Geschäftsbericht Zuckerwatte und Zitronenkuchen

In der Scharmbecker Bahnhofstraße ist im August ein neues Fachgeschäft für Elektro-Zigaretten an den Start gegangen. „My E-Stick“ hat über 500 Aromen im Sortiment.
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Von Michael Schön

Osterholz-Scharmbeck. Duft liegt in der Luft. Ein Hauch von Lavendel. Oder Vanille? Er kitzelt die Riechorgane der Kunden, die im neuen Fachgeschäft für Elektro-Zigaretten („My E-Stick“) einkaufen wollen, der im August in der Osterholz-Scharmbecker Bahnhofstraße an den Start gegangen ist. Und ganz offenkundig goutiert wird er auch von zwei Schnüffelnasen, die in dem mit einer Harley als Blickfang und einem Tresen wie in einer Cafébar recht loungig anmutenden Verkaufsraum herumwuseln: Pebbles, französische Bulldogge, und Chihuahua Jolie. Die beiden Hunde gehören Carmen Meertz, der Geschäftsinhaberin, und werden in Lilienthal schon vermisst, wie die Halterin verrät. Dort bietet die junge Frau für den „Dampfer“ mit dem erlesenen Geschmack schon seit vier Jahren Duftnoten à la Zuckerwatte und Zitronenkuchen, Grüner Apfel und Erdbeerkeks an.

Carmen Meertz hat über 500 verschiedene Aromen im Sortiment. „Die Geschmäcker sind nun einmal verschieden“, hat sie festgestellt. Entsprechend hoch ist der Beratungsbedarf seitens der Kundschaft. Die E-Zigarette boomt, und das Angebotsspektrum hat sich immer weiter aufgefächert, seit sie in Lilienthal Geschäftseröffnung hatte. „Vor vier Jahren war das Thema noch nicht so präsent.“

Immerhin wurden schon 2013 weltweit E-Zigaretten für etwa 2,5 Milliarden US-Dollar verkauft. Die Verbreitungsgeschwindigkeit der E-Zigarette wird zweifellos vom schlechten Ruf der Tabakindustrie befeuert. Immer drastischer auf den Verpackungen die Hinweise auf gesundheitliche Risiken, die das Inhalieren des Rauchs birgt. Der Giftcocktail in den Glimmstängeln birgt neben dem Alkaloid Nikotin noch 4800 chemische Substanzen. „In Lilienthal haben wir täglich drei Umsteiger im Laden“, berichtet Carmen Meertz. Sie erzählt von einer Frau, die täglich 100 Zigaretten geraucht habe und inzwischen dem Laster komplett entwöhnt sei. „Wir begleiten sie jetzt ein Jahr. Sie dampft, aber ohne Nikotin.“

Die elektrische Zigarette ist ein Gerät, das in der Regel mittels elektrisch beheizter Wendel eine Flüssigkeit (das sogenannte Liquid) zum Verdampfen bringt. Der dabei entstehende Nassdampf wird vom Konsumenten inhaliert oder gepafft. Im Unterschied zur Zigarette findet kein Verbrennungsprozess statt. Wer E-Zigaretten dampft, vergiftet sich nicht mit schädlichen Substanzen wie Teer und Kohlenmonoxid. Sie profitieren von dem Ruf, weniger schädlich zu sein als herkömmliche. In einer alten Pressemitteilung des britischen Gesundheitsministeriums war sogar zu lesen, dass E-Zigaretten-Konsum „etwa 95 Prozent weniger schädlich“ sei als Tabakrauchen. Diese steile These ist freilich inzwischen nicht mehr ganz unumstritten.

US-Behörden bringen 18 mysteriöse Todesfälle in 15 Bundesstaaten mit dem Rauchen von E-Zigaretten in Zusammenhang. In Deutschland und auch europaweit, wo die Zusammensetzungen der Wirkstoffe strenger reguliert werden, ist bislang kein ähnlicher Anstieg von Lungenschädigungen bekannt. Nach den Ursachen wird noch gesucht. Die Branche warnt daher vor „Panikmache“. Schuld an den amerikanischen Lungenerkrankungen seien illegal gepanschte Drogen vom Schwarzmarkt.

Carmen Meertz jedenfalls lässt sich davon nicht beirren. Sie macht darauf aufmerksam, dass noch keine Langzeitstudien über die Auswirkungen des E-Zigarettenkonsums vorliegen. Das Konzept wurde zwar schon 1963 patentiert, doch die Produktion lief erst 2004 in China an. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erteilt die Auskunft, dass die E-Zigarette bezogen auf den Konsum von herkömmlichen Zigaretten die „ vermutlich insgesamt weniger gesundheitsschädliche“ Alternative sei. Gesundheitliche Risiken könnten jedoch insbesondere bei langfristigem Gebrauch nicht ausgeschlossen werden. Für stark abhängig Rauchende wiederum, die bereits mehrfach am Rauchstopp gescheitert seien, könne ein vollständiger Umstieg von Tabakzigarette auf eine E-Zigarette gesundheitliche Vorteile bringen.

Carmen Meertz glaubt, das aus eigener Erfahrung bestätigen zu können. Sie erhielt vom Arzt vor einigen Jahren den Rat, mit dem Rauchen aufzuhören, nachdem bei ihr eine Erkrankung festgestellt worden war. Sie suchte daraufhin im Internet nach Informationen über die E-Zigarette, auf die sie nach ihrem Selbstversuch geradezu schwört. „Ich hätte es sonst nie geschafft, so einfach damit aufzuhören.“ Gesundheitlich sei es ihr nach dem Umstieg aufs Dampfen von heute auf morgen besser gegangen.

Während ihrer Recherchen zu den elektrischen Produkten, so Carmen Meertz, habe sie einen großen Mangel an Beratungsangeboten festgestellt. „Das war für mich tatsächlich die Geschäftsidee“, so die vor zwölf Jahren von Bremen nach Lilienthal umgezogene Unternehmerin. Bis dahin hatte sie die vom Vater übernommenen Supermärkte in der Hansestadt weitergeführt.

Mit dem wachsenden Kundenkreis im Lilienthaler Geschäft, so die Inhaberin, hätten viele Konsumenten aus Osterholz-Scharmbeck und Umgebung den Wunsch geäußert, dass sie ein solches Angebot gern auch in ihrer Stadt sehen würden. Sie fand das interessant, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass „sich der Markt vor allem in den vergangenen zwei Jahren unglaublich entwickelt hat.“ Es gibt mittlerweile nicht nur die verschiedensten Lebensmittelaromen (bis hin zu Kaugummi), sondern auch stylische Startersets, Taschen, Adapter, Ladegeräte, Vaporisatoren, Mundstücke und knallbunte Liquid-Depots. Wem die gängigen Aromen nicht munden, der kann sich auch seinen eigenen Cocktail mischen („Shake and Vape“).

Die E-Zigarette kann mit und ohne Nikotin vaporisiert werden. Wer lange daran gewöhnt gewesen sei, werde auch beim Dampfen zunächst nicht auf den alkaloiden Suchtstoff verzichten können, weiß Carmen Meertz aus Erfahrung. Zu diesem Zweck kann das selbst gemischte Liquid mit sogenannten Nikotin-Shots versetzt werden.

Dagegen steht der gute alte Nikotin-Kaugummi, für den der prominente Fußballtrainer Werner Lorant im vorigen Jahrtausend Reklame lief, auf ziemlich verlorenem Angebots-Posten. „Hab ich auch probiert“, bestätigt Carmen Meertz. Und kann in der Erinnerung daran nur müde lächeln.

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