Karim und Malik Raho wollen Algerien gegen Deutschland siegen sehen – die Mama hält es mit ihren Landsleuten

"Wir werden Revanche für 1982 nehmen"

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft trifft am Montagabend (Anstoß 22 Uhr) auf Algerien. Ein Spiel, das auch Karim und Malik Raho mit Spannung erwarten. Denn Algerien ist das Heimatland ihres Vaters. Sie drücken ihren Landsleuten die Daumen, während Mutter Petra Raho auf die Löw-Truppe setzt.
29.06.2014, 19:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Christian Markwort

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft trifft am Montagabend (Anstoß 22 Uhr) auf Algerien. Ein Spiel, das auch Karim und Malik Raho mit Spannung erwarten. Denn Algerien ist das Heimatland ihres Vaters. Sie drücken ihren Landsleuten die Daumen, während Mutter Petra Raho auf die Löw-Truppe setzt.

Der Stachel sitzt auch nach mehr als 30 Jahren noch immer sehr tief: Mit einem Skandalträchtigen 1:0–Erfolg gegen Österreich sorgte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft 1982 bei der WM in Spanien für die „Schande von Gijon“. Durch dieses – offensichtlich abgesprochene – Resultat zogen damals beide Nachbarländer in die Zwischenrunde ein – auf Kosten des Drittplatzierten in der Gruppe, Algerien. „Das haben wir Algerier bis heute nicht vergessen“, konstatiert Karim Raho aus Lilienthal. Gemeinsam mit Mutter Petra und Bruder Malik wird der 18-Jährige heute Abend vor dem Fernseher die Achtelfinal-Partie zwischen dem Heimatland seines Vaters Kader und der deutschen Fußball-Nationalmannschaft verfolgen. „Wir werden Deutschland schlagen und endlich Revanche für 1982 nehmen“, sind sich die Brüder einig. Lediglich Mutter Petra Raho – selbst seit vielen Jahren eine erfolgreiche Fußballerin – wird den Deutschen die Daumen drücken. „Aber zum Streit wird es nicht kommen“, betonen alle drei, „dafür haben wir uns viel zu lieb.“

In der Tat herrscht große Harmonie im Hause Raho. Die Mutter umsorgt ihre Jungs mit viel Zuneigung und diese revanchieren sich mit guten Leistungen in der Schule oder auf dem Fußballplatz. Karim hat gerade erst sein Abitur mit der Note 2,5 bestanden, Malik strebt die Mittlere Reife an. Beide spielen Fußball, der 13-jährige Malik wechselte jüngst als D-Junioren-Meister vom FC Oberneuland zum SV Lilienthal/Falkenberg, sein älterer Bruder peilt bei den U-19-Junioren des SV Werder Bremen eine Profikarriere an. Die Mutter unterstützt ihre beiden Sprösslinge tatkräftig, entweder als Fahrerin zu den jeweiligen Spielorten der Jungs oder als vertrauensvolle Ansprechpartnerin für deren Probleme. „Sie kommen beide mit allem zu mir“, betont die 52-Jährige, „und genauso soll es auch sein.“ Die drei haben seit der Scheidung der Mutter von Ex-Ehemann Kader ein enges Verhältnis zueinander, „außer beim Fußball“, fügen die Drei lachend hinzu. Heute Abend zum Beispiel treten die Jungs in die Fußstapfen ihres Vaters, der selbst ein bekannter Sportler in dem nordafrikanischen Land war und seinen Jungen die Liebe zu seinem Heimatland förmlich in die Wiege gelegt hat.

Auch Onkel Slimane spielt eine wichtige Rolle für die beiden Jugendlichen – er absolvierte bis 2010 48 Länderspiele für Algerien und ist mit ihrem Vater zusammen ihr großes Vorbild. „Durch sie haben wir die Liebe zum Fußball entdeckt“, erklärt Malik Raho, der im kommenden Jahr auch den Schiedsrichterschein machen möchte. Von Klein auf standen die männlichen Rahos auf dem Fußballplatz, auch Mutter Petra prägte die Fußballlandschaft in und um Lilienthal herum. Als 15-Jährige drängte sie beim damaligen TV Lilienthal auf die Gründung einer Frauen-Fußball-Abteilung – mit Erfolg: 1978 ging die erste weibliche TVL-Mannschaft an den Start, im Laufe ihrer Karriere wurde Petra Raho unter anderem Bremer Meisterin und gewann später auch das „Double“ aus Meisterschaft und Pokal im Bereich Osterholz/Verden. Wegen einer Verletzung beendete sie beim TSV St. Jürgen ihre aktive Karriere und trainiert seither verschiedene Mannschaften. „Für meine Jungs würde ich alles tun“, versichert sie, „die stehen bei mir über allem anderen.“

Karim und Malik sehen der spannungsgeladenen Partie hoffnungsfroh entgegen. „Unser Vater hat uns immer wieder von dem Skandalspiel erzählt“, sagt Karim, „wir setzen heute Abend auf den unbedingten Willen unserer Spieler, diese Scharte endlich auszuwetzen.“ Grundsätzlich sei Deutschland „der klare Favorit“, betonen beide, „aber bei dieser WM ist schon so viel Unerwartetes passiert, warum sollten wir nicht auch endlich einmal Glück haben?“ Realistisch betrachtet könnten die Nordafrikaner weder spielerisch noch läuferisch mit den Deutschen mithalten, „aber mit der richtigen Motivation können sie Berge versetzen“, hoffen die Raho-Jungs. Mutter Petra sieht das Ganze etwas weniger emotional: „Das ist doch schon so lange her, heute spielen doch in beiden Mannschaften ganz andere Kicker mit“, meint sie – und erntet ein vehementes Kopfschütteln ihrer beiden Jungs. „So eine Schande darf niemand jemals vergessen und so etwas darf sich auch nie mehr wiederholen“, erklären die beiden einstimmig. Sie seien von ihrem Vater immer zur Aufrichtigkeit und zum Fair-Play angehalten worden und hätten diese Prämisse verinnerlicht. „Heute Abend zieht Algerien in die nächste Runde ein und dann haben wir endlich Gerechtigkeit“, hoffen die Raho-Jungen, während Mama Petra einfach nur lächelt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+