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Landkreis zunächst gegen Vollnarkose
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Zahnbehandlung als Geduldsprobe

Johannes Heeg 29.03.2019 0 Kommentare

Erst nach Einschalten der Öffentlichkeit genehmigte das Sozialamt des Landkreises Rotenburg für drei Flüchtlingskinder die Kostenübernahme für Zahnbehandlungen unter Vollnarkose.
Erst nach Einschalten der Öffentlichkeit genehmigte das Sozialamt des Landkreises Rotenburg für drei Flüchtlingskinder die Kostenübernahme für Zahnbehandlungen unter Vollnarkose. (Patrick Pleul)

Manchmal weiß Barbara Franke nicht, ob sie lachen oder weinen soll, wenn sie an ihre Erfahrungen mit dem Landkreis Rotenburg denkt. Die Buchholzerin engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe, ist Vorsitzende des Freundeskreises Asyl in der Samtgemeinde Tarmstedt. Im Moment ist die Buchholzerin nicht sehr gut aufs Sozialamt zu sprechen.

Es geht um drei Flüchtlingskinder aus dem Irak. Vier, fünf und sechs Jahre sind sie alt, leben mit ihren Eltern seit kurz vor Weihnachten in Tarmstedt und haben „fürchterlich schlechte Zähne“, wie Barbara Franke berichtet. Weil die Kinder ständig Zahnschmerzen haben, ist sie mit ihnen im Januar zu einer „erfahrenen und umsichtigen“ Kinderzahnärztin nach Oyten gefahren. Kaum stand der Sechsjährige in der Praxis, „fing er an zu brüllen“, so Franke. „Verständlich“, sagt sie, denn laut Aussage des Vaters war der Junge schon mal im Irak beim Zahnarzt, was ihn wohl nachhaltig traumatisiert habe.

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Die Zahnärztin kenne solche Reaktionen, so Franke. Die Medizinerin habe eine Totalsanierung der Gebisse der drei Geschwister vorgeschlagen, allerdings unter Vollnarkose, um das Verfahren zu beschleunigen. „Zum Teil müssen Zähne raus, andere müssen repariert werden“, so Franke. Unter Narkose könnten die beschädigten Zähne in einem Rutsch behandelt werden, den Kindern bliebe der wiederholte Besuch der Praxis mit immer wiederkehrender lokaler Betäubung per Spritze erspart. Und ganz nebenbei müssten die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer in ihrer Freizeit nicht zigmal mit den Kindern zum Zahnarzt fahren.

Sozialamt lehnt Kostenübernahme für Vollnarkose ab

Doch das Sozialamt lehnte am 11. Februar die Kostenübernahme für die Vollnarkose der Kinder ab. Zuvor hatte die Behörde den zuständigen Schularzt beim Gesundheitsamt eingeschaltet. Der schaute den drei Geschwistern in den Mund und sprach sich danach gegen die Vollnarkose aus. In einem von 50 000 Fällen, so sein Argument, könne ein Kind bei Behandlung unter Anästhesie sterben. Auch von „Fließbandarbeit“ sei die Rede gewesen. Außerdem habe er Franke gesagt: „Wer Hilfe beim Arzt sucht, muss auch mitarbeiten.“

Barbara Franke kann darüber nur den Kopf schütteln: „So etwas von kleinen Kindern zu erwarten ist doch völliger Quatsch.“ Nicht ganz so scharf formuliert ist das in dem Widerspruch nachzulesen, mit dem Franke Ende Februar die Ablehnung angefochten hat. „Wie soll ich mir die sehr umfangreiche zahnärztliche Behandlung derart verängstigter Kinder vorstellen?“, fragt sie in dem Schreiben ans Gesundheitsamt. Am 12. März legten die Eltern der drei Kinder Widerspruch beim Sozialamt ein. Die zahnärztliche Behandlung ihres ältesten Sohns im Irak sei dem Kind „in schlimmster Erinnerung“, heißt es in ihrem Schreiben. Und: „Unsere Kinder haben Zahnschmerzen.“

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Dann tat sich eine Weile nichts. Weil die Kinder aber immer noch schlechte Zähne und Zahnweh hatten, kündigte Barbara Franke der Behörde an, sie werde „die Presse einschalten“. Das tat sie tatsächlich, und plötzlich kam Bewegung in die Sache. Am Freitag lag die Zusage für die Kostenübernahme der Vollnarkose bei den Eltern und bei der Zahnärztin im Briefkasten. „Das Sozialamt hat sich den Fall noch mal angeschaut“, so Landkreis-Sprecherin Christine Huchzermeier auf Anfrage. Was sich zwischen dem Ablehnungsbescheid vom 11. Februar und der vom 27. März datierenden Zusage verändert hat, welche Erkenntnisse dazu gekommen sein mögen, mochte sie nicht sagen. Aus Datenschutzgründen dürfe der Landkreis keine Auskünfte zu dem Fall geben.

Barbara Franke freut sich derweil für die Kinder. Und sie freut sich auf einen Workshop am 17. und 18. Mai, den der Landkreis speziell für Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe anbietet. Das Thema lautet: „Wir schaffen das!? Eine Reflektion der eigenen Erfahrungen aus der Begleitung von geflüchteten Menschen“. Die Buchholzerin wird dort eine Menge zu erzählen haben.


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Leserkommentare
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
onkelhenry am 19.10.2019 17:00
Hallo @Suzi ....

Was Sie da immer so verstehen ;-)

Das erklärt auch, warum Sie so oft falsch liegen!

Ja zu ...