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Fachkräftemangel im Handwerk

Undine Mader 09.07.2019 1 Kommentar

Friseurpraxis ab Tag eins und gute Laune gibt es bei der Ausbildung im Grasberger Salon Melanie Chaari Hair and Beauty Secrets (v.l.): Auszubildende Fenja Schedletzky, Ausbilderin Ionela Bucur, Inhaberin Melanie Chaari, Auszubildende Medya Erkek,
Friseurpraxis ab Tag eins und gute Laune gibt es bei der Ausbildung im Grasberger Salon Melanie Chaari Hair and Beauty Secrets (v.l.): Auszubildende Fenja Schedletzky, Ausbilderin Ionela Bucur, Inhaberin Melanie Chaari, Auszubildende Medya Erkek, Auszubildende Florentina Hackmack sowie Colorist und Auszubildender William Hammami. Als Modell fungiert Ausbilderin Cindy Krentzel. (Bernd Kramer)

Landkreis Osterholz. Für viele junge Leute beginnt am 1. August ein neuer Lebensabschnitt. Sie starten eine Berufsausbildung im Handwerk. Drei junge Frauen und ein Mann sind diesen Schritt schon Anfang Juli gegangen und lernen nun den Friseurberuf bei „Melanie Chaari Hair and Beauty Secrets“ in Grasberg. „Wir hätten auch mehr eingestellt", sagt Inhaberin Chaari. Nicht nur bei ihr sind noch Ausbildungsplätze unbesetzt. Bei ihrem Kollegen Michael Timm in Lilienthal gehen derzeit noch Bewerbungen ein. Er hofft auf die passende Bewerberin oder den passenden Bewerber. Zwei Beispiele dafür, was Andreas Becker von der Handwerkskammer (HWK) Braunschweig-Lüneburg-Stade auf den Punkt bringt: „Es wird überall händeringend gesucht.“

Becker zeichnet bei der HWK für die Nachwuchswerbung und Ausbildung verantwortlich und weiß: „Fachkräftemangel ist ein großes Thema.“ Eines, das bereits bei der Nachfrage nach Azubis für Handwerksberufe beginnt. Die HWK Braunschweig-Lüneburg-Stade berät junge Leute und Betriebe gleichermaßen rund um die Ausbildung im Handwerk (www.hwk-bls.de). Den Kontakt zur Jugend sucht sie  beispielsweise über die angesagten sozialen Netzwerke oder bietet den Berufe-Checker auf dem Nachrichtendienst Whatsapp.

Aktiv in den sozialen Netzwerken ist auch die Grasberger Melanie Chaari in Sachen Friseurhandwerk unterwegs. Ihre Live-Filme faszinierten Fenja Schedletzky, für die nach einem freiwilligen Praktikum klar war, dass sie in diesem Salon ihren Traumberuf lernen will. Zwei Jahre habe sie gesucht, bis sie die passenden Leute gefunden habe, erzählt Chaari in ihrem nagelneuen Salon mit Friseurakademie. Als Coach betreue sie Salons in ganz Deutschland. Die Bilanz für ihr Handwerk fällt nüchtern aus. „Wir sterben wirklich aus. Salons müssen wegen Mitarbeitermangel aufgeben und nicht, weil sie nicht gut genug sind.“ Die Grasbergerin wollte sich diesem Trend nicht anschließen und hat ihr Firmenkonzept völlig umgekrempelt. Der Salon zählt inklusive Azubis elf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Vier Meisterinnen trainieren die neuen Azubis. Ein fünfter Ausbildungsplatz ist auch bei ihr noch offen.

Seit 94 Jahren bildet der Lilienthaler Salon Timm Friseurinnen und Friseure aus. Mit „ein bisschen Angst im Bauch“ blickt Meister Michael Timm auf die Entwicklung im Handwerk im Allgemeinen und belegt diese für seine Branche mit Zahlen: Von den 260 Salons im Bereich Osterholz-Verden gehen in diesem Jahr 13 Auszubildende zur Gesellenprüfung. „Das ist definitiv zu wenig“, so Timm. Er kritisiert den Trend, dass alle studieren wollten, und er kritisiert die eigene Branche, in der zu wenige Läden ausbilden. Aber: „Wer nicht ausbildet, darf sich auch nicht beschweren, dass er später kein Personal bekommt.“

Nur finden ausbildungswillige Handwerksbetriebe nicht immer junge Leute. Die Grasberger Feinbäckerei und Konditorei Barnstorff sucht noch Azubis für Konditorei, Bäckerei und Verkauf. Von Jahr zu Jahr werde es schwieriger, Bewerber zu finden, sagt Jan Thoden für die Bäckerei. Die Jugend wolle nicht mehr früh aufstehen. Thoden fragt sich, wie das werden solle im Handwerk, nicht nur im eigenen. Kunden müssten immer länger auf einen Termin warten, und die Zukunft der Bäckerei sei industrieller Art mit Backwaren zum Aufbacken. Die Grasberger Firma Karl Hannig bildet Garten- und Landschaftsbauer aus. Im vergangenen Jahr traten drei junge Leute die Lehre an. In diesem Jahr hat sich bisher noch kein Azubi gefunden. „Es sind sehr wenig Bewerbungen eingegangen“, sagt Susan Meyer und hofft, dass sich bei Hannig noch jemand meldet.

Vollständig erfasst wird die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze im Handwerk knapp einen Monat vor Beginn des Ausbildungsjahres im Landkreis an keiner Stelle. Nicht jeder Betrieb melde sie bei der Agentur für Arbeit, so Jörg Nowag, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven. Und: „Niemand ist verpflichtet, uns einzuschalten.“ Die offenen Plätze aber, die gemeldet sind, sprechen in der Agenturstatistik vom 24. Juni für sich. Gesucht werden im Landkreis Osterholz beispielsweise noch neun Bäckerazubis, vier Elektroniker, 17 Fachverkäuferinnen und -verkäufer für den Bäckereibereich und sechs für die Fleischerei. Acht junge Leute könnten den Fleischerberuf lernen und zehn das Friseurhandwerk. Nowag nennt verschiedene Einflüsse auf die Berufswahl, etwa die Erreichbarkeit des Ausbildungsbetriebs oder zusätzliche Angebote durch den Arbeitgeber. Manch einer werbe heute mit Fahrkostenzuschüssen, Mofas oder kleinen Leasingfahrzeugen, mit Unterkünften oder innerbetrieblichen Ausbildungen um den Nachwuchs im Handwerk. Klar ist: „Der Wettbewerb und der Fachkräftemangel lassen die Unternehmen auch kreativer werden.“ Und die Agentur für Arbeit tut das ihrige. „Wir helfen bis zum Schluss und darüber hinaus“, so Nowag. Er weiß: „Es sind immer Einzelpersonen und Einzelbetriebe, die zueinander kommen müssen.“ An junge Leute appelliert Nowag, bei der Suche nach der Wunschausbildung auch mal über den Tellerrand zu schauen und nicht nur im Landkreis zu suchen.

Und es muss nicht immer der direkte Weg zur Uni sein. Laut Nowag ist die Durchlässigkeit der Ausbildungswege heute weitaus besser als vor 15 Jahren. Ein Studium sei nicht nur direkt nach der Schule möglich, sondern auch nebenberuflich oder in Etappen. Hinzu komme, dass die Digitalisierung die Berufswelt verändere, auch die der Handwerker. „Die Erstausbildung ist heute nicht mehr der Garant für das ganze Arbeitsleben", sagt Nowag. Sie sei vielmehr nur der Einstieg.


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Leserkommentare
alterwaller am 18.10.2019 20:26
Eine "ich-bin-dagegen-Initiative" nach der anderen. Bremen ist zwar meine Heimatstadt aber inzwischen bin ich froh mich vor ca. 6 Jahren vom Acker ...
Posaune am 18.10.2019 20:16
Aus Luftschlössern werden keine Lustschlösser entstehen weil sich Luft und Lust nicht sonderlich verstehen ;-).

Träume kann man ja ...