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Zwischen Kunst und Kaffee-und-Kuchen-Dorf
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Wirklich ein Ort für Künstler?

Peter Groth 19.07.2018 0 Kommentare

Heinrich Vogelers Gesamtkunstwerk Barkenhoff ist heute als Teil des Museumsverbunds auch Besuchermagnet.
Heinrich Vogelers Gesamtkunstwerk Barkenhoff ist heute als Teil des Museumsverbunds auch Besuchermagnet. (Maximilian von Lachner)

Der Satz wirkt wie eine Ohrfeige: „Nur ein toter Künstler ist ein Worpsweder Künstler.“ Unter den in der Gemeinde lebenden Malern, Bildhauern, Zeichnern, Medien- und Installationskünstlern kursiert momentan ein Blatt mit diesem so vernichtend bösen Satz. Wer ihn geprägt hat, ist nicht klar. Sicher ist nur, er ist auf die Einladungskarte zur aktuellen „Kaleidoskop“-Ausstellung in den vier Häusern des Museumsverbundes gemünzt. Deren Kurator Jörg van den Berg wagt einen anderen Blick auf Worpswede als Kunstwerk, Landschaft, Lebensort und hat tatsächlich neben Arbeiten auswärtiger Künstler nur Werke längst verstorbener Worpsweder für wert befunden, in seine Präsentation aufgenommen zu werden. Einzige Ausnahme: Fotograf Rüdiger Lubricht.

Künstler sein im Künstlerdorf Worpswede war schon immer nicht ganz einfach – da hat sich in den fast 130 Jahren seit der Ankunft der Gründerväter wenig geändert. Einerseits haben die frühen Maler dem Dorf Ruhm und Einkünfte gebracht, andererseits haben Bauern, Handwerker, Kaufleute und Arbeitnehmer sich über die Lebensweise der Künstler amüsiert und geärgert. Einfach waren die Verhältnisse noch nie in Worpswede, das hat sich bis heute nicht geändert, und es gibt nicht wenige Worpsweder, die glauben, der Streit, die Verrücktheiten, die Eifersüchteleien, die gehörten in diesem „Schlangennest“ einfach dazu. Die stetige Auseinandersetzung, die Aufsplitterung der Künstlerschaft in konkurrierende Grüppchen sei der Nährboden, auf dem Kunst und Kultur gedeihen.

Bürgermeister Stefan Schwenke hat wohl recht, wenn er den rund 5000 Menschen zählenden Zentralort Worpswede für einzigartig hält. In Worpswede leben und arbeiten nach Angaben der Gemeinde rund 150 professionelle Künstler und Kunsthandwerker, jeder vierte Arbeitsplatz kann der Kultur- und Kreativwirtschaft zugerechnet werden. Hier gibt es sechs große Museen, noch einige wenige Galerien, bemerkenswerte Denkmäler und Architekturen, ein reges Musikleben aller Genres, das insbesondere vom ehrenamtlichen Engagement lebt. Es gibt diverse Orte des kulturellen Experiments wie etwa das Haus Bertelsmann, ein sich gerade etablierendes und überregional beachtetes Fotofestival und eine lebendige Spielstätte für Boulevardtheater. In Deutschland könnte allenfalls noch Oberammergau mit seiner christlichen Kulturtradition Worpswede das Wasser reichen. Selbst unter den etwa 130 bis 180 europäischen Künstlerkolonien verfügt kein Ort über ein so vielfältiges, aktives kulturelles Leben wie Worpswede. Die besondere Rolle hat wiederholt geschäftstüchtige Kulturmanager auf den Plan gerufen, die dem Ort mit einer Biennale Glamour und internationale Aufmerksamkeit versprachen oder mit dubiosen Worpswede-Kunstpreisen im Trüben fischten. Genützt hat dem Ort weder das eine noch das andere Angebot, VIP-Shuttles für Kommunalpolitiker, das Prahlen mit großen Namen und Preise, die nicht ausgezahlt wurden, lösten eher Ärger, Hohn und Spott aus.

Die Alleinstellungsmerkmale Worpswedes sind in Deutschland und im angrenzenden europäischen Ausland bekannt. Deshalb steht die Tourismusförderung im Mittelpunkt aller Anstrengungen, Menschen nach Worpswede zu locken. Die Besucher kommen in die Museen, nutzen die gastronomischen Angebote, buchen Zimmer in Hotels, Privatquartieren und Pensionen, kaufen Kitsch, Kunst und Mitbringsel. Rund 50 000 Übernachtungen zählt das Gastgewerbe (mehr als die Hälfte davon in der Jugendherberge), etwa 250 000 Tagesgäste die Touristen-Information, eine höhere fünfstellige Besucherzahl registrieren die Museen pro Jahr. Die Zahl der Tagesgäste war schon einmal deutlich höher, die Museumsbesuche sind nicht zuletzt vom Ausstellungsangebot abhängig und schwanken entsprechend. Worpswede ist also ein Museumsdorf, ein Kaffee-und-Kuchendorf, ein Kulturdorf, ein Naturdorf – und auch ein Künstlerdorf?

Ein Museumsdorf allemal. Die Worpsweder Kunsthalle, die Große Kunstschau, der Barkenhoff und das Haus im Schluh sind als Stiftungen im 2010 gegründeten Museumsverbund organisiert. Zwei der Häuser – Kunstschau und Barkenhoff – werden von der öffentlichen Hand alimentiert, Kunsthalle und Schluh sind Familienstiftungen und verfügen über deutlich geringere Budgets. Für alle vier bis 2013 mit mehr als neun Millionen Euro baulich sanierte Museen werden Fördergelder für Sonderausstellungen und das Marketing zentral eingesammelt und betrieben. Allein für die aktuelle „Kaleidoskop“-Ausstellung akquirierte der hauptamtlich besetzte Verbund mehr als 360 000 Euro. Einen anderen Status haben das von der Familie Kaufmann betriebene und von ihr allein finanzierte Museum am Modersohn-Haus und die Käseglocke – dieses denkmalgeschützte Museum für das Worpsweder Kunsthandwerk betreibt der Verein Freunde Worpswedes ausschließlich mit ehrenamtlichen Kräften.

Alle Worpsweder Museen müssen einerseits den Anspruch vieler Besucher erfüllen, die die Kunst der alten Worpsweder sehen wollen, müssen andererseits in Sonderausstellungen aber auch unterschiedlichste Facetten regionaler, nationaler und internationaler Kunst zeigen, um ein neues, jüngeres Publikum anzusprechen. In diesem Spagat zeigt sich das Dilemma des Museumsdorfes: Der im Wesentlichen von der EU mit Millionen finanzierte Masterplan zur baulichen Sanierung der Ausstellungshäuser und des Ortskerns sollte nach der Wiedereröffnung 2012/13 nun mit einer inhaltlichen Erneuerung des Ausstellungswesens fortgesetzt werden. Doch dafür gab es keinen Masterplan. Zwei, drei Versuche, in den ohnehin besucherschwachen Wintermonaten eine „Worpswede zeitgenössisch“-Reihe auf die Beine zu stellen, scheinen sang- und klanglos beendet worden zu sein. Dabei haben externe Fachleute in der Vergangenheit immer wieder auf das Problem der stetig älter werdenden Worpswede-Besucher hingewiesen. Gästebefragungen deuteten zudem an, dass die Museen zwar von einem überdurchschnittlich gut gebildeten Klientel frequentiert werden, Tagesbesucher aus der Nahregion und jüngere Gäste jedoch unterrepräsentiert sind.

Die Klassifizierungen Worpswedes als Naturdorf oder als Kaffee-und-Kuchendorf sind offenkundig. Trotz der Ausweisung neuer Baugebiete und trotz der innerörtlichen Verdichtung sind die Lage des Ortes am Rande des Teufelsmoores, das Areal um die Marcusheide und den Weyerberg für Spaziergänger und Naturliebhaber weiter interessant. Und dass die Gastronomie in jeder nur erdenklichen Art und Weise um die Tagesgäste buhlt, ist ebenso deutlich. Cafés und Restaurants, Bistros und Snackbars leben genauso wie die zahlreichen kunstgewerblichen Läden mit ihren nicht immer kitschfreien Angeboten von den Touristen.

Vielfältigkeit zeichnet das Angebot im Kulturdorf Worpswede aus. Das gilt insbesondere für das Musikleben. Überregionale, wenn nicht gar internationale Strahlkraft hat die Music Hall, in der seit mehr als zwei Jahrzehnten berühmte Bands und Solisten aus aller Welt Konzerte geben – ein Verein betreibt diesen Klub als Non Profit-Unternehmen mit Unterstützung zahlreicher freiwilliger Helfer. Nicht ganz so lang wie die 1994 von HD Ludwig gegründete Music Hall existiert die Reihe Worpsweder Orgelmusik, in der Kirchenmusikerin Ulrike Dehning mitnichten nur Konzerte an der 2012 in der Zionskirche eingeweihten Ahrend-Orgel anbietet. Um den Neubau der Orgel zu finanzieren, rief sie sonntägliche Benefizkonzerte in der Kirche und im nahen Gemeindesaal ins Leben. Diese erstaunlich langlebige und von einem großen Publikum angenommene Reihe bietet Kirchenmusikern, Klassikensembles und Solisten Auftrittsmöglichkeiten und stellt bisweilen unbekannte Perlen des Musiklebens wie jüngst den Liederzyklus „Worpswede“ von Paul Scheinpflug vor. Zudem finden in der Reihe Chorkonzerte statt, bei denen sich die zahlreichen in Worpswede aktiven Chöre dem Publikum präsentieren. Zeitgenössische Musik und Literatur fördert der noch junge Verein Podium Worpswede, der vor allem mit Gesprächskonzerten in der Bötjerschen Scheune das Verständnis für diese Form erweitern möchte. Ähnlich avantgardistisch agiert der Verein Treibgut, der im Haus Bertelsmann mehrfach im Jahr „interkulturelle und interdisziplinäre Ausdrucksformen“ in den Sparten Tanz, Musik, Sprache und Bild vorstellt. Unterstützt werden alle diese musikalischen Angebote seit jüngster Zeit von einem unter dem Dach der Stiftung Worpswede angesiedelten Musikfonds, mit dem engagierte Bürger des Ortes Gelder für die Förderung von Konzerten sammeln und vergeben.

Geprägt wird das Kulturdorf Worpswede zudem von einem kleinen Boulevardtheater im Kulturcentrum Alte Molkerei, das deren Besitzer Knut Schakinnis dort eingerichtet hat, und von dem 2016 und 2017 mit großem Erfolg ins Leben gerufenen Fotofestival „Raw“. Die Fotografen Rüdiger Lubricht und Jürgen Strasser haben die Initiative ergriffen, Kollegen aus dem In- und Ausland eingeladen und Ausstellungen mit einem weitgefächerten Begleitprogramm organisiert. Dieses Festival soll nun alle zwei Jahre auch an ungewöhnlichen Ausstellungsorten stattfinden. Unterbelichtet sind in dem Kulturdorf die Sparten Literatur und Film, soziokulturelle Angebote fehlen nahezu völlig. Einzige Ausnahme: die innovative Kunstschule Paula, die von der Ottersberger Hochschule betreut wird.

Bleibt „das deutsche Künstlerdorf“, wie sich Worpswede inzwischen in schönstem Marketing-Sprech bezeichnet. Tatsächlich hat der auf einer Kanalbrücke des Ortsteils Bergedorf im Herbst 1889 von Fritz Mackensen, Otto Modersohn und Hans am Ende gefasste Entschluss, als Maler in Worpswede bleiben zu wollen, dem Dorf seine große Popularität beschert. Als die Gründer der Künstlerkolonie, zu denen sehr bald Heinrich Vogeler, Fritz Overbeck und Carl Vinnen hinzukamen, 1895 auf der Münchner Glaspalast-Ausstellung große Erfolge mit ihrer damals innovativen Malerei einheimsten, schrieb die örtliche Wümme-Zeitung folgendes: „Die Anwesenheit dieses lustigen Künstlervölkchens bringt natürlich unserem Ort viel Nahrung, ganz abgesehen von dem Ruhm, welcher sich durch die Erfolge der Künstler naturgemäß auch an den Namen Worpswede knüpft“. Dieser Ruhm lockte andere Künstler an, die wie Paula Modersohn-Becker oder Clara Rilke-Westhoff als Malschülerinnen kamen oder die diese eigentümliche Landschaft für ihre Arbeit entdecken wollten. Man spricht heute von einer zweiten und einer dritten Worpsweder Künstlergeneration. Im Gefolge entstand eine beachtliche kulturelle Infrastruktur mit Ausstellungshäusern, Werkstätten und Galerien, die Worpsweder Kunst verkauften. Die NS-Zeit hat die Entwicklung der Künstlerkolonie unterbrochen, innovative und kritische Momente der Zwanzigerjahre beendet.

Nach 1945 kamen neue Künstler, die die damals aktuellen künstlerischen Trends aufgriffen und die ihre Arbeiten in der Großen Kunstschau, in der Worpsweder Kunsthalle oder auch in der legendären Galerie „Die Insel“ von Klaus Pinkus und Lotte Cetto verkaufen konnten.

Diese Vielfalt der Worpsweder Kunst und des am Ort entstehenden Kunsthandwerks ist heute weit weniger sichtbar. Dass in dieser Gemeinde angeblich rund 150 Künstler leben und arbeiten, sieht der Besucher kaum noch. Ja, es gibt Maler, die sich einen eigenen Ausstellungsraum leisten. Und es gibt die Künstlergruppe aus dem Umfeld des Berufsverbandes Bildender Künstler (BBK), die in der Alten Molkerei mit viel persönlichem Engagement ihre Galerie Art 99 betreiben. Es gibt auch das Malerehepaar Landts, das seine Druckgrafik sonn- und feiertags im Zentrum vor der Tourist-Information auf Wäscheleinen hängen und verkaufen, oder Peter-Jörg Splettstößer, der mit seiner Reihe „Treffpunkt Worpswede“ immer wieder internationale Künstler heranholt. Und es gibt den Neuen Worpsweder Kunstverein, der sich in seiner Galerie im Hotel Village für zeitgenössische Kunst engagiert. Aber die Vielfalt ist alltäglich kaum sichtbar.

Für junge Künstler, für Hochschulabsolventen am Anfang ihrer Karriere ist die Tradition des Dorfes kein Grund, sich in Worpswede niederzulassen. Wohnungen und Ateliers sind rar und teuer, einen Kunsthandel gibt es für sie nicht. Und: Wer sich überregional als Künstler aus Worpswede bei Galeristen anpreist, steckt sofort in der Schublade „antiquiert“. Der Wohnort Worpswede sei für ihn eigentlich geschäftsschädigend, hat Bildhauer Waldemar Otto vor Jahren dem Kunstmagazin „art“ gesagt, sein Kollege, der Zeichner Pit Morell, einzig lebender Worpsweder Documenta-Künstler, sprach einst von einer selbstauferlegten Buße, in dem Dorf zu wohnen.

Die Klischees bestehen, die Tourismusförderer bedienen sie auch noch, und die Museen wissen um diese Ansprüche ihrer Besucher, verhalten sich zumeist „bestandskonservativ“.

Der Anspruch bei der Aufstellung eines Masterplans für das Künstlerdorf Worpswede war ein anderer – Traditionen sollten gewahrt, junge experimentelle Kunst gefördert werden, um langfristig ein neues Image des lebendigen Künstlerdorfes zu erzeugen.

Es ist bei dem verbalen Anspruch geblieben. 2009 hat das Land Niedersachsen trotz massiver Proteste sein Stipendiatenprogramm in Worpswede empfindlich reduziert – von 1970/71 bis 2009 kamen rund 400 Künstler aus aller Welt für mehrere Monate nach Worpswede, einige von ihnen blieben ganz. Weit vor den Masterplan-Experten hat der Zeichner und Buchgestalter Martin Kausche schon erkannt, dass nur der regelmäßige Austausch mit Kulturschaffenden von außen das Künstlerdorf lebendig erhalten könne. Er gründete die Künstlerhäuser Worpswede, die bis heute der einzige Ort sind, an dem Künstler, Musiker, Autoren oder Komponisten aus aller Welt für einige Zeit kreativ sind. Von ihnen gehen Impulse in den Ort aus, wie aktuell „Ausnahmezustand“, die Plattform für zeitgenössische Kunst im ehemaligen Hotel Eichenhof zeigt. Gefördert werden solche Experimente von der Gemeinde nicht, ein Dialog zwischen örtlicher Kulturpolitik und Künstlern findet offiziell nicht statt.

Man ist sprachlos gegenüber dem eigenen künstlerischen Potenzial, sagt Narciss Göbbel, der seit einigen Monaten eine Ortsentwicklungsgruppe Kultur leitet. Dem Museumsverbund ginge es gut, alle anderen seien mehr oder weniger Hungerleider. Es fehle an einer qualifizierten Kulturpolitik, an öffentlichen Förderzielen und Förderkonzeptionen oder Strategien, wie man – nur mal so gesponnen – Worpswede zu einem Kompetenzzentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft in Niedersachsen ausbauen könne, sagt Göbbel. Örtlichen Künstlern alle vier Jahre eine Einzelausstellung in der kommunalen Galerie Altes Rathaus zu ermöglichen und einmal im Jahr offene Ateliers zu organisieren – das macht „das deutsche Künstlerdorf“ nicht einzigartig. Und sie wie in der aktuellen Kaleidoskop-Ausstellung nahezu komplett zu ignorieren, spricht schon Bände.


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Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?
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