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Podiumsdiskussion der Volkshochschule
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Verkehrsmodelle neu denken

Silke Looden 19.06.2019 0 Kommentare

Simone Schnase (links) moderierte die Podiumsdiskussion mit Bremens Umweltsenator Joachim Lohse, Angelika Schlansky (FUSS e.V,), Martin Enderle (ADFC) und Mark Wege (Initiative
Simone Schnase (links) moderierte die Podiumsdiskussion mit Bremens Umweltsenator Joachim Lohse, Angelika Schlansky (FUSS e.V,), Martin Enderle (ADFC) und Mark Wege (Initiative "Einfach einsteigen"). (Christian Kosak)

Lilienthal. Der Stargast fehlte am Dienstagabend bei der Podiumsdiskussion der Volkshochschule Lilienthal, Grasberg, Ritterhude, Worpswede zum Thema „Mobilität der Zukunft“. Der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Enak Ferlemann (CDU) aus Cuxhaven, musste in Berlin zur Pkw-Maut Stellung nehmen. Diese war zuvor vom Europäischen Gerichtshof kassiert worden. Stattdessen nahm Mark Wege von der Initiative „Einfach einsteigen“ aus Bremen auf dem Podium im Lilienthaler Kulturzentrum Murkens Hof Platz.

Nur wenige Besucher waren in den Schroetersaal gekommen. Grund dafür waren offenbar die sommerlichen Temperaturen. Diejenigen, die dennoch gekommen waren, erlebten eine Expertenrunde, die sich vor allem auf die Forderungen von Fußgängern und Radfahrern konzentrierte. Moderatorin Simone Schnase begrüßte Martin Enderle vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) aus Lilienthal und Angelika Schlansky, Regionalbeauftragte für Bremen und Niedersachsen vom Fachverband für Fußverkehr (FUSS e.V.), sowie Bremens Noch-Umweltsenator Joachim Lohse (Bündnis 90/Die Grünen).

Mark Wege nutzte die Chance, um für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu werben. Seine Initiative schlägt vor, ein Monatsticket für knapp 20 Euro für alle anzubieten, das dann auch alle, also auch Autofahrer bezahlen. Das Ticket solle für Bremen und das Umland gelten. Eine Umfrage, so Wege, habe ergeben, dass mehr als 60 Prozent der Befragten die Idee gut finden. „50 Prozent der Autofahrer würden sogar umsteigen“, betont der Gründer der Initiative „Einfach einsteigen“. Umweltsenator Lohse meldete verfassungsrechtliche Bedenken für eine solche „Zwangsabgabe“ an und sagte: „Umfragen sind das eine. Das tatsächliche Verhalten ist das andere.“ Er halte die bestehende Mischfinanzierung der Bremer Straßenbahn AG aus Fahrgasterlösen (rund 100 Millionen Euro/Jahr) und Steuergeldern (rund 60 Millionen Euro) für gerechter.

Martin Enderle und Angelika Schlansky forderten, die Situation für Radfahrer und Fußgänger in Lilienthal entlang der Hauptstraße zu verbessern. Schlansky zeigte sich geduldig: „Es hat drei Generationen gebraucht, den Menschen das Zu-Fuß-Gehen abzugewöhnen. Jetzt braucht es seine Zeit, diese umweltfreundliche Art der Fortbewegung wieder attraktiver zu machen.“ Enderle bedauerte, dass die öffentliche Hand nach dem Bau der Linie 4 in Lilienthal nicht mehr bereit sei, in die Hauptstraße zu investieren. Jeden Tag entstünden dort gefährliche Situationen durch die Doppelnutzung des Fuß- und Radweges. „Als Radfahrer sind wir nur Gast auf dem Gehweg.“ Nicht jeder traue sich zu, auf der Straße zu fahren, so Enderle.

Noch-Umweltsenator Lohse hätte in seiner Amtszeit seit 2011 gern mehr für eine klimafreundliche Verkehrspolitik getan. Deshalb habe er den Verkehrslenkungsplan 2025 auf den Weg gebracht, aber keine Mittel für die Umsetzung erhalten. Lohse: „Grüne Verkehrspolitik war mit der SPD nicht zu machen.“ Stattdessen sei in Krippen, Kitas und Ganztagsschulen investiert worden. Die Jacobs University und die Gesundheit Nord hätten Millionen verschlungen. „Am Ende ist der Verkehr auf der Strecke geblieben“, räumte der  Senator ein. „50 Jahre lang wurde Verkehrspolitik für Autofahrer gemacht. Da ist ein Umdenken schwierig.“

Digitalisierung als Chance

Wege betonte, dass auch die Autofahrer etwas davon hätten, wenn sie den ÖPNV über das Ticket für alle mitfinanzierten: „Weniger Autos bedeuten weniger Stau und bessere Luft.“ Schlansky entgegnete, dass es kaum gelingen werde, einen SUV-Fahrer für die Straßenbahn zu begeistern: „Autofahrer steigen nicht freiwillig um. Das ist eine Illusion.“ Martin Enderle von der Radfahrerlobby ging sogar noch einen Schritt weiter: „Die Kosten interessieren den Autofahrer nicht. Das ist eine Frage der Bequemlichkeit.“ Er forderte, die Autofahrer mehr zur Kasse zu bitten. Lohse pflichtete ihm bei, das Parken müsse teurer werden, damit die Autos die Innenstädte nicht länger verstopften. Ein Zuhörer betrachtete es mit Ironie: „Der SUV-Fahrer braucht ein Auto, um in Ruhe telefonieren zu können.“

Das Publikum fragte nach der Mobilität der Zukunft, nach Elektromobilität und E-Scootern. Schlansky betonte, dass es die E-Scooter nicht brauche, weil die berühmte letzte Meile besser zu Fuß zurückgelegt werden könne. Enderle betonte, dass E-Scooter auf dem Fußweg zu gefährlich seien. Lohse zeigte sich froh, dass diese nur auf dem Radweg erlaubt werden. Der Umweltsenator sagte aber auch, dass E-Autos nicht die Lösung der Verkehrsprobleme seien und verwies auf die schlechte Umweltbilanz der Batterien. Schlansky hält E-Autos gar für den „letzten Rettungsanker“ der Automobilindustrie. Sie forderte die Lilienthaler auf, selbst mit gutem Beispiel voran zu gehen und das Auto öfter einmal stehen zu lassen.

Der scheidende Senator setzte sich für intelligente Verkehrsmodelle ein: „Wir müssen die Chancen der Digitalisierung nutzen.“ Carsharing sei nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Land interessant – als Alternative zu unrentablen Linienbussen. Lohse: „Wir müssen unsere Verkehrsinfrastruktur neu denken.“ Selbstfahrende Fahrzeuge etwa könnten künftig Teilhabe ermöglichen, wo sie heute noch nicht vorstellbar sei.


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heinmueckausbremerhaven am 21.10.2019 20:47
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Bremen99 am 21.10.2019 20:41
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