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Verkehr in Worpswede
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Von Erholung keine Spur

André Fesser 26.12.2018 0 Kommentare

Gabriele Graf in ihrem Vorgarten. Im August fuhren dort an einem Sonntag binnen einer Stunde fast 700 Autos vorbei.
Gabriele Graf in ihrem Vorgarten. Im August fuhren dort an einem Sonntag binnen einer Stunde fast 700 Autos vorbei. (Christian Platz)

Es gab Tage in diesem Jahr, an denen Gabriele Graf am Fenster ihres Hauses gestanden und Autos gezählt hat. Sie hatte einen Block und einen Stift in der Hand, und wann immer ein Fahrzeug vorbeirauschte, zog sie einen Strich. Eine Stunde und mehrere Hundert Striche später hörte sie wieder auf und war noch ein bisschen sicherer, dass es so nicht weitergehen kann.

Graf lebt seit dem Frühjahr in der Osterweder Straße, an einer der Hauptverkehrsadern in Worpswede. Ein Fahrzeug nach dem anderen kommt dort durch, darunter auch viele schwere Lastwagen, knatternde Motorräder und etliche Landmaschinen. Kein Grund, dort nicht hinzuziehen, findet Graf, die vorher nur wenige Straßen entfernt lebte. Ihr Schlafzimmer ist gut abgeschirmt, und wenn sie die Fenster zur Straße geschlossen hält, ist die Belastung erträglich. Wolle sie aber mit ihrem Enkelkind im Garten spielen, komme sie ins Grübeln. Daher habe sie im Frühsommer den Verkehr vermessen – mit Zettel und Stift, aber auch mit einem Lärm- und einem Tempomessgerät. Grafs Fazit zum Verkehr in ihrer Straße: zu laut, zu schnell, zu viel.

Wunsch nach mehr Polizeipräsenz

Die 73-Jährige sorgt sich allerdings nicht nur um ihr direktes Umfeld. Ihr gehe es um das ganze Dorf, sagt sie. „Worpswede darf sich als Erholungsort bezeichnen. Wenn ich aber das hier sehe, dann ist das alles andere als ein Erholungsort.“ Der motorisierte Verkehr sei das eine, aber auch die Bedingungen für Fußgänger und Radfahrer seien schlecht. Manche Radfahrer führen kriminell, aber es sei niemand da, dies zu ahnden. „Ich wünsche mir mehr Polizeipräsenz.“ Außerdem müsse der Ort insgesamt ein besseres Bild abgeben. „Worpswede ist nicht mehr idyllisch“, findet Graf und erinnert sich an das rauschende Fest zum 800. Geburtstag der Gemeinde im Sommer. Von der Feststimmung sei nicht viel geblieben, im Moment falle Worpswede durch Leerstände auf und schaffe es nicht einmal, an den Ortseingängen Begrüßungsschilder aufzustellen.

Mit ihrer Klage wandte sich Graf erst kürzlich bei der Bürgerversammlung zum Gemeindeentwicklungsprozess an die Öffentlichkeit. Und sie hat sich vorgenommen, mit dabei zu sein, wenn sich die Arbeitsgruppe zum Thema Mobilität Mitte Januar wieder trifft. Dann wird sie unter anderem Professor Dieter Viefhues begegnen. Der Hüttenbuscher hält als Moderator in dieser Gruppe die Fäden zusammen und hat all das, was Gabriele Graf zu beklagen hat, in den vergangenen Monaten schon einmal gehört. Erst vor vier Wochen war der Zwischenbericht zum Gemeindeentwicklungsprozess veröffentlicht worden. Er skizziert die Lage Worpswedes in den Bereichen Leben und Wohnen, Wirtschaft und Nachhaltigkeit, Kunst, Kultur, Tourismus sowie Mobilität und formuliert Verbesserungsvorschläge. 115 Seiten umfasst das Papier, Viefhues' Fazit fällt aber kürzer aus: „Der Verkehrsbereich ist in Worpswede eine Katastrophe.“

Behörden stellen sich quer

Auch Viefhues, der im Ort den grünen Stammtisch mitinitiiert hat, findet, dass es in Worpswede zu viel und zu schnellen Verkehr gibt. Er sieht aber auch, dass das nicht ohne Weiteres zu ändern ist. Schon bei der Verlegung eines Ortsschildes mit dem Ziel, den Tempo-50-Bereich um ein paar Meter zu vergrößern und so die Verkehrssicherheit zu erhöhen, stellten sich die Behörden quer. Dabei müsse man nur einen mittleren vierstelligen Betrag aufwenden, wenn man den Ortskern zur Tempo-30-Zone machen wolle, um die Ortsdurchfahrt zu beruhigen. Der Zeitverlust für Autofahrer, die den Ort nur durchqueren, läge bei gerade mal einer Minute. Dafür wären Radfahrer aber sicherer unterwegs, und man könne auch auf die Schaffung neuer Fußgängerüberwege verzichten, steht in dem Vorschlagspapier.

Das Rathaus in Worpswede im alten Ortskern hat eine rund 200 Jahre alte Geschichte. Nicht immer war es das Rathaus der Gemeinde. Das alte, unter Denkmalschutz-stehende
Im Museum
Das Kaffee Verrückt des Architekten Bernhard Hoetger wurde 1925 erbaut. Hoetger war bekannt für seine Arbeit mit Ziegeln. Auch die Böttcherstraße in Bremen trägt seine künstlerische Handschrift.
Das Kaffee Verrückt in Worpswede des Architekten Bernhard Hoetger.
Fotostrecke: Worpswede von seiner schönsten Seite

Allerdings handelt es sich bei der Ortsdurchfahrt Osterweder Straße, Findorffstraße, Hembergstraße und deren Verlängerungen um eine Landesstraße. Die zuständigen Kreis- oder Landesbehörden beriefen sich darauf, dass auf einer solchen Straße der fließende Verkehr Vorrang habe, sagt Viefhues. Wer da mit der Forderung nach Entschleunigung komme, habe schlechte Karten. Eine Haltung, die den Moderator ärgert. „Die ziehen sich alle auf ihre Paragrafen zurück. Es kann aber nichts passieren, wenn die Verwaltung nicht auch mal Flexibilität und Empathie entwickelt. Und es ist nicht so, dass man Gesetze nicht auch interpretieren kann.“

40 Vorschläge hat die Arbeitsgruppe gemacht, um die Mobilität im Künstlerdorf zu verbessern. Neben der Verkehrsberuhigung über Tempozonen, einer Verjüngung der Ortseingänge und die bessere Beschilderung der Ortsumfahrung haben die Gruppenmitglieder auch über die Schaffung eines Parkleitsystems nachgedacht. Zudem sollten Fuß- und Radverkehr besser getrennt werden und die Bergstraße zu einer Flaniermeile umgestaltet werden. Unter den Nägeln brennt der Gruppe auch die Anbindung an Bremen.

Nicht aufstecken

So steht der Vorschlag im Raum, den bestehenden Bürgerbus so umzulenken, dass er als Zubringer zur Straßenbahn-Linie 4 in Lilienthal fungiert. Ein Traum wäre es auch, den Moorexpress als regelmäßige Verbindung im Personennahverkehr zu reaktivieren. Allerdings sei ein solches Projekt zurzeit nicht geplant, weswegen dieses Ziel als nur langfristig realisierbar gilt.

Bei allen Hürden, die es zu überwinden gilt, um Worpswede lebenswerter zu machen, mag Dieter Viefhues aber nicht aufstecken, zumal ein Haufen Vorschläge auf dem Tisch liegt. „Ich bin optimistisch, dass die Parteienvertreter jetzt mehr Argumente an die Hand bekommen haben, um die Dinge zu verbessern.“ Dass Worpswede wenig Geld habe, sei jedenfalls keines. „Vieles ist einfach zu realisieren“, sagt Viefhues. Die Versetzung eines Ortsschildes zum Beispiel koste rund 1000 Euro.

Im kommenden Jahr soll es Gespräche mit Gemeinde und Landkreis geben, um auszuloten, was möglich ist. Über die nächsten Schritte will die Arbeitsgruppe am Montag, 17. Januar, ab 19.30 Uhr im Rathaus sprechen.

Zur Sache

Worpswede 2030

2016 hat die Gemeinde den Gemeindeentwicklungsprozess in Worpswede angeschoben. Ziel ist es, die Gemeinde bis 2030 zukunftssicher aufzustellen. Unter Mitarbeit eines  Beratungsunternehmens wurden Ziele formuliert, Mitte 2017 dann erfolgte in einem Bürgerforum der Startschuss für die Beteiligung der Öffentlichkeit. Vier Arbeitsgruppen haben seit Beginn dieses Jahres an Entwicklungszielen und einem Maßnahmenkatalog gearbeitet. Die Entwicklungsziele hat der Gemeinderat Ende November einstimmig beschlossen. Die Arbeitsgruppen und eine Steuerungsgruppe, in der auch die Fraktionen und der Bürgermeister vertreten sind, sollen nun weiter an dem Konzept und dessen Umsetzung arbeiten.


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Leserkommentare
werderfan am 23.10.2019 21:15
Ich versuche das mal kurz für die Demokratiefreunde zu erläutern:
1. Der Umweltausschuss des Beirats Blumenthal tagt am nächsten Montag ...
IhrenNamen am 23.10.2019 21:02
Ich bin mal sehr gespannt wie sich das auf die Spendensumme auswirkt.