Junge Oper Detmold gastiert mit dem Singspiel "Abu Hassan" in der Grundschule Worpswede

Zwei Schlitzohren in akuter Geldnot

Worpswede. Ein singendes Kamel, zwei Tote, die putzmunter vom Diwan sprangen und eine Lehrerin als Khalifa - die Junge Oper Detmold sorgte für einen turbulenten Vormittag in der Aula der Grundschule Worpswede. Carl Maria von Weber hatte die Geschichte vom schlitzohrigen Abu Hassan, seiner Frau Fatime und ihren chronischen Geldnöten als leichtes Singspiel komponiert. Für Kinder bearbeitet führte die Junge Oper das Märchen aus Tausendundeiner Nacht in Worpswede auf. Erwartungsvoll blickten die Kinder zum Vorhang und hatten so wie Andrea nur die vage Ahnung: "Oper, da singen die irgendwas."
03.12.2010, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Zwei Schlitzohren in akuter Geldnot
Von Undine Zeidler

Worpswede. Ein singendes Kamel, zwei Tote, die putzmunter vom Diwan sprangen und eine Lehrerin als Khalifa - die Junge Oper Detmold sorgte für einen turbulenten Vormittag in der Aula der Grundschule Worpswede. Carl Maria von Weber hatte die Geschichte vom schlitzohrigen Abu Hassan, seiner Frau Fatime und ihren chronischen Geldnöten als leichtes Singspiel komponiert. Für Kinder bearbeitet führte die Junge Oper das Märchen aus Tausendundeiner Nacht in Worpswede auf. Erwartungsvoll blickten die Kinder zum Vorhang und hatten so wie Andrea nur die vage Ahnung: "Oper, da singen die irgendwas."

Die Kinderstimmen verstummten, als orientalische Musik sich aus den Boxen schlängelte und eine Turbanträgerin (Verena Kortmann) vor dem Vorhang erschien. Sie verneigte sich, grüßte mit "Salem alei kum - Friede sei mit Euch". Zum dritten Mal gastierte das Ensemble aus Detmold in der Grundschule. "Weil sie es schaffen Oper annehmbar, überhaupt erst erfahrbar zu machen", so Schulleiterin Ulrike Ossiek-Schmidt. Aus berufenem Munde hörten die Kinder: "Eine Oper ist eigentlich genau wie ein Theaterstück, nur dass da nicht nur gesprochen wird, sondern auch gesungen". Kortmann ließ sich von den Kindern zurufen, was es denn für eine Oper alles brauche. Fröhlich scholl es durch die Aula: Bühne, Kostüme, Instrumente - oder wie hier die Boxen - , Publikum und die Sänger. Eine kurze Stimmlagenkunde schloss sich an, aber erst nachdem eine Panne behoben war.

Ein weiterer Turbankopf schob sich durch den Vorhang. "Ks, ks" und Flüstern. Hektisches Auf- und Abgehen. Nicken. "Du machst das schon." Kortmann verriet: Sie hätten eine Kollegin vergessen, brauche nun eine Lehrerin als Ersatz. Die Kinder sprangen von ihren Stühlen auf, schrien begeistert und zeigten mit den Fingern auf Helga Fuchs. Die nahm die Wahl an, ließ sich unter Applaus lachend hinter den Vorhang führen.

Kalle, das singende Kamel

Nun hatte Kalle, das singende Kamel, seinen Auftritt. Kalle als Bass, Kalle als Bariton - Kortmann demonstrierte alle Opern-Stimmlagen mit der Handpuppe. Die Kinder freuten sich über baumelnde Beine, klimpernde Augen und das weit aufgerissene Stofftier-Maul beim Kolorieren des Soprans.

Endlich öffnete sich der Vorhang und gab den Blick frei auf ein Wohnzimmer mit Diwan und Kissen sowie auf einen Markt - Bagdad aus Tausendundeiner Nacht. Andrea und ihre Freundin Marit waren auf die Stuhlkanten vorgerückt. Gebannt verfolgen sie, wie Kortmann die Hauptfiguren einführt: Abu Hassan (Brigitte Zeuner) und seine ihn liebende Frau Fatime (Janina Esser). Gleich das erste Lied zeigte, woran es dem Paar mangelte: Geld.

Abu Hassan hatte eine Idee: "Wir sterben beide". So könne jeder für den anderen bei Kalif und der Kalifin das Beerdigungsgeld holen. "Geld, Geld, Geld" singend schob sich danach ein Dickwanst auf die Bühne. Kredithai Omar, bei dem sie viele Schulden hatten und der obendrein in Fatime verliebt war. Abu Hassan flüchtete, versteckte sich zwischen den Kindern.

So geschah es während der Aufführung wieder und wieder. Die Sängerinnen mischten sich unters Publikum, banden es in die Handlung ein. Für Greta war es auch am Lustigsten, als Fatime einmal neben ihr saß. Sie habe die Sängerin auch mal kurz angefasst, gestand sie glücklich.

Die Handlung eilte weiter. Das Ehepaar holte sich per fliegendem Teppich das Geld von den Herrschern. Erst Fatime, dann Abu Hassan. Während dessen sperrte Fatime Omar in ein Kabinett ein. Zuvor hatte sie dem liebesblinden Kredithai die Schuldscheine abgeluchst, die ihr Mann eben erst unterzeichnet hatte. Dass das Herrscherpaar aber doch nicht so naiv war, wie Abu Hassan gehofft hatte, offenbarte wenig später ein tattriger Wesir Mesrur mit Hörrohr. Das Kalifenpaar habe gewettet, wer denn nun tot sei - Fatime oder Abu Hassan. Er solle es prüfen.

Und während das Paar auf der Bühne über einer Lösung grübelte, begann Fuchs, die längst wieder hinter den Stuhlreihen der Kinder saß, ihre Verwandlung. Sie zog einen glänzenden Kaftan über, legte sich einen Kopfputz an. Einige Kinder bemerkten es. Stupsten den Nebenmann, zeigten mit Fingern zur Lehrerin. Derweil waren auf der Bühne Fatime und Abu Hassan unters Totentuch gekrochen, die Herrscher hatten sich angekündigt, selbst den Ausgang ihrer Wette zu prüfen. Dafür schritt der Kalif mit ausgebreiteten Armen durch den Gang zwischen den Stuhlreihen und holte seine Kalifin, Lehrerin Fuchs, ab. Die Kinder tobten, klatschten, johlten.

Abrupte Stille. Das Kalifenpaar beäugte die Toten und der Kalif fragte: "Aber wer ist zuerst gestorben?" Wer antworten könne, soll 1000 Goldstücke erhalten. Abu Hassan hüpfte vom Diwan: "Ich bin zuerst gestorben." Seine Frau ergänzte: "Wir hatten nicht die Absicht, für immer tot zu sein." Kaum war der letzte Takt gesungen, riefen die Kinder im Chor: "Zugabe, Zugabe". Als letzes lernten sie an diesem Morgen mit Abu Hassan: "In einer Oper gibt es keine Zugabe."

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