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Gudrun Ahrens und Gitta Gieschen in Wilstedt
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Riecher für den passenden Schuh

Johannes Heeg 13.05.2019 0 Kommentare

Gudrun Ahrens (links) und Gitta Gieschen in ihrem Laden. Seit 1998 betreiben die Schwägerinnen das Schuhgeschäft an der Bahnhofstraße in Wilstedt gemeinsam.
Gudrun Ahrens (links) und Gitta Gieschen in ihrem Laden. Seit 1998 betreiben die Schwägerinnen das Schuhgeschäft an der Bahnhofstraße in Wilstedt gemeinsam. (Christian Kosak)

Wilstedt. Wer das Schuhhaus Wilstedt an der Bahnhofstraße betritt, hat ihn sofort in der Nase: den typischen Geruch von Leder, der leicht unterlegt ist von einem Hauch Klebstoff, den man von Pattex kennt. Das liegt daran, dass zu dem kleinen Laden noch eine richtige Schuhmacherwerkstatt gehört. Und die hat richtig gut zu tun: „Wir haben Arbeit ohne Ende“, sagt Gudrun Ahrens, die das Geschäft zusammen mit ihrer Schwägerin Gitta Gieschen betreibt.

In der Werkstatt wirbelt Ulrich Johann Alfred Krentzel, den sie alle nur Ulli nennen. Der gelernte Schuhmacher ist der Sohn von Eva Krentzel, die das Geschäft nach dem Tod ihres Mannes Erich einige Zeit alleine führte, ehe sie es 1998 an ihre Nachfolgerinnen Ahrens und Gieschen übergab. Sie übernahmen auch Ulrich Krentzel, der von klein auf gehörlos ist. „Wir sind sein Sprachrohr“, sagt Gitta Gieschen. Mit seinen 66 Jahren ist Krentzel mittlerweile Rentner und arbeitet nicht mehr voll. „Ulli wohnt über dem Laden, der ihm auch gehört. Wir zahlen die Miete an ihn“, so Gudrun Ahrens. Er sei viel im Dorf unterwegs und „nie krank“.

Als die beiden Inhaberinnen Mitte der 90er-Jahre den Gedanken in ihren Herzen bewegten, das Schuhgeschäft zu übernehmen, sei ihnen klar gewesen, „dass wir das nur zusammen machen werden“. Es sei einfach besser, das Projekt auf zwei Schultern zu verteilen statt sämtiche Entscheidungen alleine treffen zu müssen. Und es habe eben menschlich und auch von der Qualifikation gut gepasst. Die gebürtige Wilstedterin Gitta Gieschen hat nicht nur als Jugendliche bei Spielwaren Heins gejobbt, sondern später auch eine kaufmännische Lehre gemacht und viele Jahre dort gearbeitet. Die aus Bremen stammende Gudrun Ahrens hat Schifffahrtskauffrau gelernt und war bei einem Schiffsmakler beschäftigt.

Vor der Eröffnung im Oktober 1998 haben beide Frauen Kurse für angehende Selbstständige belegt und Gespräche mit Lieferanten und Banken geführt. Und sie haben, mit tatkräftiger Hilfe ihrer Männer, den Laden und das obere Stockwerk des Hauses umgebaut. Das jetzige Büro war früher das Wohnzimmer der Krentzels, in der Kinderschuhabteilung hinter dem Eingang rechts war einst die Küche. „Früher war hier Landwirtschaft“, sagt Gitta Gieschen, „noch in den 40er-Jahren war ein Teil des Ladens ein Schweinestall.“ Schon Ulrich Krentzels Großeltern hätten mit Schuhen zu tun gehabt.

Und wie sucht man sich unter dem schier unüberschaubaren Angebot zahlreicher Hersteller nun die richtigen Schuhe heraus, um eine Auswahl im eigenen Laden zu präsentieren? „Wir entscheiden das aus dem Bauch heraus“, so Gitta Gieschen. Einerseits gebe es da die Vertreter, die einen berieten. Wichtig seien aber auch die Messen. Im Frühjahr werde dort die Herbstware geordert, im August die Frühjahrsware. „Wir fahren abwechselnd nach Hamburg, Hannover, Osnabrück, Düsseldorf oder Oldenburg, um Neues zu entdecken und neue Styles auszuprobieren“, sagt Gudrun Ahrens. 1300 Paar Schuhe würden jeweils im März und August geordert. Sollte im Laden mal eine Größe fehlen, könnten sie diese über ihre Großhändler leicht bestellen.

Dass sich in dem 1700-Seelen-Dorf Wilstedt ein kleiner Schuhladen halten kann, das liege durchaus am Einfallsreichtum der Inhaberinnen, sagen diese. So hätten sie vor bald 20 Jahren zusammen mit Gerd Heins das Wilstedter Frühlingsfest mit seinem verkaufsoffenen Sonntag praktisch erfunden. Das Fest mit seinen zahlreichen Vereinsaktivitäten sowie die anderen beiden verkaufsoffenen Sonntage seien gut fürs ganze Dorf. „Die Gemeinde und die Vereine ziehen alle mit“, so Ahrens. Wilstedt habe sich vorgenommen, „kein Schlafdorf zu werden“.

Darüber hinaus strenge man sich mit weiteren Aktivitäten an, um im Gespräch zu bleiben und auch künftig Kunden zu binden, die auch aus Lilienthal, Borgfeld und Sottrum angereist kämen. So würden Schuhpartys für Gruppen organisiert, beispielsweise für die Jungen Landfrauen Wilstedt oder ein Steuerbüro aus Bremen. Schon zweimal hätten Konzerte im Schuhhaus stattgefunden, nun denken die Inhaberinnen auch an eine Lesung. Zweimal im Jahr beteiligen sie sich an den Modenschauen im Wilstedter Modehaus Borgfeldt, und bei sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram seien sie auch unterwegs.

All das trage dazu bei, dass die beiden Chefinnen ihren Job auch nach mehr als 20 Jahren noch „aufregend und spannend“ finden. „Wir machen hier wirklich alles, vom Einkauf über Buchhaltung und Werbung und sogar das Putzen“, sagt die 56-jährige Gudrun Ahrens. Wie ihre 53-jährige Kollegin möchte sie „bis zum Rentenalter arbeiten“, also noch gute zehn Jahre. Der Laden trage sich, zwei Familien könnte er allerdings nicht ernähren. „Wir haben beide Männer, die verdienen“, so Gieschen. Beide hoffen, dass in der jungen Generation „eine Rückbesinnung aufs Handwerkliche“ einsetzt, dass sich Jugendliche wieder für den Schuhmacherberuf interessieren.

An den „Landöffnungszeiten“, wie sie selbst sagen, wollen sie nichts ändern: Montag bis Sonnabend von 8.30 bis 12.30 Uhr, montags bis freitags auch von 14.30 bis 18 Uhr.


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Leserkommentare
holger_sell am 20.10.2019 15:36
Kultur ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und gerade auch in Bremen ein Magnet für den Tourismus.
Außerdem ist Kulturbewusstsein ein großer ...
holger_sell am 20.10.2019 15:30
Jede Politik hat ihre Klientel.
Wollen Sie im Ernst behaupten, dass Menschen, die sich für Kultur interessieren, keine normalen Leute sind ?