Wie Missionar Hans Tiedemann seine Wahlheimat erlebt Zwischen ethnischen Konflikten und WM-Euphorie

Oyten. Hans Tiedemann lebt als Missionar in Südafrika. 'Natürlich erlebt das Land derzeit eine kollektive WM-Euphorie. Dadurch sind aber noch lange nicht die vielen Probleme gelöst, so der Oytener, der in der Provinz KwaZulu-Natal seine neue Heimat gefunden hat.
03.07.2010, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Eike Nienaber

Oyten. Afrikanischem begegnet man derzeit in Deutschland auf Schritt und Tritt: Die Supermarktregale sind voll von 'Chili con Carne Pretoria' oder 'Naanbrot Chakalaka' und im Radio möchte uns Shakira mit 'Waka Waka' weismachen, dass sie doch eigentlich schwarz sei. Die Medien indes malen ein Afrika-Bild aus Klischees: Vom Armenhaus der Welt, das durch Hungersnöte und Seuchen erschüttert wird sowie einem Kontinent, auf dem Lebensfreude und König Fußball als Feudalherrscher regieren. Irgendwo dazwischen erlebt Hans Tiedemann den afrikanischen Alltag. Der Oytener lebt als Missionar in Südafrika.

'Natürlich erlebt das Land derzeit eine kollektive WM-Euphorie. Dadurch sind aber noch lange nicht die vielen Probleme gelöst', erzählt der Oytener, der im südafrikanischen Newcastle, in der Provinz KwaZulu-Natal, seine neue Heimat gefunden hat. Auf halber Strecke zwischen den WM-Standorten Johannesburg und Durban lebt, arbeitet und wirkt der 59-Jährige seit November vergangenen Jahres als Missionar.

Hans Tiedemann ist dort, wo er gebraucht wird. Bereits vor einigen Jahren verschlug es ihn ins südliche Afrika: nach Namibia. Dort war er für die Deutsche Missionsgesellschaft als Lehrer im Township von Grootfontein tätig, kümmerte sich um Waisenkinder oder engagierte sich für die Bewohner eines Altenheims.

In dieser Zeit lernte er Afrika kennen und lieben. 'Vorher hatte ich mit diesem Kontinent nie wirklich etwas zu tun gehabt', erinnert sich der gelernte Industriemeister. Er habe ein ganz normales Leben als Familienvater und Arbeitnehmer geführt. 'Afrika, das war ganz weit weg', erinnert er sich heute.

Das Umdenken setzte ein, als der Oytener zwei Schicksalsschläge erlebte - eine Zäsur in seinem Leben. 2003 starb unerwartet seine Ehefrau, wenig später verlor er seine Arbeitsstelle. Das geregelte Leben, wie Tiedemann es kannte, existierte plötzlich nicht mehr. Der damals 52-Jährige entschloss sich, noch einmal von vorn anzufangen und den weiteren Lebensweg als aktiver Christ zu gehen.

Ein Weg, der Tiedemann bis nach KwaZulu-Natal führte. 'Meine Arbeitserlaubnis für Namibia wurde nicht verlängert, so musste ich mich nach einer neuen Herausforderung umschauen und zog mit Sack und Pack weiter', begründet er das neue Ziel. Die letzten 2400 Kilometer von Grootfontein nach Newcastle legte Tiedemann mit seinem damals fast 20 Jahre alten VW Golf zurück. Eine Herausforderung, die sowohl der Fahrer als auch das Fahrzeug problemlos überstanden.

In Newcastle warteten neue Aufgaben auf Hans Tiedemann. Wie schon in Namibia stand und steht er den Armen und vermeintlichen Außenseitern der Gesellschaft mit Rat und Tat zur Seite. Zusammen mit seiner einheimischen Kollegin Prisca Dlamini unterrichtet der Oytener an einer abgelegenen Vorschule, die nur per Pedes zu erreichen ist. 'Der lange Fußmarsch lohnt sich aber schon allein wegen des Blicks auf die Drakensberge: Die Schule liegt inmitten einer Bilderbuchlandschaft', schildert Hans Tiedemann.

Erzählt er von seiner neuen Heimat, gerät Hans Tiedemann schnell ins Schwärmen. Trotz vieler Schwierigkeiten ist dem 59-Jährigen dieser Teil Südafrikas innerhalb kürzester Zeit ans Herz gewachsen. Die Zulus stellen hier den Großteil der Bevölkerung und auch die Mehrheit der regierenden Partei ANC.

Darüber hinaus haben sich in KwaZulu-Natal viele Shonas aus dem krisengebeutelten Nachbarland Simbabwe angesiedelt, die sich ihren Lebensunterhalt mehr schlecht als recht als so genannte Hawkers (Straßenhändler) verdienen. Einige von ihnen gehörten vor zwei Jahren zu den Opfern der brutalen fremdenfeindlichen Übergriffe im Land, der so genannten Xenophobias. Diesen Betroffenen steht Tiedemann beratend zur Seite und fungiert mitunter als Vermittler zu den Zulus.

Südafrika ist seit je her ein Vielvölkerstaat, in dem ethnische Konflikte fast schon zur Tagesordnung gehören - daran hat auch der politische Neuanfang zu Beginn der 90er Jahre nichts geändert. Mittendrin Hans Tiedemann. Dennoch fühlt er sich nicht wie zwischen den Stühlen sitzend. Seinen christlichen Werten folgend weilt er als Gleicher unter Gleichen, wie er sagt. 'Ich versuche, dass die Menschen sich hier untereinander akzeptieren und voneinander lernen - ganz gleich von welchem Stamm oder mit welcher Hautfarbe.'

Wichtig sei es, eine Kommunikationsebene 'auf Augenhöhe' zu finden. Sprachbarrieren kennt der 59-Jährige nur zu gut. Doch diese sind nach seiner Ansicht überwindbar. 'Isuzulu ist die dominierende Sprache, Lingua Franca allerdings das Englisch, was mir die Arbeit sehr erleichtert', erklärt Tiedemann, der sich auch an andere Zeiten erinnern kann: 'In Namibia sprachen fast alle neben ihren Stammesdialekten nur Afrikaans und damit tue ich mich nach wie vor schwer.'

Seinen Vorschulkindern vermittelt Hans Tiedemann durch einfache Geschichten und Spiele die Grundwerte des christlichen Glaubens. Dabei verbreitet er weniger das Wort Gottes, als er es erklärt, mit dem Ziel eines harmonischen Miteinanders in der einst von Nelson Mandela propagierten 'Regenbogennation'.

Diese hat nicht nur im positiven Sinne Formen angenommen: Armut und soziale Verelendung sind nicht mehr nur Sache von Schwarzafrikanern. So begleitet der Oytener auch die weiße Afrikaaner-Familie Schutte, die der Spiel- und Trunksucht verfallen ist, auf ihrem Weg, sich aus diesem Teufelskreis zu befreien.

Die 'neue weiße Unterschicht' ist keine Legende, es gibt sie tatsächlich. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger Apartheidspolitik, die jetzt ihren umgekehrten Lauf nimmt und vor allem die ehemals herrschende Schicht benachteiligt.

Jedoch nur bedingt. 'Die weißen Buren haben zwar die politische Macht abgegeben, an den Hebeln der Wirtschaft sitzen sie aber immer noch', sagt Tiedemann. Kaum ein größeres Unternehmen, dessen Geschicke nicht von weißer Hand geleitet wird. Die meisten europäisch stämmigen Afrikaner haben sich vor dem Machtwechsel abgesichert. Die, die es nicht taten, fielen derweil durch das soziale Netz.

Doch von Verbitterung keine Spur: 'Trotz der widrigen Umstände ist selbst bei Familie Schutte eine Lebensfreude spürbar', weiß Tiedemann. Es sei eher die Mittelschicht der weißen Farmer, die sich oftmals Raubüberfällen ausgesetzt und vom Staat im Stich gelassen sieht. Besonders die Ermordung Eugene Terre´Blanches, dem Führer der rechtsgerichteten 'Afrikaner Weerstandsbeweging', im April sorgte für Spannungen und rückte diesen Konflikt jüngst in den Focus der Weltöffentlichkeit.

Aber Tiedemann gibt sich erleichtert: 'Durch die Besonnenheit auf beiden Seiten konnten die Wogen schnell wieder geglättet werden.'

Vor allem jetzt zu Zeiten der WM rückt die Regenbogennation zusammen. Man möchte der Welt beweisen, dass - fast zwei Jahrzehnte nach Ende der Apartheid - am Südzipfel des schwarzen Kontinents ein buntes Volk zusammengewachsen ist, ein 'Fifa-World-Cup am Kap der guten Hoffnung'. Die Erwartungen sind dementsprechend hoch und die derzeitige Euphorie nicht minder groß. 'Ganz Newcastle ist im WM-Fieber, überall hängen die Flaggen der teilnehmenden Nationen, auf der Festwiese sind große Zelte fürs Public Viewing aufgebaut und die kollektive Freude, ein solches Event im eigenen Land veranstalten zu können, ist riesig', berichtet Hans Tiedemann. Er spricht von Freude, die auch das eher suboptimale Abschneiden des gastgebenden BafanaBafana-Teams nicht zu schmälern vermochte.

Die Südafrikaner denken dieser Tage eher kontinental als national. Nach dem Ausscheiden der eigenen Mannschaft, bläst man die Vuvuzela jetzt ganz einfach für Ghana. Hans Tiedemann befindet sich in Afrika in einer Art Dauerbeschallung, sieht das aber gelassen und flachst: 'Nach der WM werden wir die Vuvuzelas einfach zu Hörrohren umfunktionieren.'

Bleibt abzuwarten, welche positiven Veränderungen das Turnier mit sich bringt, wenn nach dem 11. Juli wieder der Alltag eingekehrt ist. Für Hans Tiedemann werden die Aufgaben nicht weniger werden. Momentan absolviert er zusätzlich eine Ausbildung zum Counsellor, eine Art Berater, mit der er später ehrenamtlich in Krankenhäusern, Altenheimen und Gefängnissen arbeitet.

Zudem haben die Verbindungen nach Namibia weiterhin Bestand: So unterstützt Tiedemann nach wie vor 'Hepatha' in Windhoek, ein Heim für behinderte Menschen. Als unabhängiger Seelsorger, der keiner Missionsgesellschaft mehr angehört, ist der Oytener bei seiner Arbeit auf Spenden aus seiner alten Heimat angewiesen. 'Nicht nur Geld, sondern auch kleine Sachspenden wie Spielsachen oder Kleidung können den Menschen hier den Alltag um ein Vielfaches positiver gestalten", so Tiedemann.

Wer Hans Tiedemann bei seiner Arbeit unterstützen möchte kann dies entweder finanziell oder mit einer Sachspende tun. Bankverbindung: Hans Tiedemann, Kontonummer 54194001 bei der Volksbank Oyten, Bankleitzahl: 29165545 oder St.-Petri-Gemeinde Oyten, Konto: 5032580, ebenfalls Volksbank Oyten. Spendenwillige geben auf dem Überweisungsformular als Verwendungszweck 'Missionar Hans Tiedemann' an.

Sachspenden sind ebenfalls willkommen unter der Adresse: Hans Tiedemann, Newcastle 2940, Postbox 6069, South African Republic.

Für nähere Auskünfte steht Hans Tiedemann via E-Mail unter der Adresse hanstie@web.de zur Verfügung.

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