Tiergestützte Arbeit mit Jugendlichen „Tiere haben eine ausgleichende Wirkung auf die Seele“

Wie sehr es Kindern zu schaffen macht, nicht mehr gemeinsam spielen zu dürfen, weiß Hans Jordan. Der Kinder- und Jugendlichentherapeut aus Worpswede empfiehlt als Ausgleich den Kontakt mit Tieren.
09.04.2021, 09:30
Lesedauer: 3 Min
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„Tiere haben eine ausgleichende Wirkung auf die Seele“
Von Antje Stürmann
Wie hilft die tiergestützte Arbeit Kindern und Jugendlichen bei der Bewältigung dieser Pandemie?

Hans Jordan: Kontakt ist gefährlich geworden, man darf niemandem mehr zu nahe kommen. Das ist für Kinder befremdlich, weil sie ganz natürlicherweise Kontakt suchen und darin sind sie am besten aufgehoben. Aber körperlicher Kontakt, physische Nähe, all das ist im Moment verboten. In Kindergärten und Schulen werden Hygienekonzepte umgesetzt, bei denen Labyrinthe entstehen, man darf nur noch bestimmte Wege gehen und bestimmte Räume nutzen. Es ist alles sehr reglementiert und die Kinder fühlen sich mitunter wie in einen Dressurkäfig eingesperrt, wo ganz viel nicht mehr geht.

Was macht den Kindern noch zu schaffen?

In der Praxis hier gab es ein Kind, mit dem das Nachbarkind plötzlich nicht mehr spielen durfte, weil die Eltern meinten, dass das zu gefährlich sei. Solche Beispiele gibt es öfter. Oder es gibt Kindergeburtstage, zu denen niemand mehr eingeladen werden darf. Plötzlich ist nur noch ein Spielkamerad zugelassen, weil die Eltern versuchen, die Vorschriften besonders streng zu befolgen. Ich hatte einen Jungen in meiner Praxis, der hatte Angst, zu einem Eisblock zu werden. Ich finde, das ist ein treffendes Bild für das, was hier gerade passiert in der Gesellschaft: Wir liegen alle wie in einem Gefrierfach nebeneinander und keiner darf sich mehr bewegen. Das ist ein Zustand, den wir schnell überwinden müssen. In so einer Situation ist es für Kinder eine große Erholung und eine Art Oase, solche Orte wie die Jugendfarm aufzusuchen, wo es möglich ist, sich anzunähern, körperliche Berührung, Wärme und Zuneigung zu finden. Das ist bei Tieren in hohem Maße der Fall, wenn man sie als Persönlichkeit ernst nimmt und respektiert, also freundlich zu ihnen geht und sich mit ihnen beschäftigt. Auf der Farm weisen die Sozialpädagogen darauf hin, wie man mit den Tieren umzugehen hat.

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Wer profitiert besonders?

Ich glaube, dass bei der Arbeit mit Tieren alle Kinder viel Wärme und Ruhe bekommen, so wie man sie auch in einem Stall vorfindet. Von daher ist das eine ganz wichtige Arbeit. Dass diese Sozialarbeit im Freien stattfindet, ist auch toll. So etwas ist außerordentlich wertvoll für Stadtkinder, die oftmals gezwungenermaßen mit vielen Personen auf engem Raum den ganzen Winter verbracht haben. Für diese Kinder ist tiergestützte Pädagogik ein ganz wichtiges Angebot.

Gibt es genügend solcher tiergestützten Angebote?

In Worpswede lebt Cornelia Drees, die unter anderem in Kindergärten, Schulen und Altenheimen tiergestützte Arbeit anbietet. Sie besucht die Einrichtungen mit Hühnern, Schafen, Ziegen und Eseln. Im Kinderhaus, einer Elterninitiative im Dorf, bringt seit vielen Jahren eine Mitarbeiterin ihren Hund mit in den Kindergarten. Das vorhandene Angebot allgemein wäre sicher erweiterbar, aber dazu müsste man geeignete Träger finden, denn die Tiere brauchen Pflege und ganzjährig Betreuung. Ich glaube, viele Kindergärten würden gerne mehr mit Tieren machen, aber es muss immer einen Erzieher geben, der sich dafür zuständig fühlt.

Welche Alternativen bieten sich?

Wir sind hier auf dem Land in der glücklichen Lage, dass viele Kinder zum Beispiel mit Pferden Kontakt haben, mit Hunden, Katzen oder Hühnern. Viele kommen aus Familien, die Tiere halten. Das ist in dieser Zeit ein großer Halt. Die Tiere haben eine ausgleichende Wirkung auf die Seele. Ich kriege immer wieder mit, dass Leute, die reiten und jeden Tag mit ihrem Pferd draußen sind oder ihren Hund ausführen, weniger unter der Pandemie leiden als Menschen, die sehr viel Zeit am Bildschirm verbringen und stundenlang eingeengt in ihrer Bude hocken.

Das Gespräch führte Antje Stürmann.

Info

Zur Person

Hans Jordan ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut mit Schwerpunkt Kunsttherapie. Der 61-Jährige hat seit 2013 eine eigene Praxis in Worpswede, in der die Kinder auch von den beiden Katzen Oskar und Loulou begleitet werden.

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