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Ende einer Ära in Tarmstedt
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Keine Zeit mehr fürs Melkhus

Johannes Heeg 09.04.2019 0 Kommentare

Anita Meyer hätte ihr Tarmstedter Melkhus in der Hepstedter Straße gerne noch länger betrieben, doch der Aufwand ist der 60-Jährigen zu groß geworden. Die Saison 2018 war die elfte und letzte.
Anita Meyer hätte ihr Tarmstedter Melkhus in der Hepstedter Straße gerne noch länger betrieben, doch der Aufwand ist der 60-Jährigen zu groß geworden. Die Saison 2018 war die elfte und letzte. (von Lachner)

Tarmstedt. Elf Sommer lang war das Melkhus an der Hepstedter Straße in Tarmstedt eine beliebte Anlaufstelle für Ausflügler, Radwanderer und sonstige Freunde von Kaffee und hausgebackenem Kuchen. Eine zwölfte Saison wird es nicht geben, denn der Betreiberin Anita Meyer wurde die Arbeit einfach zuviel, die sie nebenher in das Projekt stecken musste. Das werden nicht nur die zahlreichen Fans des Melkhus' bedauern, sondern das tut auch Anita Meyer selbst leid: „Das waren ganz tolle Jahre, die ich nicht missen möchte. Es war gut, dass ich das gemacht habe.“

An guten Tagen mussten schon mal hundert Gäste bewirtet werden. Um den sonntäglichen Ansturm zu bewältigen, musste sie mehrere Kuchen backen und auch selbst anwesend sein. „Das war hier ein richtiger Treffpunkt für Familien“, so Anita Meyer. Die Kinder konnten auf dem Hof Kettcar fahren und spielen oder sich die Tiere zeigen lassen. Auch das war ihr stets ein Anliegen: „Wir wollten zeigen, wie heute Landwirtschaft funktioniert.“ Unter der Woche war hauptsächlich Selbstbedienung angesagt, was auch funktioniert habe: „Die Kasse hat immer gestimmt“, betont Anita Meyer.

Gerne erinnert sie sich an die Gruppen, die regelmäßig gekommen seien. Oder an die beiden Männer, die quer durch Deutschland wandern wollten. Oder jenen Radfahrer aus Ostfriesland, der morgens schon 150 Kilometer auf der Uhr hatte und noch weiter wollte nach Hamburg. Und an die Damengruppe, die völlig durchnässt bei ihr einkehrte und bester Stimmung berichtete, dass sie noch nach Bremen radeln wolle.

Zu Beginn der Melkhus-Ära sei sie erstens jünger gewesen, sagt die 60-Jährige. Und zweitens „hatten wir damals 150 Kühe, jetzt sind es dreimal so viele“, erzählt sie. Das „Gesamtpaket“ an Arbeit in Haus und Hof sei im Laufe der Jahre immer größer geworden, und ihr Hauptberuf bestehe nun mal darin, dass sie sich um den Haushalt, das Melken und die Kälber kümmert. Zudem stehe der landwirtschaftliche Betrieb vor der Übergabe an die nächste Generation, und gleichzeitig gebe es „mehr Betreuungsaufgaben in der Familie“.

Anita Meyer gilt als Mit-Initiatorin der Melkhüs im Kreis Rotenburg. 2005 sei sie mit den Landfrauen an der Weser unterwegs gewesen, und in Berne-Ohrt seien sie an das damals gerade neu eröffnete Melkhus von Karin Schumacher geraten. „Die macht das heute noch vorbildlich“, schwärmt Anita Meyer, „die Frau ist sympathisch und offen, so wie man sein muss, wenn man so was macht.“ Das Melkhus habe nach relativ wenig Aufwand ausgesehen – diese Einschätzung teilt sie heute nicht mehr – „und schien mir eine gute Werbung für die Milchwirtschaft zu sein“. Zu Hause habe sie dann schnell Hermann Blonn vom Verkehrsverein und Udo Fischer vom Touristikverband Tourow für die Idee gewinnen können. Und so ging ihr eigenes Melkhus im August 2008 an den Start.

Nun ist es also Geschichte, was auch Tourow-Geschäftsführer Fischer bedauert: „Anita Meyer ist eine Landwirtin durch und durch und eine begnadete Melkhus-Betreiberin. Wenn es passte, hatte sie immer Zeit für einen kleinen Plausch am Melkhus oder einen Gang über den Hof.“ Ihr sei es immer wichtig gewesen zu zeigen, was Landwirtschaft ist und bedeutet. Jeder sei auf dem Hof willkommen gewesen. Sie habe versucht, jeden Wunsch zu erfüllen, auch wenn sie dabei immer wieder an die eigenen Kraftreserven habe gehen müssen. „Wir sind Anita dankbar, dass sie uns so viele Jahre begleitet hat und eine herzliche Gastgeberin ist“, so Fischer.

Leider gebe es außer dem Melkhus in Tarmstedt noch zwei weitere, die ihren Betrieb einstellten: Volkmarst und Nartum. Derzeit fänden Gespräche mit potenziellen neuen Melkhus-Betreibern im Landkreis Rotenburg statt, so Fischer, es gebe zwei interessierte Personen. 2019 werden aus jetziger Sicht nur noch sechs Melkhüs im Landkreis Rotenburg in die neue Saison gehen: Deinstedt, Heeslingen, Brüttendorf, Ehestorf, Scheeßel und Fintel.

Die Melkhüs hätten im Landkreis Rotenburg einen besonderen Stellenwert, so Fischer. Sie seien weit mehr als eine reine Milchraststätte oder ein „Land-Café“. Die Melkhüs fungierten überall als ländliche Tourist-Infos und Beratungsstellen, die nützliche Tipps und Anregungen zur Freizeitgestaltung in der Region liefern. So liege unter anderem überall das touristische Prospektmaterial der Region aus. Auch seien die Melkhusbetreiberinnen „Aufklärer“ in Sachen moderne Landwirtschaft. Und zudem seien die Melkhüs auch wichtige Versorgungsstellen für Wanderer und Radfahrer im Landkreis Rotenburg. Zahlreiche Radthemenrouten sowie Nordpfade-Wanderwege führen direkt an den Melkhüs vorbei.

Melkhusverein und Tourow wünschten sich neue Mitstreiter und neue Melkhus-Standorte insbesondere in den Kommunen, wo es ab 2019 keine Melkhüs mehr gibt: Tarmstedt, Bremervörde, Geestequelle, Gnarrenburg, Sittensen, Sottrum, Rotenburg, Bothel und Visselhövede. Auch den politischen Vertretern im Kreistag sei es wichtig, die Melkhüs im gesamten Landkreis zu stärken, sagt Fischer. Daher habe der Kreistag 15 000 Euro zur Unterstützung beziehungsweise Einrichtung neuer Melkhus-Standorte im Kreishaushalt 2019 eingestellt. Der Landkreis werde vermutlich jedes neue Melkhus mit einem Festbetrag fördern.


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Samer Tannous ist Hochschullehrer aus Damaskus, lebt mit seiner Familie seit 2015 in Rotenburg und arbeitet dort als Französischlehrer. In der Wümme-Zeitung schreibt er wöchentlich über seine Erlebnisse.
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Leserkommentare
holger_sell am 20.10.2019 15:36
Kultur ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und gerade auch in Bremen ein Magnet für den Tourismus.
Außerdem ist Kulturbewusstsein ein großer ...
holger_sell am 20.10.2019 15:30
Jede Politik hat ihre Klientel.
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