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Was Vogeler und Rilke entzweit haben könnte
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Verdichtete Realität

Lars Fischer 09.02.2015 0 Kommentare

Lesung Klaus Modick bei Heine
Klaus Modick, geboren 1951 in Oldenburg, erzählt in seinem Roman von den Konflikten der Worpsweder Künstlerkolonie um 1900. Am Dienstag ist Buchpremiere in der Kunstschau. (Hans-Henning Hasselberg)

„Der Sommerabend“, Heinrich Vogelers berühmtestes Gemälde, ist der Ausgangspunkt für Klaus Modicks Künstlerroman „Konzert ohne Dichter“. Auf die Frage, warum Vogelers Seelenverwandter Rainer Maria Rilke auf dem Schlüsselwerk fehlt, gibt der Autor fiktive, aber schlüssige Antworten. Am morgigen Dienstag, 10. Februar, wird er aus seinem Buch in der Großen Kunstschau in Worpswede lesen. Beginn ist um 19.30, Eintritt: fünf Euro. Lars Fischer sprach mit Modick.

Was hat Sie so an der Künstlerfreundschaft zwischen Heinrich Vogeler und Rainer Maria Rilke interessiert, dass Sie einen Roman darüber geschrieben haben?

Klaus Modick: Ich bin in das Thema eher unfreiwillig hineingestolpert. Ich komme aus Oldenburg und hatte mich mit der Geschichte meines Elternhauses beschäftigt. Das stammt aus dem Jugendstil, und dabei stolpert man hier zwangsläufig über Vogeler. Da gab es viele Kontakte, und sein berühmtestes Bild, „Der Sommerabend“, ist nur rund 500 Meter weiter 1905 das erste Mal ausgestellt worden. Das erschien mir fast so, als würde nicht ich einen Stoff suchen, sondern der Stoff mich. Ich hab dann angefangen, zu recherchieren und mich auch mit diesem Bild beschäftigt und fand das, was man nicht sieht, nämlich Rilke, am spannendsten.

Aber die Spur führte erst über den Maler zum Dichter?

Ja, Rilke ist ja abwesend. Das fand ich interessant – warum malt jemand quasi um ein schwarzes Loch herum so ein Bild? Das Buch erzählt die Entstehungsgeschichte dieses Werks und quasi unter der Hand auch die der Künstlerkolonie. Es geht um verschiedene künstlerische Positionen, das hat ja nach wie vor eine gewisse Aktualität. Ich war als Schriftsteller immer ein bisschen eifersüchtig auf die Maler – dieser Satz „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“ stimmt ja. Im Bild gibt es eine Gleichzeitigkeit, die kann man nicht im Text erzeugen. Dieses Spannungsverhältnis hat mich immer fasziniert, das spielt auch in vielen anderen meiner Bücher eine Rolle.

Was charakterisiert die Kunstbegriffe Ihrer beiden Protagonisten?

Das sind zwei grundsätzlich unterschiedliche Konzeptionen, die da aufeinandertreffen. Da sprühen Funken. Rilke hatte etwas sehr Elitäres, dem Leben Abgewandtes. Er hat ja quasi so eine Kunstreligion begründet, in der natürlich er der Hohepriester war. Bei Vogeler ist das relativiert, durch seine Hinwendung zum Kunsthandwerk. Eigentlich eine gegenläufige Bewegung der Kunst in den Alltag hinein, zu den Leuten hin. Insofern ist auch seine spätere Entwicklung nicht so überraschend. Er war ja bei aller Eitelkeit hilfsbereit und unprätentiös. Genauso ist schon angelegt, was Rilke dann in den 20er-Jahren zu Sympathiebekundungen für Mussolini hinreißt. Das spielt in dem Buch alles keine Rolle.

Ihr Rilke ist, wie häufig in Darstellungen, ein veritabler Kotzbrocken. Haben Sie für diese Figur beim Schreiben auch Sympathie empfunden?

Es ist ja der ganz junge Rilke, der hier agiert. Ich glaube, die Darstellung ist auch keine Verzerrung, nur die Pointierung bestimmter Charakterzüge. Der war zu dieser Zeit ein Snob, ein Schnorrer und ein Schürzenjäger, dem die Verse nur so aus dem Mund strömten. Da waren aber auch viele schlechte Verse dabei. Aber in Worpswede beginnt das, was dann im Spätwerk absolute Weltklasse-Literatur wurde. Aber Rilke ist ein Fall von vielen, wo Charakter und Werk nicht zusammenpassen. Das sehen seine Fans natürlich anders.

Was ihn mit Vogeler eint, ist so ein Aus-der-Zeit-gefallen-Sein.

Ja, die finden sich beide in diesem verspäteten romantischen Gestus, darin sind sie sich einig und tatsächlich seelenverwandt.

Waren Sie viel in Worpswede unterwegs, um für das Buch zu recherchieren?

Auch, aber wichtiger waren eigentlich die schriftlichen Quellen. Es gibt Unmengen von Briefen und Tagebüchern, das hat natürlich geholfen, sich auch sprachlich die Atmosphäre zu erschließen.

Wie viel von Ihrem Buch ist Fiktion oder Interpretation, wie viel ist faktisch?

Das kann ich so nicht beziffern, alles beruht auf dem, was die Beteiligten selbst seinerzeit als Fakten behauptet haben. Die Frage, was denn nun mit Rilkes Dreiecksbeziehung zu Clara Westhoff und Paula Becker wirklich war, kann ich auch nicht beantworten. Aber ich habe eine These, die ich in dem Buch verfolge. Gerade bei Rilke weiß man nicht, wie belastbar seine Zeugnisse sind, er war halt Dichter. Ich habe diese behaupteten Fakten dann in Szenen oder auch erfundene Situationen gestellt, andere Zusammenhänge konstruiert. Aber ich habe immer darauf geachtet, dass es so hätte gewesen sein können.


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Leserkommentare
alterwaller am 22.10.2019 10:39
Da sollen also die, die sich Privatschule nicht leisten können die Schulen der "FDP-Klientel" pampern ? Passt zu Bremen und der Partei.
Neal am 22.10.2019 10:36
Parken und fahren wie es dem/der Fahrer/in gerade in den Sinn kommt, ist ja nicht nur zum Freimarkt ein Problem.
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