12. Zugvogeltage

Naturspektakel im Nationalpark

Auf ihrem oft Tausende Kilometer langen Weg in die Winterquartiere werden in den kommenden Wochen wieder Millionen Vögel zur Rast an der niedersächsischen Küste erwartet.
10.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Michela Ivano
Naturspektakel im Nationalpark

Zu Tausenden machen unter anderem Nonnengänse – wie hier in Ostfriesland – im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer Rast, um sich für die Weiterreise in die Winterquartiere zu stärken. Die Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer bietet zahlreiche Veranstaltungen zu dem Naturschauspiel an.

Nationalparkverwaltung

Land Wursten. Es ist mitten am Nachmittag und dennoch menschenleer. Außer den Rufen der Vögel und dem Tosen des Meeres ist nichts zu hören. Vereinzelte Sonnenstrahlen bahnen sich den Weg durch die dichte, graue Wolkendecke. Am Horizont ein Silberstreif. Der Himmel spiegelt sich im Schlick des Wattenmeers, wo in wenigen Minuten das Wasser auflaufen wird. Eine Schar von Vögeln tummelt sich hier. Gierig und ununterbrochen suchen sie mit ihren teils langen und leicht gebogenen Schnäbeln nach Würmern und Muscheln. Das Wasser treibt sie immer näher. Langsam, aber sicher verdeckt es ihre Festtagstafel. Als würde es ihnen klar machen, dass sie nun genug gefressen haben.

Ganz unvermittelt geht ein Ruck durch den Schwarm und Hunderte Vögel schwingen sich mit einem gemeinschaftlich lauten Flügelschlag in die Höhe. Es bildet sich eine dunkle und dichte Wolke, die ein perfekt inszeniertes Ballettstück aufführt. Synchron und scheinbar ohne interne Absprachen bewegen sich all diese Vögel grazil am Horizont – im Schwarm und doch individuell. Ein Manöver folgt auf das Nächste. Ein Spektakel, das nicht nur Ornithologen den Atem raubt.

Jedes Jahr zieht es im Frühling und im Herbst Millionen Vögel unterschiedlichster Arten an die heimische Nordseeküste. Die Tiere kommen zum Großteil aus der Arktis ans Wattenmeer, um sich hier für die Weiterreise nach Südeuropa und Afrika zu stärken. Im etwa 345 800 Hektar großen Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, das zum UNESCO-Weltnaturerbe gehört, können die Watvögel, Gänse, Möwen, Schwalben, Singvögel, Kormorane, Sterntaucher und viele weitere Arten in Ruhe rasten und futtern.

„Vogelzug heißt vor allem: fressen, fressen, fressen“, erzählt Peter Südbeck, der Leiter des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer. „Ein Zugvogel braucht jeden Tag in seinem Leben vernünftige Bedingungen. Jeden Tag. Die Vögel kommen hierher – und nur hierher – ins Wattenmeer, um sich zu entspannen, um ihre Energiereserven wieder aufzufüllen, die sie buchstäblich in der Luft zwischen der Arktis und unserem Wattenmeer verflogen haben.“ Das niedersächsische Wattenmeer ist die größte zusammenhängende Wattlandschaft der Welt und bietet mit ihrem natürlichen Nahrungsreichtum beste Voraussetzungen für die Zugvögel. Neben mehr als 10 000 Tier- und Pflanzenarten, die hier heimisch sind, treibt es jährlich eben auch Millionen Zugvögel an die Strände, die Deiche, auf die Salzwiesen und die Seen.

Im Oktober kann jede und jeder die Zugvögel in Aktion erleben. Das ist sowohl individuell möglich als auch im Rahmen teils kostenfreier Programme.

Zugvogeltage vom 10. bis 18. Oktober

Die Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer lädt vom 10. bis 18. Oktober zu den zwölften Zugvogeltagen ein. Mehr als 250 Programmpunkte für Erwachsene, Kinder, Familien, Vogelliebhaber und Laien haben die Veranstalter ausgearbeitet. Sie erstrecken sich über ganz Niedersachsen und Bremen, von Balje bis Zetel und Borkum. An insgesamt 62 Orten lässt sich die Faszination Zugvögel mit einem vielseitigen Programm erleben. Besucher haben die Wahl zwischen Exkursionen wie Wattführungen und Schiffstörns, Vogelbeobachtungen, Vorträgen, Theaterstücken, Ausstellungen, Zugfolkkonzerten und mehr.

„Der Nationalpark Wattenmeer ist Weltnaturerbe-Gebiet, weil seine Einzigartigkeit, sein hoch dynamischer Raum extrem nährstoff- und nahrungsreich ist. Er ist die Voraussetzung dafür, dass Millionen Vögel überhaupt überleben können“, so Südbeck. „Die Zugvogeltage sollen solche Geschichten erzählen, an die Faszination Zugvögel heranführen und die globale Vernetzung verdeutlichen. Was hat es mit den Zugvögeln auf sich? Wo kommen sie her? Warum kommen sie zu uns? Wo wollen sie hin? Was macht den Zugvogel zum Zugvogel? Die Vielfalt wollen wir zeigen – in verschiedenen ansprechenden Formaten.“

Besonders gut beobachten lassen sich die Zugvögel zwei Stunden vor Hochwasser an besonders exponierten Punkten auf den Ostfriesischen Inseln, aber auch auf dem Festland wie an der Kugelbake in Cuxhaven oder an der Wurster Nordseeküste nördlich von Bremerhaven. Ein beliebter Ort, um Vögel zu beobachten, ist auch das Vareler Watt. Besucher werden gebeten, die als Ruhezonen ausgewiesenen Nationalparkschilder zu beachten und diese Gebiete nicht zu betreten. Jede Störung bedeutet für die Vögel Energieverluste.

Weitere Informationen

Das Programmangebot der zwölften Zug-
vogeltage kann im Internet unter
www.zugvogeltage.de eingesehen werden. Um Anmeldung wird gebeten. Die Aktivitäten finden unter Einhaltung der aktuell geltenden Hygienemaßnahmen statt.

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