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Kolumne - Neues Leben (17)
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Termine jonglieren

Samer Tannous 03.09.2018 0 Kommentare

Samer Tannous kam vor einigen Jahren mit seiner Familie nach Deutschland.
Samer Tannous kam vor einigen Jahren mit seiner Familie nach Deutschland. (Maximilian von Lachner)

Die Deutschen fragen uns oft: „Warum kommen Araber nicht pünktlich zu Terminen?“ Tatsächlich sind viele Araber notorisch unpünktlich. Das gilt zwar nicht für alle, aber ich gebe zu: An diesem Vorurteil ist etwas dran.

Seit zwei Jahren führe ich gemeinsam mit einem deutschen Freund Seminare über kulturelle Unterschiede durch. Wenn wir deutsche Teilnehmer haben, sind alle (!) vor Seminarbeginn vollständig anwesend. Arabische Teilnehmer dagegen kommen oft mit Verspätung‚ Teilnehmer aus Afrika sogar grundsätzlich mit erheblicher Verspätung. Und in der Regel hören wir dann eine Reihe von Vorwänden als Grund für die Verspätungen. Im Arabischen heißt ein Termin mit Verspätung: „Arabischer Termin“. Es gibt dort den Ausdruck „Wenn Gott will“ („In Schaala“), was den arabischen Mechanismus erklärt, mit Verabredungen umzugehen.

Dabei ist das Ausmaß der Flexibilität mit der Zeit im arabischen Raum durchaus unterschiedlich: Auf dem Weg zum Flughafen achten auch Araber penibel darauf, nicht zu spät zu kommen. Die Konsequenz wäre ja sonst, dass das Flugzeug ohne sie fliegen würde. Schüler in Syrien sind pünktlich um 8 Uhr in der Schule, weil das Schultor danach verschlossen ist. Für andere Termine, insbesondere die Freizeit betreffend, gilt das jedoch nicht, da hier die negative Konsequenz von Unpünktlichkeit ausbleibt. Ein bisschen Unpünktlichkeit ist gesellschaftlich akzeptiert.

Neben Pünktlichkeit ist in Deutschland auch der Kalender heilig! Ich habe großen Respekt vor der deutschen Pünktlichkeit und bin beeindruckt, wie gut geplant alles ist. In Deutschland besitzt buchstäblich jeder einen Kalender und verplant damit berufliche Termine wie auch die Freizeit. (Im arabischen Raum besitzen nur Ärzte und Rechtsanwälte einen Kalender und nutzen diesen nur für berufliche Termine.)

Aber manchmal habe ich Angst vor den Kalendern der Deutschen. Sie machen das Leben zuweilen unnötig kompliziert: Auf einem Elternabend für meine Tochter schlug die Klassenlehrerin einen Ausflug mit Kindern und Eltern vor. Alle öffneten ihren Kalender, um einen Termin zu finden. Alle außer ich! Zwar besitze ich nach zweieinhalb Jahren in Deutschland auch einen Kalender, aber ich habe ihn nicht geöffnet. Irgendein passender Termin wird schon dabei sein. So kann ich mit meinen Terminen jonglieren, um auf einen netten Vorschlag wie diesen eine positive Antwort geben zu können. Und wenn ich nicht kommen kann, werde ich meinen Sonderberichterstatter (meine Frau) schicken. Die Terminfindung der deutschen Eltern hat sage und schreibe 15 Minuten gedauert! Es wäre einfacher gewesen, gleich einen Termin festzulegen und zu sagen: „Wer kommt, der kommt.“

Wenn ich mein Fahrrad in der Werkstatt reparieren lassen möchte, werde ich jedes Mal wieder weggeschickt mit den Worten: „Entschuldigung, kein Termin vor zwei oder drei Wochen“. Obwohl die Reparatur nur zwei Minuten und eine Schraube gekostet hätte.

Wenn unsere Tochter sich mit ihrer Freundin verabreden möchte, ist das für mich und meine Frau ein echtes Projekt: Wir müssen mit ihren Eltern telefonisch unter Nutzung eines Terminkalenders einen Tag aussuchen und eine Uhrzeit festlegen. Für eine harmlose Verabredung unserer Kinder zum Spielen!

Die Araber sagen zu den Deutschen: „Ihr habt die Uhr und wir haben die Zeit“. Ich füge hinzu: Ihr habt Eure Kalender, wir haben die Flexibilität!




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Samer Tannous ist Hochschullehrer aus Damaskus, lebt mit seiner Familie seit 2015 in Rotenburg und arbeitet dort als Französischlehrer. In der Wümme-Zeitung schreibt er wöchentlich über seine Erlebnisse.
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Leserkommentare
darkstarbremen am 21.10.2019 19:36
Endlich ein richtiger Ansatz in der Ausbildung. Das ist sehr zu fördern. Und was wird mit den anderen Studiengängen in der Pflege in Bremen?
darkstarbremen am 21.10.2019 19:31
Inwiefern wurden denn die Gehälter der Pflege in Kliniken gedrückt? Der TVÖD Pflege in den Kliniken wurde nicht gesenkt. Das ist auch richtig so. Nur ...