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Fotoatelier Tarmstedt schließt
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Perspektivwechsel

Johannes Heeg 07.10.2019 0 Kommentare

Kay Schumacher in seinem Fotoatelier in Tarmstedt, das er im Sommer 2008 am Jan-Reiners-Platz eröffnet hat. Zum 30. November schließt der 55-Jährige sein Geschäft für immer.
Kay Schumacher in seinem Fotoatelier in Tarmstedt, das er im Sommer 2008 am Jan-Reiners-Platz eröffnet hat. Zum 30. November schließt der 55-Jährige sein Geschäft für immer. (Johannes Heeg)

Tarmstedt. Schlag auf Schlag geht das an diesem Vormittag. Ein Kunde nach dem nächsten betritt den Fotoladen von Kay Schumacher am Jan-Reiners-Platz, und alle wollen sie das Gleiche: Passfotos. Die meisten brauchen biometrische Fotos für Personalausweise, Reisepässe oder Führerscheine, einige Jugendliche benötigen Porträts für ihre Bewerbungsmappen.

„Das Kinn etwas höher“, sagt der gelernte Fotograf und Inhaber eines Meisterbriefs zu einer jungen Frau, die er duzt wie fast jeden, der in seinen Laden kommt. „Und insgesamt etwas geschmeidiger“, bittet Schumacher die Frau auf dem Hocker. Ein paar Mal blitzt es, dann steckt er den Speicherchip ins Lesegerät und wenige Sekunden später kommen sechs Fotos im Kleinformat aus dem Drucker. Noch rasch ausgestanzt und in ein Heftchen gesteckt, das war's. „Macht zwölf Euro“, sagt Schumacher. Weil die meisten einen 50-Euro-Schein rüberreichen, sagt er Sätze wie „Gab es die heute besonders günstig?“ oder: „Wenn du zwei Euro drauflegst, bekommst du einen 40-Euro-Schein zurück, die sind gerade frisch reingekommen.“ Obwohl es zugeht wie im Taubenschlag – zwischendurch nimmt er, weil er seit zwei Jahren auch einen Hermes-Shop betreibt, ständig Pakete an oder gibt welche heraus – bleibt der Mann mit der Glatze stets locker, wirkt nie genervt und hat immer einen Scherz auf den Lippen.

Der Laden läuft, und doch wird das Fotoatelier Tarmstedt bald Geschichte sein. Am 30. November, ein Sonnabend, wird Schumacher sein Geschäft zum letzten Mal öffnen. „Irgendwann ist es mal gut“, sagt der Fotograf, der seit Sommer 2008 jeden Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr und sonnabends noch mal fünf Stunden im Laden umherwirbelt und nebenher noch bei Handwerks- und Industriebetrieben, auf Hochzeiten oder Abifeiern fotografiert. Von den verkaufsoffenen Sonntagen mal abgesehen. Schumacher sehnt sich nach einer 40-Stunden-Woche und 30 Tagen Urlaub im Jahr, und genau so soll ab dem 2. Januar 2020 sein. Dann nämlich, an seinem 56. Geburtstag, fängt er als Angestellter im Fotoladen von Karin Görges an der Hauptstraße in Lilienthal an. „Als Fotograf und Mädchen für alles“, sagt er.

Dort hat Schumacher schon einmal gearbeitet, doch der Reihe nach. Der gebürtige Limburger möchte nach der Realschule eigentlich eine Lehre zum Radio- und Fernsehtechniker beginnen, eine Zusage hat er in der Tasche. Doch in letzter Minute macht der Betrieb einen Rückzieher, Schumacher spricht beim Arbeitsamt vor, wo sie ihm eine Schlachterlehre ans Herz legen. Seine Begeisterung hält sich in Grenzen, dennoch erweist sich der Besuch beim Amt als Glücksfall, denn beim Hinausgehen sieht er eine Stellenausschreibung für eine Fotografenlehre. Noch am selben Tag stellt er sich vor und wird genommen, denn er kann eine Menge brauchbarer Arbeitsproben nachweisen. Schumacher fotografiert da schon seit Jahren, mit 14 hat er seine erste Spiegelreflexkamera bekommen, eine Revueflex. Und zu Hause hat er sich ein eigenes Schwarz-Weiß-Fotolabor eingerichtet.

Drei Jahre dauert die Ausbildung, danach ruft der Bund. Viel zu erleiden hat der junge Mann nicht bei den Soldaten, zunächst wird Schumacher als Fahrer eingesetzt, dann versetzen sie ihn in die Pressestelle. „Der Vorgesetzte wollte endlich ordentliche Fotos von Manövern und Politikerbesuchen“, erinnert er sich. Schumacher liefert. Auch nach der Bundeswehrzeit, als er sich als Luftbildfotograf selbstständig macht.

Nach Bremen kommt er 1991, um eine Arbeitskollegin seiner Mutter zu besuchen. „Dabei hat's gefunkt“, sagt er, fortan lebt er ein Vierteljahrhundert mit Helga zusammen, die 25 Jahre älter ist als er. Als Schumacher bei Foto Siemer in Syke anfängt, hat er es „erstmals mit Objekten zu tun, die mit mir sprechen“, erzählt er. Porträtfotos sind damals für ihn ein Novum. Aus dieser Zeit besitzt er noch heute ein Holzkästchen, mit dessen Inhalt in früheren Zeiten Fotos retuschiert und koloriert worden sind. Feine Pinselchen befinden sich darin, Deckweiß, allerlei Farben, Abdecklack, Pinzette, Skalpell. „Und eine Nagelschere zum Ausschneiden von Köpfen. Das war unser Photoshop“, lacht er.

In Afrika zu Hause

Über mehrere Stationen – unter anderem im Westerwald und als Filialleiter bei Foto-Dose im Buntentorsteinweg – heuert Schumacher im Jahr 2000 im Fotohaus Lilienthal an, wo er bis 2008 bleibt und bald wieder arbeiten wird. In seiner Lilienthaler Zeit entdeckt Schumacher Afrika für sich. „In Namibia fühlte ich mich wie zu Hause“, berichtet er. Mehrere Jahre fliegt er zwei bis drei Mal jährlich für zwei bis drei Wochen hin. Die Menschen dort faszinieren ihn ebenso wie die Tierwelt. Damit ist im Sommer 2008 Schluss, als er sich in Tarmstedt selbstständig macht – in einer ehemaligen Videothek, in der einige Jahre zuvor die Volksbank drin war. Das Geschäft sei gut angelaufen: „In der ersten Zeit habe ich noch sehr viele Kameras verkauft“, so Schumacher. Die besten Umsätze habe er 2012/13 gemacht, danach sei es weniger geworden. Schumacher baut auf Wunsch auch die Rahmen für seine großformatigen Familien- oder Firmenfotos. Er entwirft individuelle Grußkarten und digitalisiert analoges Foto-, Film- und Videomaterial. Neben seiner Kasse hat er auch einen Plattenspieler stehen, um LPs auf CD oder USB-Sticks zu kopieren. Auch einfache Leihkameras sind bei ihm erhältlich.

Bis zum 30. November läuft bei Schumacher ein Ausverkauf, sämtliches Fotozubehör gibt es zum halben Preis. Sein umfangreiches digitales Fotoarchiv nimmt er mit nach Lilienthal. Alle Aufnahmen aus seiner Tarmstedter Zeit bleiben nachbestellbar, versichert der Fotograf. Die kleine Sammlung mit historischen Fotoapparaten und Filmkameras will Schumacher nach Worphausen verlegen, wo er sich 2018 ein Haus gekauft hat.


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Leserkommentare
oharena am 23.10.2019 09:04
wen soll man jetzt mehr "lieben" - die Polizei, de Anschläge verhindert hat - oder die "lieben" Terroristen, die keine Anschläge verübt haben?
ISchiphorst am 23.10.2019 09:02
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