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Stadt-Nachbau in China
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Changde widmet Hannover eine ganze Straße

Peter Mlodoch 27.09.2015 0 Kommentare

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900 Meter Hannover: Die Computeranimation zeigt, wie die „Hannoversche Straße“ in der Provinzstadt Changde aussehen soll, wenn sie fertig ist. ILLUSTRATION: FR (Illustration: fr)

Hinter den grünen Bauplanen lauern 900 Meter Hannover. Im Schatten etlicher dieser 30- bis 40-stöckigen Einheits-Hochhäuser der sechs Millionen Einwohner zählenden chinesischen Provinzstadt Changde entsteht ein beschauliches Viertel mit winkligen Gassen, lustigen Giebeldächern und bunten Fassaden – im norddeutschen Baustil aus dem Ende des 19. Jahrhunderts.

„Hannoversche Straße“ heißt der als Fußgängerzone konzipierte Hauptverkehrsweg, „Hannover-Platz“ das Zentrum. In den Bauzeichnungen tauchen auch ein „Schwitters-Platz“, ein „Leibniz-Platz“ und ein „Bahlsen-Platz“ auf, benannt nach berühmten Kindern der Leinemetropole wie dem Dada-Künstler, dem Universalgelehrten und dem Keks-Fabrikanten. Eine billige Kopie der niedersächsischen Landeshauptstadt solle das 370-Millionen-Euro-Projekt aber keinesfalls werden, betont Projektleiter Chiyang Peng, der aus Changde stammt und seit 20 Jahren als Wasserbau-Ingenieur in Hannover arbeitet.

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(Weser-Kurier)

Gemeinsam mit der Stadtverwaltung von Changde möchte Peng hier Firmen und Gastronomen aus Hannover ansiedeln und gleichzeitig dem Heimweh von deren Repräsentanten vorbeugen: mit einem Heimatmuseum namens „Hannover-Haus“, mit öffentlichen Fußball-Übertragungen sowie mit Ablegern des weltberühmten Schützenfestes und des heimeligen Weihnachtsmarktes. „Wir wollen hier eine authentische Atmosphäre für ausländische Geschäftsleute und für unsere Touristen schaffen“, erläutert Changdes Vize-Bürgermeister Lu Wufu während der Visite einer Wirtschafts- und Sportdelegation aus Hannover in seiner Stadt. „Unternehmer und Gäste sollen sich hier wie zu Hause fühlen.“

Aber warum dann ausgerechnet Hannover – und nicht Berlin, München oder Heidelberg? Der Name der Straße soll eine Art Liebeserklärung und Danksagung an die niedersächsische Landeshauptstadt werden. „Das kommt aus tiefsten Herzen“, erklärt Paul Burkhard Schneider vom Freundeskreis Hannover-Changde und gewährt einen Einblick in die fernöstliche Mentalität. „Changde hat durch Hannover viel erreicht und möchte jetzt einen Teil davon zurückgeben.“

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Im Eckhaus am Hannover-Platz will Fabian Berndt eine Kaffeerösterei samt Ausschank und Verkauf nach heimischem Vorbild aufziehen. (Peter Mlodoch)

Seit zehn Jahren möbeln Wasserbau-Ingenieure und Landschaftsarchitekten aus Hannover unter anderem im Rahmen eines von der Europäischen Union geförderten Umweltschutz-Projekts die Wasserwirtschaft der Millionen-Metropole auf, mit Kläranlagen, Pumpstationen, Speichern für Regenwasser sowie mit Kanälen und Grünanlagen gegen eine Versiegelung der Böden. „Schwammstadt“ nennt sich das Konzept, dank dessen die Metropole im Nordosten der Provinz Hunan nicht nur die Qualität seiner Gewässer steigern, sondern auch Preis- und Fördergelder des chinesischen Staates in dreistelliger Millionenhöhe kassieren konnte. „Durch die erfolgreiche Zusammenarbeit hat sich ein großes Vertrauen zischen beiden Städten entwickelt“, berichtet Projektleiter Peng.

Deutscher Kaffee, deutsche Musik

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Der Vize-Bürgermeister Lu Wufu (r.) lässt sich beim Festessen von den Gästen aus Hannover das Schützenfest- Ritual „Lüttje Lage“ – Bier und Schnaps gleichzeitig trinken – erklären. (Peter Mlodoch)

So kommt Changde potenziellen Interessenten für die Hannoversche Straße denn auch äußerst großzügig entgegen. Der erste Wunsch-Mieter scheint bereits gefunden: Die Hannoversche Kaffeemanufaktur erwägt, direkt am Hannover-Platz eine Dependance mit eigener Rösterei, Verkauf und Ausschank zu eröffnen. Im Frühjahr war die Idee beim Besuch einer Reisegruppe aus Changde in Hannover gereift. Jetzt unterschreiben Projektgesellschaft und Firmen-Junior Fabian Berndt eine entsprechende Absichtserklärung. Am nächsten Tag besichtigt der 26-Jährige gemeinsam mit seiner Freundin vor Ort schon mal auf der Baustelle die potenziellen Café-Räume. Vorverträge gibt es ebenfalls mit dem Künstlerbüro Hannover von Barbara Blust, die deutsche Musiker für Auftritte nach Changde locken und Events und Feste dort vorbereiten helfen soll. Das Laatzener Service-Unternehmen Delan International, deren Geschäftsführerin Bailan Xia aus Changde stammt, soll Investoren für das neue Quartier werben und vermitteln.

„Das wird ein touristisches Highlight“, hofft der stellvertretende Bürgermeister. Einen Mix aus europäischem Hotel, Edel-Boutiquen, Reisebüros, Sprachschulen, Kosmetikstudios, Kulturstätten und kulinarischen Angeboten wie Käse, Wein und eben hochwertigem Kaffee, die in China bislang nur schwer zu bekommen sind, streben die Projektmanager an. Denkbar sind auch Ausbildungsräume im Bereich der Gesundheitswirtschaft. Jüngste Idee der Planer: Auf der vorgelagerten Halbinsel im Chuanzi-Fluss wollen sie ein Schlösschen hochziehen – sie sind sich allerdings noch nicht einig, ob es eher an den Welfensitz Marienburg im Süden Hannovers oder die Insel-Festung Wilhelmstein im Steinhuder Meer westlich Hannovers erinnern soll.

Der Zeitplan für die Hannoversche Straße jedenfalls steht. Ende Oktober darf Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) im Rahmen einer mehrtägigen China-Reise beim Abstecher nach Changde dort schon mal das offizielle Straßenschild enthüllen; im Frühjahr soll das Außengelände stehen; für September 2016 kündigt Vize-Bürgermeister Wufu dann die feierliche Eröffnung an. Von der ersten Idee bis zur Realisierung hätte es dann keine zwei Jahre gebraucht – ein Beispiel für den überall in China zu beobachteten Immobilien-Boom, bei dem allerdings statt einer gründlichen Sanierung von maroden Hochhäusern meist lieber gleich ganz neue Gebäude in Windeseile auf dem Boden gestampft werden. „Nachhaltig bauen die Chinesen nicht“, kritisiert eine junge Deutsch-Chinesin, die in Hannover Bauingenieurwissenschaften studiert und deren Großeltern in der Provinz Hunan leben. Die Bauherren in Changde kümmert es wenig. Direkt neben der Hannoverschen Straße entsteht nicht nur ein alt-chinesisches Viertel, sondern auch ein künstliches Liebes-Paradies – eine Insel im venezianischen Stil mit Flirt-Locations, Hochzeitskirche und Flitterwochen-Hotel.

Das innige Verhältnis der beiden Kommunen soll derweil weiter gefestigt werden. 2010 besiegelten Changdes damaliger Bürgermeister mit seinem damaligem Amtskollegen, dem heutigen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD), am Rande der Expo in Shanghai eine Städtefreundschaft. Diese könnte bald zur offiziellen Partnerschaft aufgewertet werden. Das Thema dürfte zumindest beim Schostok-Besuch in gut vier Wochen eine Rolle spielen.

Als eine Art Vorhut der Visite des Oberbürgermeisters misst sich eine 40-köpfige Sportgruppe aus Hannover in einer Drachenboot-Regatta auf dem Liuye-See mit durchtrainierten chinesischen Teams – und erweist sich wie bei späteren Beach-Volleyball-Turnier als fairer Verlierer. Vize-Bürgermeister Wufu und seine Kollegen lassen sich danach gern von den Gästen aus Hannover in das feucht-fröhliche Schützenfest-Ritual „Lüttje Lage“ einweisen. Die Chinesen erweisen sich als gute Schüler; sie meistern das gleichzeitige Trinken von Bier und Schnaps aus zwei Gläsern auf Anhieb einigermaßen unfallfrei. Bei der anschließenden pompösen Eröffnung einer Tourismus-Messe ist Oberbürgermeister Schostok mit seinem Rathaus im Hintergrund dann zumindest per Video-Botschaft auf Großbildleinwänden zugeschaltet. Und lobt bei dieser Gelegenheit natürlich Changdes ehrgeiziges Straßenprojekt: „Damit tragen Sie den Namen und das Bild von Hannover weit in die Welt – und wir sind Ihnen dankbar dafür.“


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Leserkommentare
werderfan am 23.10.2019 21:15
Ich versuche das mal kurz für die Demokratiefreunde zu erläutern:
1. Der Umweltausschuss des Beirats Blumenthal tagt am nächsten Montag ...
IhrenNamen am 23.10.2019 21:02
Ich bin mal sehr gespannt wie sich das auf die Spendensumme auswirkt.
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