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Worpsweder Künstlerhäuser (XIV): Auch der Surrealist Richard Oelze lebte im Haus an der Findorffstraße 4
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Ein Pfarrwitwenhaus als Kunst-Insel

Von Gudrun Scabell 13.12.2011 0 Kommentare

"Gegenüber dem dschungelverzweigten Rhododendronbusch, der rosa und weiß blühte, lag die Insel. Sie beherbergte eine Bildergalerie, die Lotte und Klaus betrieben." So erinnert sich der Dichter Johannes Schenk in seinem Buch "Dorf unterm Wind" an eine legendäre Epoche des Hauses an der Findorffstraße 4. Was aber kaum noch jemand weiß: Dieses Gebäude wurde ursprünglich als Pfarrwitwenhaus erbaut. 170 Jahre später, in den 1990er Jahren, erfuhr es zum wiederholten Male einen Eigentümerwechsel und eine Grundsanierung. Danach zogen Kunsthandwerker ein. Seit einigen Jahren ist das Haus verwaist. Dämmert es einer weiteren Kunstepoche entgegen?

Anno 1828 wurde aufgrund des Erlasses über die Einrichtung eines Pfarrwitwentums seitens des Konsistoriums in Stade ein Witwenhaus "aus einem in Schlußdorf abgebrochenen Fachwerkhaus" unterhalb des Kirchberges erbaut, wie Hans Hubert in seiner "Geschichte der Worpsweder Kirche" schreibt. Dieser Bestimmung aber waren nur zirka 20 Jahre vergönnt, denn die Witwe von Pastor Delius war "die erste und einzige Nutznießerin dieser sozial gedachten Einrichtung". 1850 verkaufte der Kirchenvorstand das Pfarrwitwenhaus an den Organisten und Lehrer Schröder. Der vermietete es an den Kaufmann Finken, der darin bis 1859 einen Laden unterhielt.

Nachdem Finken den Laden nach Hüttenbusch verlegt hatte, ließ Schröder das Haus zu einem Geschäftshaus für seine Söhne umbauen. Es blieb bis 1914 im Besitz der Familie Schröder. Danach erwarb es der Bildhauer Hermann Seekamp, der hier viele Jahre eine Kunstausstellung betrieb. Möglicherweise hatte Seekamp, der 1881 in Bremen geboren worden war, das Haus schon vor 1914 gemietet und eine Ausstellung gegründet, doch das ist nicht belegt. Bekannt ist nur, dass er im Dezember 1909 für eine Ausstellung - wo immer im Dorf sie existiert haben mag - vom Großherzog von Oldenburg mit der Goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft geehrt wurde. Als Seekamp 1936 starb, verkaufte seine Frau Margarete das Haus zwei Jahre später an den Baustoffhändler Karl Pallmeier. Auf dessen Tochter Agnes, eine verwitwete Viohl, wurde das Gebäude1949 überschrieben.

Nach Kriegsende, im Mai 1945, war in dem geräumigen Haus die amerikanische "Blue White Division" stationiert. Werner Schön, der damals ein Junge von sieben Jahren war, erinnert sich noch genau daran. Er erzählt, dass neben der ehemaligen Galerie Seekamp, die von den Alliierten nur im unteren Bereich genutzt werden konnte, da die obere Etage bewohnt war, auch andere Gebäude im Dorf in Beschlag genommen worden waren. Ende 1945 zogen die Amerikaner aus Worpswede ab. Zu Beginn des Jahres 1946 bezog Ellida Schargorotzky, geborene von Alten, mit den drei Kindern Till, Göntje und Katinka den kleinen hinteren Anbau am Haus. Etwa zehn Jahre später zog der Maler Richard Oelze dort mit ein.

1947 mieteten Lotte und Helmut Cetto die untere Etage des Hauses, um darin einen Ausstellungsbetrieb aufzubauen. Das war die Geburtstunde der "Insel", einer Galerie für moderne Kunst. Ihr Name war Programm, denn nach der kruden, antimodernen Kulturpolitik der Nationalsozialisten galt es, neue Ideen zu entwickeln, zumal im Künstlerdorf seit Jahrzehnten ein Überhang an Landschaftsmalerei herrschte, der mehr oder weniger versuchte, an die erste Malergeneration anzuknüpfen. Cettos Ausstellungskonzept war ein bemerkenswert anderes: Sie setzte auf zeitgenössische Kunst, sowohl national als auch international und gab ihr einen Ort - die "Insel".

Aufgrund des Gewerbezulassungsgesetzes vom Dezember 1948 musste die Galeristin 1951 zur Weiterführung der Kunstausstellung eine Gewerbeerlaubnis beantragen, die ihr im Juli des Jahres erteilt wurde. Zu dieser Zeit lebte sie bereits von Helmut Cetto getrennt. Doch ein Jahr später tauchte ein neuer Mann in ihrem Leben auf: Klaus Pinkus. Beide wurden nicht nur ein Paar, sondern zugleich ein ideales Galeristen-Duo. Denn Pinkus, der als Jude 1933 nach Frankreich emigriert war, hatte Kontakte zu Intellektuellen dies- und jenseits deutscher Grenzen. Zu seinen Freunden zählten die Schriftsteller Heinrich Mann, Max Tau und Gustav Regler, die Autorin Thea Sternheim und der Verleger Kurt Wolff. Pinkus, 1893 in Oberschlesien in eine Familie hineingeboren, die mehrere Webereien besaß, war schon als junger Mann finanziell unabhängig.

Pinkus ging nach Berlin und begann, eine Kunstsammlung aufzubauen. In diesem Umfeld lernte er viele Künstler und Intellektuelle kennen, denen er nicht selten zum Förderer wurde. Seine Stieftochter Sabine Oberer-Cetto, die ihre Kindheit in der "Insel" verbracht hat, nennt den Schriftsteller Robert Musil, den Pinkus unterstützt und gefördert habe. Der Kunstliebhaber Pinkus, der als Fremdenlegionär in Marokko diente und bei einer Gräfin auf einem alten Schloss in der Gascogne untertauchte, kam 1952 auf Anraten des deutsch-jüdischen Schriftstellers Max Tau, der wiederum mit dem Worpsweder Schriftsteller Waldemar Augustiny befreundet war, ins Künstlerdorf. Thea Sternheim, die seit 1932 in Paris lebte, hatte Pinkus den Maler Richard Oelze ans Herz gelegt. Am 6. November 1952 vermerkte sie in ihrem Tagebuch: "Klaus Pinkus, den ich gebeten hatte, sich in Worpswede um Oelze zu kümmern." Ein halbes Jahr später reiste Oelze selbst nach Paris und überbrachte Thea Sternheim Grüße vom nun in Worpswede lebenden Pinkus.

Für den Endfünfziger Pinkus, der nur mit einem Koffer nach Deutschland zurückgekehrt war, hatte ein neues Leben begonnen. Am Weyerberg, an der Seite von Lotte Cetto, der um 16 Jahre jüngeren Kapitänstochter aus Hamburg, gestaltete er das Galerieleben auf die ihm eigene feine und sachkundige Art mit. Pinkus war nicht nur ein äußerst gebildeter Mann. Er hatte auch weitläufige Kontakte zu Intellektuellen, vornehmlich nach Frankreich. So wundert es nicht, dass bereits in den 1950er Jahren Arbeiten von Villon, Rouault, Picasso, Steinlen, Odilon Redon und anderen in der "Insel" ausgestellt wurden. Die damals in Paris lebenden Maler Ernst Fuchs und Paul Wunderlich waren ebenso vertreten wie junge Künstler aus Worpswede und seinem Umfeld: Hellmut Heinken, Uwe Hässler, Friedrich Meckseper, Pit Morell oder der Hamburger Horst Janssen.

Die "Insel" war aber nicht nur ein Ort für Ausstellungen und den Verkauf von Kunst, sondern auch - und das vor allem - ein Ort der Begegnung und des Gedankenaustausches, was sicher der unverwechselbaren Persönlichkeit von Pinkus geschuldet war. Der weltgewandte Mann konnte aber auch brüskieren, wenn Menschen die Galerie betraten, die er als intolerant, ignorant oder spießig auszumachen vermeinte. Er komplimentierte sie kurzerhand hinaus. Das veranlasste einmal einen Worpsweder Künstler, dem Eintrittsschild eine sarkastische Wendung zu geben: "Ein Tritt 50 Pfennig".

Lotte Cetto und Klaus Pinkus wurden 1963 auch ein Ehepaar. Mit dem jungen Meckseper hatte sich seit seiner ersten Ausstellung 1958 ein freundschaftliches, gar familiäres Verhältnis entwickelt. Der Künstler spricht heute noch mit Hochachtung von Pinkus, der "mit seinem Wissen und seinem Leben überragend" gewesen sei. Meckseper fügt hinzu: "Für meine eigene Entwicklung war es die wichtigste Begegnung." Fragt man den Maler Uwe Hässler nach diesen Zeiten, sagt er, dass Klaus Pinkus ihn als Erster gefördert habe.

Die "Insel" hatte das gewisse Etwas. Nicht nur, dass die drei Galerieräume im Erdgeschoss aus einer Mischung von Antiquitäten, altem Glas, Negerplastiken sowie moderner Malerei und Grafik bestanden. Auch der Alltag hatte eine besondere Note: Täglich um elf lud das Galeristenpaar zum Aperitif ein, eine Gepflogenheit, die Klaus Pinkus aus Frankreich mitgebracht hatte.

Als der Maler Richard Oelze in den 1950-er Jahren zu Ellida Schargorotzky in den kleinen Anbau zog, ergab sich eine größere Nähe zum Galeristenpaar. Lotte Cetto und Klaus Pinkus hatten regelmäßig Bilder des Surrealisten gekauft und ausgestellt. Auch das Gemälde "Erwartung", heute im Besitz des Museums of Modern Art in New York, war seinerzeit in der "Insel" zu sehen. Oelze war "ein Außenseiter, aus der Distanz geachtet und von Legenden umgeben". So beschrieb ihn Wieland Schmied im Katalog der Kestner-Gesellschaft Hannover von 1965. Hässler sagt über den 1900 in Magdeburg geborenen und am Bauhaus in Dessau ausgebildeten Künstler: "Oelze war ein Maler, der ist niemandem begegnet." Richard Oelze und Ellida Schargorotzky verließen Worpswede 1962. Die "Insel" existierte noch bis Mitte der 1970er Jahre. Dann kündigte man dem Ehepaar Cetto-Pinkus, das in Staufen bei Freiburg eine neue Galerie eröffnete. Das Haus an der Findorffstraße 4 nutzte die Familie Wichmann, Nachfahren von Agnes Viohl, bis 1992 privat.

Im selben Jahr erwarben der Architekt Berthold Koch und der Rechtsanwalt und Notar Heiko Cassens das marode Gebäude. Kochs Idee war es, das Haus wieder "dorthin zu bringen, wo es einmal gewesen war - als Galerie". Trotz des trostlosen Zustandes wurde es saniert, das heißt, komplett entkernt, die Fassade wurde gestützt und erhalten. Worpsweder Kunsthandwerker, kleine Läden und eine Praxis für Krankengymnastik zogen 1998 ein. Doch dieses Konzept war nicht tragfähig. Seit einigen Jahren stehen fast alle "Insel"-Räume leer, nur die Praxis blieb. Im Jahr 2006 reichte die Planungsgruppe Koch erneut ein Nutzungskonzept bei der Gemeinde ein. Es sieht als Herzstück die "Einrichtung einer zirka 480 Quadratmeter großen Galeriefläche mit Café und Barbereich" vor. Nach Aussagen des Worpsweder Bauamtsleiters Hermann Backhaus wurde das Planänderungsverfahren politisch beschlossen. Es ist nötig, um Gastronomie zu ermöglichen. So besteht noch Hoffnung auf neues Leben in der alten "Insel".


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elfotografo am 22.10.2019 18:55
"Es ist doch ein Märchen, dass man mit einer Loge Geschäftskontakte akquiriert oder pflegt, geschweige denn Geschäfte abschließt."

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FloM am 22.10.2019 18:51
@gorgon1:
Abgedroschen ist es den x-ten Kommentar mit undifferenzierten Anschuldigungen zu schreiben.

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