Das Duo PianLola verbindet im Theater Alte Molkerei Chansons mit Tango

Zum Schluss singt das Publikum

Berlin und Argentinien – dass das zusammenpasst, zeigte jetzt das Duo PianLola im Theater Alte Molkerei: Lola Bolze als Sängerin, Jorge Idelsohn als Pianist mit Chansons und Couplets aus dem Berlin der Goldenen Zwanziger, von Claire Waldoff, Friedrich Hollaender, Günter Neumann und vielen anderen, in Verbindung mit der Tangomusik Argentiniens. Das Publikum benötigte allerdings eine gewisse Zeit, bis es so mitging, wie es sich das Duo wohl von Anfang an erhofft hatte.
22.04.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Johannes Kessels
Zum Schluss singt das Publikum

Berliner Schnauze gepaart mit einem Hauch des verruchten Buenos Aires – das ist das Duo PianLola, das in Worpswede gastierte.

Jürgen Schmidt, frei

Berlin und Argentinien – dass das zusammenpasst, zeigte jetzt das Duo PianLola im Theater Alte Molkerei: Lola Bolze als Sängerin, Jorge Idelsohn als Pianist mit Chansons und Couplets aus dem Berlin der Goldenen Zwanziger, von Claire Waldoff, Friedrich Hollaender, Günter Neumann und vielen anderen, in Verbindung mit der Tangomusik Argentiniens. Das Publikum benötigte allerdings eine gewisse Zeit, bis es so mitging, wie es sich das Duo wohl von Anfang an erhofft hatte.

Jorge Idelsohn ist Pianist. Außerdem ist er Südamerikaner, und er komponiert auch. An Temperament sollte es ihm also nicht fehlen. Dennoch beginnt die Vorstellung des Duos PianLola im Theater Alte Molkerei recht ruhig. Idelsohn (auf der Bühne: „Alois“) setzt sich ans Keyboard, schreibt etwas in seine Notenblätter, knüllt sie zusammen, wirft sie auf den Boden, probiert eine Melodie – aber jetzt geht es anscheinend wirklich los; mit einem Intro, das die Chanson-Musik aus dem Berlin der Zwanziger geschickt mit Tangomusik verbindet. Das Publikum reagiert noch ein wenig ratlos und reserviert – wäre der Zuschauerraum mehr als nur halb gefüllt gewesen, wäre der Funke wohl leichter übergesprungen.

Aber jetzt betritt Lola Bolze im Kittelkleid und mit Besen die Bühne, und das Stück nimmt Fahrt auf. Sie wollte ja nicht stören – „nononono!“ Ach, sie stört nicht, das ist aber nett. Lola heißt sie? „Un nombre musical“, findet Alois. Es folgt ein kleiner Flirt auf berlinisch und spanisch, freundlicherweise wiederholt Lola das meiste, was Alois sagt, auf deutsch. Bis mañana muss seine Composición für die Bremer Symphoniker fertig sein. „Bis morgen schon?“ Dann können sie ja schon mal ein bisschen anfangen: „Mit Ferdinand hab ich seit gestern Zoff, nu hat de janze Straße endlich Stoff, der Ferdinand, der ist seit gestern weg.“ Alois ist hingerissen – una autentica Berlinessa! Das ist Lola Bolze tatsächlich, ein bisschen Göre, ein bisschen Halbwelt, aber mit beiden Beinen auf dem Boden. „Willst du romantische Feste, jehst du bei’s Kino hin. Bist ja doch Mutterns Beste, du, die Berlinerin“, wie Kurt Tucholsky in einer Hymne auf die Mädchen seiner Heimatstadt schrieb.

Putzfrau mit Federboa

Dass Lola zu ihrem Putzfrauenkleid schwarze Nylonstrümpfe trägt, hat seinen guten Grund: Nun tritt sie im kleinen Schwarzen mit roter Federboa auf und hat einen Mann, den alle möchten – „ich hätte längst schon Morphium genommen, aber der Nowak lässt mich nicht verkommen.“ Perdón? Wer sie ist? Susi Kempinski, große Künstlerin. Alois kennt aber nur Kandinsky, Dostojewskij und Podolski. Was macht Künstlerin? Sie geht zur Nagelpflege, dann zum Shoppen, dann in die Sushi-Bar. Aber diesen rohen Fisch mag Susi-Lola gar nicht. Also komponiert Alois mal wieder, aber nicht für Susi. „Aber ich bin doch hier der Star!“

Da wird es Zeit, dass Alois die Bühne verlässt und Lola sich in eine Putzfrau zurückverwandelt und das Telefon auf dem Tischchen entdeckt. Ein kleines Ferngespräch mit ihrer Ex-Mitbewohnerin in Berlin, vor der sie mächtig angibt, weil sie ja jetzt in einem Künstlerdorf lebt und dort alles viel schöner ist, und dann bemerkt sie, dass das Publikum immer noch da ist. „Was macht ihr denn noch hier, fremde Telefonate belauschen?“ So charmant wurde wohl noch kein Theaterpublikum in die Pause geschickt.

Nach der Pause: „Bei uns zu Hause“. An einer Wand, da hängen Ehrensäbel, und an der anderen hängt Lola sich bald auf. Bei ihr zu Hause herrscht der feine Ton, sie möchte mal, sie möchte mal. . . einen Menschen finden für die kleinen Sünden. Da dieser Mensch nicht kommt und Alois viel zu anständig ist, muss Lola selbst für die kleinen Sünden sorgen, wenn die Beleuchtung in der Bar am Abend schwül wird: „Für die Entfernung meiner Kledasche krieg ich Gage.“ Aber wenn man Nackedei von Beruf ist, muss man immerzu niesen – „erlauben Sie Ihrer Tochter nicht strip zu teasen“. Lola bleibt allerdings selbst weitgehend angezogen, schließlich ist Worpswede nicht Berlin.

Lola ist wieder Putzfrau, hat aber Feierabend. Eines möchte sie aber noch mitteilen: „Ich kann nicht schlafen, denn ich bin verliebt in einen Mann, wie es ihn kein zweites mal gibt.“ Das ist natürlich Alois, und dann sagt PianLola Chansontheater für heute Auf Wiedersehen und Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit – höflich, korrekt, amtlich.

Aber so schnell will das Publikum im Theater Alte Molkerei sie doch nicht gehen lassen, es erklatscht sich eine Zugabe, und nun geht es zurück auf Anfang mit Claire Waldoff. Für den Refrain braucht man aber einen Chor. Alois überlegt kurz, woher nehmen? Ach, da sitzt er ja: das Publikum. „Hannelooore, Hannelooore – wohnt am Halleschen Tore bei einer Blumenfrau.“ Die Zuschauer singen mit wachsender Begeisterung mit, der Abend bleibt in guter Erinnerung.

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