Spurensuche in Stuhr

Wo Hape Kerkelings Hurz-Sketch entstand

Stuhr. 20 Jahre ist es her, da ist im Stuhrer Ratssaal ein Stück Fernsehunterhaltungs-Geschichte geschrieben worden - inkognito haben Hape Kerkeling und Achim Hagemann das Publikum mit äußerst experimenteller Musik verblüfft. Ein Blick zurück.
22.06.2011, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Gaby Wolf
Wo Hape Kerkelings Hurz-Sketch entstand

„Huuurz!“ Edgar Wöltje ist bei der Gemeinde Stuhr für Kultur zuständig. Er fädelte damals den ungewöhnlichen

Udo Messner

Stuhr. 20 Jahre ist es her, da wurde im Stuhrer Ratssaal ein Stück Fernsehunterhaltungs-Geschichte geschrieben. Damals schmuggelten sich Komiker Hape Kerkeling - verkleidet als polnischer Tenor - und Klavier-Partner Achim Hagemann für die TV-Sendung "Total normal" ein, um das versammelte Konzertpublikum mit ganz neuen Maßstäben in Sachen experimenteller Musik zu überraschen. Heraus kam ein Sketch, der nur ein Stichwort braucht, um einem die Szenen wieder vors geistige Auge zu katapultieren: Hurz!

Birgitt Reckmeyer hat den Hurz-Auftritt damals als verantwortliche Redakteurin für die Sendung Total normal bei Radio Bremen mit vorbereitet. Und vorzubereiten war einiges. "Normalerweise bekommt man keine Zuschauer für unbekannte polnische Künstler, deshalb haben wir geguckt: Wo findet während unserer geplanten Drehtage gerade ein klassisches Konzert statt", erinnert sie sich. Wie der Zufall es wollte, war das in Stuhr der Fall. Also fragte Radio Bremen bei Edgar Wöltje an, Fachdienstleiter für Kultur bei der Gemeinde, ob man in Stuhr offen sei für ein Vorprogramm der eher ungewöhnlicheren Art.

Wöltje hatte kein Problem damit. Schließlich hatte es in Sachen Kulturveranstaltungen schon vorher die eine oder andere Zusammenarbeit mit dem Sender gegeben. "Und das mit den angeblichen polnischen Künstlern passte besonders gut, weil das Konzert, das wir an dem Abend regulär im Programm hatten, auch noch anspruchsvolle klassische Musik unter dem Motto Europa beinhaltete", erzählt der Fachdienstleiter. Allerdings hätten für das "Vorprogramm" eine ganze Menge Kameras aufgebaut werden müssen. Eine Tatsache, die das überraschte Publikum durchaus noch ins Stutzen hätte bringen können.

"Wir mussten die vielen Kameras irgendwie glaubhaft machen", bestätigt Birgitt Reckemeyer. Deshalb habe man Jürgen Koch, damals Fernsehmoderator bei "buten un binnen", für eine Einführung gewonnen. Er machte dem Publikum weis, Radio Bremen wolle zwei jungen aufstrebenden Künstlern die Chance geben, sich einem deutschen Publikum zu präsentieren.

Auch die Presse war nicht eingeweiht

Boris Hellmers, der von der Brinkumer Redaktion des WESER-KURIER als Rezensent zu dem Konzertabend entsandt worden war, weiß es noch genau. "Weder die Redaktion noch ich als Autor waren eingeweiht." Lediglich Fotograf Uwe Gallmeier - so erinnert sich dieser - erhielt vor Ort einen Tipp vom Fernsehteam. Dass etwas anders war als sonst, bemerkte Hellmers aber doch. An der ganzen aufgefahrenen Technik. Doch die Erklärung von Moderator Koch, Radio Bremen wolle vor dem regulären Konzert einen Beitrag für die (wie sich später herausstellte, nicht existente) Klassik-Serie "Musica Sonata" drehen, klang für ihn plausibel. "Ich muss zugeben, dass ich die Camouflage nicht erkannt habe."

Auch das übrige Publikum hörte sich ernsthaft an, wie Hape Kerkeling als Tenor Pjotr Stianek mit Brille, dunkler Lockenpracht und Bart zu dissonanten Klavierklängen Passagen aus einer frei erfundenen expressionistischen Oper vortrug. Eine Zeile dürfte sich vielen besonders eingeprägt haben: "Der Wolf, das Lamm, auf der grünen Wiese." Dann der Ausruf: "Hurz!"

Edith Dunkhase aus Heiligenrode saß damals ahnungslos im Publikum. "Ich hatte von Hape Kerkeling noch gar keine Ahnung, meine Kinder kannten ihn, aber die waren ja nicht dabei." Aber auch wenn sie ihn aus dem Fernsehen gekannt hätte, so glaubt sie, hätte sie ihn wohl nicht erkannt. "Irgendwie bin ich auch zu gutmütig gewesen", sinniert sie. "Das Publikum sollte ja Fragen stellen, und da habe ich gedacht: Wenn keiner was sagt, dann sage ich eben was." Ob da denn noch mehr Tiere drin vorkommen, lautete ihre Frage. Ein Satz, der dann sogar im später durch den Rundfunk dudelnden Hurz-Lied vorkam.

Doch auch direkt nach der Ausstrahlung des Sketches bescherte ihr der Beitrag eine ungeahnte Bekanntheit. "Hier im Dorf haben mir die Jugendlichen eine ganze Weile immer Hurz hinterhergerufen." Auch in der Sögestraße und in der Hochgarage in Bremen sei sie angesprochen worden. Bei der Kunstausstellungsreihe Documenta in Kassel sei ihr sogar mal ein Herr nachgelaufen und habe gefragt: "Sind Sie nicht die mit dem Hurz?" Auch heute noch, wenn Hurz mal wieder im Fernsehen gezeigt worden sei, erhalte sie Anrufe aus dem Bekanntenkreis - sogar aus Österreich. Das Ganze sei aber auch gut eingefädelt gewesen, findet Edith Dunkhase. "Ich habe schon einige moderne Sachen gehört, die waren ganz abstrus - so anders war das nicht."

Auch Hellmers hatte es als Rezensent schon oft mit Neuer Musik zu tun. "Solche Eskapaden waren da durchaus normal - insofern hatten Kerkeling und Hagemann eine erstaunlich echte Vorführung geboten", urteilt er. "Die Musik erschien mir also normal. Die Publikumsbeteiligung allerdings zunehmend weniger."

Situationskomik vom Feinsten

Dass die Zuhörer überhaupt zu ihrer Meinung befragt wurden, sei ungewöhnlich gewesen. "Die Art, wie Kerkeling sie mit Nachfragen aber in eine verbal hoffnungslose Situation trieb, war auffällig", erinnert sich Hellmers. "Für mich löste sich das Rätsel, weil mein Sitznachbar, der Reporter der Kreiszeitung, Kerkeling erkannte und mir das zuflüsterte", erzählt er. "Ich musste mich schwer beherrschen, denn nun war das Situationskomik vom Feinsten."

Die als Auflösung gedachte Total-normal-Titelmelodie "Das ganze Leben ist ein Quiz" brachte nur bei einem kleinen Teil des Publikums Erhellung. "Einer von denen, die später auch in der Fernsehfassung auftauchten, fragte mich in der Pause tatsächlich: ,Was war das jetzt eigentlich?'", erzählt Hellmers. "Er hat wahrscheinlich erst bei der Ausstrahlung oder durch den Nachruhm von Hurz verstanden, wo er hineingeraten ist." Dass Hurz so bekannt und sogar zu einem Inbegriff für Intellektuell-Verquastes (wie er es ausdrückt) werden würde, hätte Hellmers nicht gedacht. "Ich fand aber schon damals die Idee, ein elitäres Publikum auf diese Weise an der Nase herumzuführen, genial."

Dass die Sache funktionieren würde, hatte Radio-Bremen-Redakteurin Birgitt Reckmeyer eigentlich erwartet. "Weil wir das ordentlich durchdacht hatten." So habe etwa Achim Hagemann damals vorher gefragt, was er denn in dem Moment tun solle, außer nur als Miroslav Lemm am Klavier zu sitzen. "Da bin ich mit ihm durchgegangen, was er sagen sollte, egal, was aus dem Publikum kommen würde." So kam es, dass Hagemann jedes Mal mit gespieltem osteuropäischem Akzent auf Englisch wiederholte: "Maybe we could repeat the first phrase."

"Das hat er eisern durchgezogen, das fand ich persönlich sehr komisch", sagt Brigitt Reckmeyer, die jedoch nie erwartet hätte, dass Hurz geradezu ein Klassiker werden würde. Obwohl sie seit einigen Jahren im Ruhestand ist, wird sie heute noch auf Hurz angesprochen. "Wenn man sagt, dass man bei Radio Bremen in der Unterhaltung gearbeitet hat, verbinden das die Menschen meistens mit Carrell, Loriot und Kerkeling."

Ausgerechnet Edgar Wöltje war am Hurz-Abend selbst nicht vor Ort. Weil er an dem Tag Geburtstag hatte, überließ er die Begleitung einer Kollegin. Dafür war er es, der in den Tagen danach so manchen empörten Anruf aus der Publikumsschar entgegennehmen musste. Unter anderem von Edith Dunkhase. Heute kann sie darüber schmunzeln. "Inzwischen mag ich Hape Kerkeling unheimlich gern", schwärmt sie. "Vor allem als Horst Schlämmer."

Wöltje wiederum hat die Gardinenpredigten von damals unbeschadet überstanden. Apropos, Gardinen. Die Vorhänge, die damals groß mit im Bild waren, sind im Stuhrer Rathaus immer noch dieselben.

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