den Leuten zu viele detaillierte Fragen.

Die tragischen Ereignisse um Pawel Adamowicz passierten auf der Bühne einer öffentlichen Wohltätigkeitsgala: Sind Sie deshalb in der Öffentlichkeit vorsichtiger geworden?

Nicht wirklich, aber ich habe jetzt Sicherheitspersonal. Trotzdem laufe ich normal durch die Straße mit Menschen, die an diversen offenen Events teilnehmen. Aber ich kann sehen, dass die polnischen Behörden und die Polizei zum Beispiel, aktiver auf öffentlichen Veranstaltungen sind.

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Danzig feiert im Juni das 30-jährige Jubiläum der polnischen Demokratie – die Solidarnosc-Bewegung spielte dabei eine entscheidende Rolle. Das erste Auslandsbüro gab es in der Partnerstadt Bremen. Bürger sendeten von dort aus Pakete nach Danzig. Sind diese Erinnerungen noch lebendig?

Ich kann mich noch erinnern, dass als Kind, während schwieriger kommunistischer Zeiten, wir viele verschiedene Arten von Hilfe bekamen. Das war sehr wichtig, nicht nur weil wir arm waren und nichts hatten, auch weil die Menschen schwer krank waren. Da gab es eine echte Hilfe im medizinischen Sinne. Ich weiß nicht, ob sich die Leute noch daran erinnern. Meine Generation vielleicht ja. Meine Tochter brauchte das nicht mehr, weil wir andere Zeiten haben. Das ist es, was wichtiger ist für mich, dass wir jetzt als Stadt Danzig versuchen, anderen Städten und Gemeinden zu helfen, zum Beispiel in der Ostukraine oder in postsowjetischen Ländern, wo wir vielleicht nicht immer Hilfe leisten. Wir versuchen, die Erfahrung kommunaler Demokratie zu teilen.

Was bedeutet diese Partnerschaft für Sie?

Ich selbst habe Bremen zwei oder drei Mal besucht, im offiziellen Sinne, als ich Mitglied des Stadtrats war – auch während des Jubiläums vor drei Jahren. Für mich persönlich ist das sehr wichtig, aus verschiedenen Gründen. Einer ist sehr symbolisch: Weil wir, trotz unserer schwierigen Geschichte im Zweiten Weltkrieg und während kommunistischer Zeiten, diese Partnerschaft zwischen unseren beiden Städten gestalten konnten. Aber das ist nicht nur eine symbolische, sondern auch eine lebendige Partnerschaft. Heute ist es für mich sehr wichtig zu sehen, wie Ihr in Bremen mit all diesen Migrationsfragen umgeht, aber auch Gleichstellungspolitik, etwas das immer wichtiger wird, vielleicht nicht in Polen, aber besonders in Danzig, da wir ein Konzept für Gleichstellung verabschiedet haben. Also, das ist etwas, was ich wirklich ein bisschen von Bremen lernen möchte.

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Was hat Ihnen am besten an Bremen gefallen?

Eine Sache ist für mich persönlich wichtig, weil wir als Stadt vor einigen Jahren ein Geschenk aus Bremen bekamen. Das ist ein kleiner Springbrunnen mit den Tieren dieser Bremer Legende. Der steht vor meinem Haus. Also kann ich jeden Morgen ein Symbol Bremens sehen, wenn ich aufwache und durch das Fenster schaue, also bin ich irgendwie persönlich verbunden mit Bremen (lächelt). Für mich ist es ziemlich wichtig, wie Ihr das zentrale Herz der Stadt organisiert habt, dass Ihr eine Straßenbahn habt, die am Hauptplatz vorbei fährt. Das ist etwas, worüber wir immer noch nachdenken. Eine kompakte Stadt zu bilden, welche die Leute einfach ohne Auto erreichen können – und diese ganzen Fußgängerzonen, welche zumindest meiner Meinung nach ziemlich gut organisiert sind. Ich bin nicht sicher, was die Einwohner Bremens sagen.

Die meisten Ausländer, die Danzig besuchen, kommen aus Deutschland – aber die sind mehr interessiert an der deutschen Geschichte der Stadt. Denken Sie, dass das polnische Danzig und Solidarnosc bei deutschen Touristen unterbewertet ist?

Na ja, ich verstehe nicht so ganz, was die polnische Geschichte von Danzig ist, weil es nur eine Geschichte gibt, welche sehr kompliziert und multinational war. Nach unseren jährlichen Erhebungen über die Touristenströme ändert es sich gerade. Diese Art von sentimentalen Reisen aus Deutschland gehen zurück. Aus dem einfachen Grund, dass ­Menschen, die einige Empfindungen hatten, älter werden. Jetzt sind die Skandinavier die zweitgrößte Besuchergruppe nach den Deutschen – und deren Gründe hierher zu kommen sind total anders. Deshalb denken wir, dass nicht nur Geschichte unser touristisches Produkt ist.

An diesem Sonntag sind Europawahlen. Pawel Adamowicz war dafür, dass Danzig bereit sein sollte, Flüchtlinge aufzunehmen, auch aus der muslimischen Gemeinschaft. Unterstützen Sie als neue Bürgermeisterin seine Haltung?

Wir haben 2016 ein Konzept für die Integration von Migranten verabschiedet, für welches die Stadt und der Bürgermeister persönlich von der Regierungspartei sehr stark kritisiert wurden. Aber wir sind keine freie Stadt, wir sind eine polnische Stadt, deshalb müssen alle die Entscheidungen, die von der polnischen Regierung getroffen werden, umsetzen. Der Bürgermeister hatte versucht, die Regierung zu überzeugen, auch mit Hilfe der römisch-katholischen Kirche, dass wir Menschen helfen sollten, die in großer Not sind. Zum Beispiel denjenigen, die aus Syrien geflohen sind. Wir sind immer noch dafür offen. Das war der Grund, warum wir als Stadt zusammen mit NGOs dieses Modell vorbereitet haben, um bereit für diese Situation zu sein ‒ ganz gleich, ob die polnische Regierung ein Verbündeter anderer europäischer Länder sein wird. Wir wissen nicht, ob das passiert. Wir haben Migranten unabhängig von dieser Entscheidung aufgenommen, hauptsächlich aus der Ukraine, aber auch Weißrussland und Menschen aus fernöstlichen Ländern wie Bangladesch, die nach einem besseren Leben suchen.

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Sie sagten, dass Danzig für diese Situation bereit sein muss. Eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten kann mitunter bis zu 14 Monate dauern. Denken Sie, die Behörden waren nicht ausreichend auf diese Situation vorbereitet?

Diese Situation ist ziemlich kompliziert, weil einige administrative Vorgänge nicht in meiner Verantwortung als lokale Behörde liegen, sondern im Bereich der Woiwodschaft Pommern (entspricht einem Bundesland; Anm. d. Red.). Ja, wir waren nicht bereit dafür. Meistens, wenn ich verschiedene Unternehmen treffe, haben diese immer als erste Frage: ‚Wir warten seit etlichen Monaten auf eine Arbeitsgenehmigung, helfen Sie uns.‘ Sorry, ich kann nichts machen, weil das nicht in meinen Kompetenzen liegt, aber ich fühle mich irgendwie verantwortlich. Ich denke, es ist etwas besser als vergangenes Jahr. Vielleicht lernen sie, es schneller zu machen, weil die Leute, die hier leben, sonst woanders hin ziehen. Das sollte nicht passieren, denn sie sind für mich als Bürgermeisterin auch aus wirtschaftlichen Gründen wichtig.

Am heutigen Sonntag finden Bürgerschaftswahlen in Bremen statt. Seit über 70 Jahren regieren die Sozialdemokraten. Denken Sie, das ist eine gute Entwicklung? Oder braucht eine Stadt irgendwann einen Politikwechsel?

Ich bin mir nicht ganz sicher. Nicht nur in Polen, aber auch in Europa haben wir immer noch diese traditionelle Trennung zwischen Konservativen, Christdemokraten, Sozialdemokraten und Grünen. Aber diese verschiedenen Unterteilungen verändern sich. Na ja, in Deutschland ist das vielleicht nicht so sichtbar, obwohl Ihr dennoch diese AfD-Bewegung habt, die stärker wird und weniger Stimmen, zum Beispiel für die FDP, welche fast nicht mehr relevant ist. Ich denke, dass die Leute nicht länger nach dem Namen der Partei schauen, sondern mehr auf den Charakter einer konkreten Persönlichkeit. Und in diesem Sinne eine Stadt zu regieren, denke ich, das ist eine Frage des Vertrauens und der persönlichen Überzeugungen. Die Menschen wollen einen Anführer haben. Auch wenn sie dem vielleicht nicht zu hundert Prozent zustimmen, sie wollen dennoch eine lebendige Person mit Ideen haben. Also denke ich, auf diese Weise verändern wir uns als Gesellschaft.

Die Fragen stellte Thomas Waschnewski.

Info

Zur Person

Aleksandra Dulkiewicz arbeitete eng mit Danzigs ermordetem Bürgermeister Pawel Adamowicz zusammen. Vor zweieinhalb Monaten hat die 39-Jährige das Amt übernommen.

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