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Interview mit Antje Boetius
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„Ohne neue Ideen geht es nicht“

Lutz Rode 04.07.2019 0 Kommentare

Antje Boetius hat rund 50 Expeditionen begleitet. Über ihre Erfahrungen und ihre Arbeit wird die Leiterin des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven an diesem Freitag auf der Veranstaltung
Antje Boetius hat rund 50 Expeditionen begleitet. Über ihre Erfahrungen und ihre Arbeit wird die Leiterin des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven an diesem Freitag auf der Veranstaltung "Baustelle Klimaschutz" in Murkens Hof berichten. (Kerstin Rolfes)

Sie sind als Wissenschaftlerin und Leiterin des Alfred-Wegener-Instituts viel unterwegs und haben jeden Tag ein ziemliches Pensum zu absolvieren. Trotzdem nehmen Sie sich immer wieder auch die Zeit, um in Schulen, bei Initiativen oder wie jetzt auf Einladung der Grünen in Lilienthal zu sprechen. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Antje Boetius: Ich finde es gut, weil ich dadurch den Bürgern in der Region etwas zurückgeben kann. Sie sollen wissen, woran wir im größten Polar-Forschungsinstitut Deutschlands und Europas forschen und was wir machen. Ich werde in Lilienthal berichten, mit welchen Fragen wir uns aktuell beschäftigen und was wir sehen, wenn wir mit dem Eisbrecher durch die Arktis fahren oder in die Tiefsee abtauchen und was uns die Klima-Modelle über die Zukunft sagen. Das ist der Einstieg, um zu diskutieren, was der Klimawandel mit uns allen zu tun hat.

Welche Erkenntnisse haben Sie denn in Bezug auf den Klimawandel?

Die Erdgeschichte hat gezeigt, dass in den Polarregionen wichtige Frühwarnzeichen zu finden sind für Klimadynamik. Mit den Datensätzen von dort lässt sich viel anfangen, wenn wir fragen, wie geht es weiter mit der Erde, wie viel CO2-Emission können wir uns leisten. Man kann sehen, dass wir heute viel mehr CO2 in der Atmosphäre haben als in der gesamten Entwicklung des Menschen. Unsere Daten zeigen, was es bedeutet, wenn das Meereis verschwindet und die Gletscher schmelzen und wo dabei das Problem für die Menschen liegt, die weit weg davon leben. Es löst jedes Mal Erstaunen aus, wenn man kurz zusammenfasst, was im Laufe unserer Generation alles passiert ist.

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Das Interesse am Klimawandel und dessen Auswirkungen ist groß. Hat sich Ihre Arbeit dadurch verändert?

Vor allem im Bereich der Kommunikation, ja. Es ist aber nicht so, dass wir nun plötzlich viel mehr Forschungsgelder bekommen würden, um die vielen Fragen anzugehen, sondern die Fragen selbst an die Erde und an uns verändern sich. Wir müssen noch stärker in wissenschaftliche Rechen-Modelle investieren, die eine Antwort darauf geben, was noch alles kommt. Welche Unsicherheiten die Prognosen haben, inwieweit sie mit den beobachteten Trends übereinstimmen, wollen wir aus Sicht der Polarregionen und Küsten aufzuklären helfen. Es ist wichtig, die Unsicherheiten und Probleme in der Forschung zu benennen.

Die Grünen in Lilienthal wollen sich dafür einsetzen, dass im Ort mehr für den Klimaschutz getan wird. Sie haben zwölf konkrete Vorschläge gemacht. Was halten Sie von solchen lokalen Initiativen?

Ich finde es immer gut, wenn Menschen bei sich und in der direkten Umgebung anfangen, ihre Dinge selbst in die Hand zu nehmen und das Thema Klimaschutz direkt angehen. Das kann auch einfach mit Dialogen anfangen, es geht darum, die Zusammenhänge zwischen dem eigenen Verhalten und Klima und Umwelt zu verstehen, eine klare Haltung zu entwickeln. Im Kleinen sieht man dann auch als Erstes Fortschritte. Man muss aber auch ehrlich sein – ohne politische Lösungen für den Umbau, ohne internationale Zusammenarbeit und neue Ideen, wie wir mit der Natur leben wollen, geht es nicht.

Was nehmen Sie von solchen Diskussionen mit, wie sie jetzt in Murkens Hof ansteht?

Ich freue mich darüber, wenn die Menschen mir anschließend sagen, dass sie etwas Neues gehört haben, ein Thema wirklich verstanden haben und mir erzählen, dass sie besser diskutieren können, worum es geht, auch gegenüber solchen, die den Klimawandel leugnen. Die Diskussionen helfen aber auch mir: Als Wissenschaftler ist man ja manchmal gefangen in seiner Arbeit. Die Gespräche helfen mir zu verstehen, auf welche Fragen, die die Bürger bewegen, die Wissenschaft eine Antwort finden muss.

Das Gespräch führte Lutz Rode.

Fast 118 Meter lang, 25 Meter breit und bis zu elf Meter Tiefgang: Der Forschungseisbrecher
350 Tage wird der Eisbrecher „Polarstern“ festgefroren an einer Eisscholle durch die Arktis driften. „Die Scholle zu finden, an der das funktioniert, ist ein komplizierter Prozess“, sagt Expeditionsleiter Markus Rex.
Um mit dem Schiff die perfekte Scholle anzusteuern, studiert das AWI schon Monate vor dem Aufbruch die Satellitendaten der Region. Die Anforderungen: eine Dicke von anderthalb Metern und ein Durchmesser von mindestens zwei Kilometern, um darauf ein Netzwerk von Forschungsstationen errichten zu können.
600 Personen werden insgesamt auf der Expedition unterwegs sein – allerdings nicht auf einmal. Sechsmal wird die Besatzung im Laufe der Reise ausgewechselt.
Fotostrecke: Zahlen und Fakten zur Polarstern-Expedition "Mosaic"

Zur Person

Antje Boetius (52) erforscht seit 30 Jahren die Tiefsee und hat rund 50 Expeditionen begleitet. Seit November 2017 leitet die Biologin das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (Awi) in Bremerhaven mit 1250 Mitarbeitern. Die mehrfach preisgekrönte Wissenschaftlerin ist an diesem Freitag auf Einladung des Grünen-Ortsverbandes zu Gast in Murkens Hof. Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr mit einem Markt der Möglichkeiten. Antje Boetius wird gegen 19 Uhr erwartet und dann über ihre Forschungsarbeit berichten.


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suziwolf am 22.10.2019 07:55
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Das Gesagte bzw. die negativen ,Erfahrungen mit anderen Banken‘
kann voll unterstrichen werden.

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