Wetter: Regenschauer, 9 bis 15 °C
Kindeswohlgefährdung
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

"Die Jugendämter sind total überfordert"

Ulf Buschmann 03.05.2018 0 Kommentare

Finden Behörden und Eltern in Sachen Kindeswohl nicht zusammen, entscheidet das Gericht.
Finden Behörden und Eltern in Sachen Kindeswohl nicht zusammen, entscheidet das Gericht. (Christian Kosak)

Landkreis Osterholz. Inzwischen sind die drei Kinder von Sandra und Dennis Pabst wieder zu Hause in Lübberstedt. Aber wie lange es so bleiben wird, wissen sie nicht. „Das kann sich ganz schnell wieder ändern“, sagt Dennis Pabst. Er und seine Frau sind gegenüber dem Jugendamt, dem Familiengericht, den Familienhelfern und einigen anderen Einrichtungen im Landkreis Osterholz extrem misstrauisch.

Vor allem das Jugendamt plane, ihnen das Sorgerecht für ihre beiden Söhne im Alter von sechs Jahren und zwei Jahren sowie die dreijährige Tochter zu entziehen, sind sich Sandra und Dennis Pabst sicher. Sie sind nicht nur mit dem Jugendamt über Kreuz. Auch die Jugendhilfe-Einrichtung „Vier Linden“ in Walsrode und die Familie Pabst werden keine Freunde mehr. Gegen den Geschäftsführer haben die Lübberstedter inzwischen zwei Mal Anzeige erstattet.

Ob die Vermutungen von Sandra und Dennis Pabst zutreffen, lässt sich derzeit nicht klären. Der Landkreis Osterholz äußert sich zu diesem Fall nicht – aus „Datenschutzgründen“, sagt Sprecherin Jana Lindemann. Auch „Vier Linden“ schweigt. Der angezeigte Geschäftsführer verweist an seinen Anwalt Thomas Engelke aus Walsrode. Von dort kommt auf Nachfrage die knappe Antwort per E-Mail: „Eine Stellungnahme ist nicht beabsichtigt.“

Die Geschichte der Familie Pabst beginnt im November vergangenen Jahres. Wegen einer Reihe von Problemen geben Sandra und Dennis Pabst ihre Kinder in die Obhut des Jugendamtes. Sie leben erst einmal in der Jugendhilfe-Einrichtung „Vier Linden“. Am 5. Januar kommen die Kinder nach Hause. Was danach geschieht, bezeichnet das Paar als „Terror“. Hausbesuche mehrerer Einrichtungen, Behördenpost, Telefonate und einiges mehr bestimmen die Tage der Familie. Ende Januar wird Sandra Pabst das alles zu viel. Während ihr Mann noch arbeitet, fährt sie mit den drei Kindern nach Walsrode. Es ist die zweite Inobhutnahme, die Dennis Pabst erst mitbekommt, als er nach Hause kommt. Fortan sehen Sandra und Dennis Pabst ihre Kinder nur noch in der Jugendhilfe-Einrichtung. Im Februar habe  das Paar, sagt es, Hautabschürfungen bei zwei Kindern festgestellt. Die Eltern erstatten Anzeige bei der Polizei wegen Körperverletzung. Der zweite Vorfall habe sich am 17. März ereignet: Das jüngste Kind sei mit einer Schädelverletzung ins Krankenhaus eingeliefert worden, so das Ehepaar Pabst. Es folgt die zweite Anzeige. Danach geht alles ganz schnell: Am 18. März sind die Kinder wieder bei ihren Eltern.

So geht es aus den dem unserer Zeitung vorliegenden Dokumenten hervor, und so berichten es Sandra und Dennis Pabst. Sie fühlen sich vom Jugendamt unter Druck gesetzt  und sehen sich ihrer grundgesetzlichen Freiheiten beraubt. Fachleute wie Dietmar Heubrock, Direktor des Instituts für Rechtspsychologie der Universität Bremen, kennen Konflikte wie den Osterholzer zur Genüge. Heubrock und seine Kollegen sprechen von „Reaktanz“: Das Jugendamt habe versucht, die Hand auszustrecken, doch „auf die Abwehrhaltung der Familie hat es ungeschickt reagiert". Sandra Pabst erinnert sich an eine Aussage der Behördenvertreterin: „Arbeiten Sie schön mit dem Jugendamt zusammen, Sie wollen die Kinder ja behalten.“ Für Heubrock ist denn auch klar: „Die Kooperationsbereitschaft ist weg.“

Inobhutnahmen rücken immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit – entweder dann, wenn Ämter gar nicht reagieren oder wenn Eltern und Behörden wegen vermeintlich zu schnellem Entzug der Kinder aus ihren Familien aneinander geraten. Auch Pflegeeltern prangern an, dass sie über die Zukunft ihres Pflegekindes im Unklaren bleiben, und die Kinder selbst geraten in Loyalitätskonflikte zwischen Pflegeeltern und leiblichen Eltern. Psychische Instabilität ist die Folge.

Das Thema, die Ämter sähen zu schnell eine Gefährdung des Kindeswohls, wird unter Fachleuten kontrovers diskutiert. Die rechtliche Grundlage für Inobhutnahmen und Gefährdung des Kindeswohls sind das Grundgesetz, das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) und das Sozialgesetzbuch (SGB) VIII. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten der Inobhutnahme: die freiwillige bei Überforderung der Eltern, wie bei Familie Pabst geschehen, und die durch das jeweils zuständige Jugendamt veranlasste bei sogenannter akuter Gefährdung des Kindeswohls. Hierzu zählen unter anderem körperliche Misshandlung, Vernachlässigung, sexueller Missbrauch und  Trennungskonflikte.

Dabei sind die Behörden dazu verpflichtet, alle Maßnahmen und Vorgehensweisen mit den Eltern abzusprechen. Dies steht in Artikel 6, Absatz 3 des Grundgesetzes: „Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder nur auf Grund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden, wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen.“ Sind Behörden und Eltern unterschiedlicher Meinung, muss das jeweils zuständige Familiengericht entscheiden. So steht es in BGB-Paragraf 1666. Er ist mit „Gerichtliche Maßnahmen bei Gefährdung des Kindeswohls“ überschrieben. Die Palette reicht in diesem Fall vom Gebot öffentliche Hilfe anzunehmen bis zum Entzug des Sorgerechts.

Um ihre jeweiligen Urteile zu fällen, seien die Gerichte auf die Aussagen von Gutachtern und des Jugendamtes angewiesen. Darauf weist Professor Lorenz Kähler, Familienrechtler der Universität Bremen, hin. Er weiß: Bei „technisch“ gut gemachten Expertisen „sind Richter denen ausgeliefert“. Auch in Sachen Handlungsweise der Ämter nimmt Kähler kein Blatt vor den Mund: „Den Ämtern ist es angenehmer, wenn sie frei entscheiden können.“ So schließe sich der Kreis wieder: Das Jugendamt schreibt einen Bericht ans Gericht, aus dem hervorgeht, dass die Betroffenen nicht kooperieren. Das Gericht wiederum wertet dies als Kindeswohlgefährdung und geht laut Kähler „eine Eskalationsstufe höher“ – dies könne im eingeschränkten Umgang der Kinder mit den Eltern oder dem Entzug des Sorgerechts enden.

Kritiker dieses Systems gibt es zahlreiche – und das betrifft nicht nur die Eltern und Elternteile, die sich zum Beispiel über zahlreiche Foren im Internet unterstützen und organisieren. Auch unter Wissenschaftlern ist das  Jugendhilfesystem in Deutschland umstritten. So schreibt der Kriminologe Birger Antholz in der August-Ausgabe 2017 der Zeitschrift „Kindschaftsrecht und Jugendhilfe“, dass das Bundesverfassungsgericht Kindesentzug als letztes Mittel ansehe. Bei den zuständigen Jugendämtern werde es hingegen vom letzten „zum Mittel der ersten Wahl“.

In die gleiche Kerbe schlägt der Diplom-Sozialpädagoge Klaus-Uwe Kirchhoff. Er kennt das Jugendhilfe-System in der ganzen Republik und nennt sich selbst Fachkritiker. Kirchhoff kümmert sich um Familie Pabst. Seine Kernkritik fasst er so zusammen: „Aus der Notfallregelung der Inobhutnahme nach Paragraf 42 des SGB VIII haben die Jugendämter einen Regelfall gemacht.“ Die Jugendämter seien komplett überfordert. Der eigentliche Sinn, Familien in schwierigen Lagen vorbeugend zu helfen, sei verloren gegangen. Kirchhoff nennt die Präventionsarbeit in den Behörden „altbacken“. Und: „Sie führen am Ziel vorbei.“ Die fachlichen Definitionen seien „teilweise hanebüchen“. Einige Rechtsbegriffe stammten noch aus der Nazizeit.

Auch die in der Öffentlichkeit kursierenden Zahlen hält Kichhoff für irreführend, weil das Statistische Bundesamt anders rechne als die Jugendämter. Die Bundesbehörde addiere lediglich die Fallzahlen: Sobald es eine Inobhutnahme gibt, ist das ein Strich mehr auf der Liste. Danach hat sich die Anzahl der Inobhutnahmen von 23 432 im Jahr 1995 auf 48 059 im Jahr 2014 mehr als verdoppelt. Einen zusätzlichen Schub gab es in den Jahren 2015 und 2016 auf 77 645 beziehungsweise 84 230. Dies hängt indes auch mit den nach Deutschland kommenden unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen zusammen.

Die Zahlen für Niedersachsen sind nach Angaben des Landesjugendamtes lückenhaft, „weil erst 2010 die statistischen Daten neu aufgesetzt und anders verarbeitet wurden". Ein Trend zeigt sich aber auch hier. Laut Niedersächsischem Landesamt für Statistik ist die Zahl der Inobhutnahmen von 2005 bis 2012 angestiegen: von 2060 auf 3560. Für die Jahre 2014, 2015 und 2016 weist die Statistik 3885, 5842 und 8347 Inobhutnahmen aus. Auch hier kommen für 2016 wieder die jungen Flüchtlinge ins Spiel. Der Landkreis Osterholz legt keine konkreten Zahlen vor. Sprecherin Lindemann erklärt: „Ein leichter Anstieg war ab dem Jahr 2011 zu verzeichnen. Dieser hängt aber mit dem Inkrafttreten des Bundeskinderschutzgesetzes zusammen.“

Grundsätzlich sei der Landkreis Osterholz im Bereich Kindeswohl konzeptionell gut aufgestellt, und Plätze gebe es genug. Laut seiner Internetseiten arbeitet das Jugendamt mit Einrichtungen zusammen. Dazu zählen das SOS-Kinderdorf in Worpswede und die St.-Theresienhaus-Kinder- und Jugendhilfe. Sie unterhält in Osterholz-Scharmbeck ein Haus mit sieben Plätzen für Jugendliche von 13 bis 18 Jahren.

Zu den Kooperationspartnern gehört überdies „Vier Linden“. Mit dieser Einrichtung habe der Landkreis gute Erfahrungen gemacht, meint Sprecherin Lindemann. Strafanzeigen habe es in den vergangenen fünf Jahren keine gegeben, bestätigt auch die Polizei auf Anfrage.

Sandra und Dennis Pabst können damit gar nichts anfangen. Nach Walsrode, sind sie sich einig, sollen ihre Kinder nie wieder – zumal dem Paar nach Aussagen ihrer ehemaligen Rechtsanwältin nach der ersten Anzeige vom Februar in unzulässiger Weise der Umgang mit ihren Kindern untersagt worden sei. Dabei sind das nach den Worten von Familienrechtler Kähler ganz unterschiedliche Rechtskreise: hier das Familienrecht, dort das Strafrecht. Der Rechtspsychologe ist sich sicher, dass seitens der Jugendhilfe-Einrichtung „ganz viel Subjektives“ eine Rolle spielte.


Meine Wümme-Region
Ihr Portal für die Wümme-Region

Herzlich willkommen in Ihrem Portal für die Wümme-Region. In diesem Portal informieren wir Sie über wichtige Nachrichten und Veranstaltungen aus Ihrer Region.

Ein Syrer und sein neues Leben in Rotenburg
Samer Tannous ist Hochschullehrer aus Damaskus, lebt mit seiner Familie seit 2015 in Rotenburg und arbeitet dort als Französischlehrer. In der Wümme-Zeitung schreibt er wöchentlich über seine Erlebnisse.
Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 15 °C / 9 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regenschauer.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regen.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 90 %
Die Sportmeldungen aus der Region
Veranstaltung für Ihre Region
Sonderthemen aus der Region
Sonderthemen aus der Region
Traueranzeigen
WESER-KURIER Kundenservice
Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...