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Ausstellung in Hoya über die Entwicklung des Spielzeugs
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Schöne Prinzessin wartet auf edlen Ritter

Jörn Dirk Zweibrock 22.11.2015 0 Kommentare

Puppenausstellung Museum Hoya
Die erste Puppenstube wurde 1558 für einen Jungen gebaut. Eike (von links), Lukas und Malte kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. (Udo Meissner)

Wie die Orgelpfeifen stehen Lukas (11), Malte (9) und Eike (7) an der Puppenstube und begutachten das lebhafte Treiben im Inneren. Die drei Jungs sind die Enkelsöhne von Hoyas Museumsleiterin Elfriede Hornecker. Da die Vorweihnachtszeit, in der die Lütten ihre Wünsche an den Weihnachtsmann formulieren, vor der Tür steht, läuft bei ihr gerade die Ausstellung „Typisch Junge – typisch Mädchen? Lernen fürs Leben durch Spielzeug“. Bei der Schau im Heimatmuseum Hoya dreht sich alles um das Thema historisches Spielzeug.

Beim Zusammentragen der vielen Leihgaben hat Elfriede Hornecker eines bemerkt: „In Bezug auf Spielzeug bestehen die traditionellen Rollenbilder auch heute noch.“ Und das, obwohl das nachweislich belegte älteste Puppenhaus überhaupt 1558 für einen Jungen gebaut wurde. „Für den späteren Herzog Albrecht V. von Bayern“, hat die Museumschefin recherchiert. Es sei ein dekoratives Schaustück gewesen, in Miniatur hätte eine wohlhabende Patrizierfamilie damit vor dem jungen Blaublut ihren Reichtum demonstrieren wollen. Getreu dem heutigen Motto „Mein Haus, mein Auto...“. Wer sonntags durch die Sonderausstellung im Hoyaer Heimatmuseum schlendert, findet in den gemütlich verwinkelten Räumlichkeiten jedoch kein Puppenhaus, das jemals wieder für einen Jungen konzipiert wurde. Im Gegenteil. „Seit der Biedermeier-Zeit begann die Wendung nach innen. Mädchen sollten schon über das Spielzeug an ihre künftige Rolle als Hausfrau und Mutter herangeführt werden“, erzählt Elfriede Hornecker.

„Das Puppenhaus – eine Festgabe für brave Mädchen“ – so lautet der Titel des von einem pfiffigen Papieringenieur erfundenen Klappbüchleins, erschienen im Jahre 1889. Einen Nachdruck davon können die Besucher derzeit im Heimatmuseum Hoya bewundern. Mit Hilfe dieser Klappbücher konnten sich die Mädchen damals also „auf winzigem Raum ihre eigene kleine Welt erschaffen“, wie es die Museumschefin formuliert. Der Vorteil zum herkömmlichen Puppenhaus: Klappbücher waren billiger und nahmen auch nicht ganz so viel Raum wie eine gewöhnliche Puppenstube in Anspruch.

Hübsche Mädchen, starke Jungen

„Mädchen sollten zu braven, angepassten, ordentlichen und hübsch zurechtgemachten Wesen erzogen werden. Jungen dagegen zu starken Helden mit ausgesprochen hohem technischen Verständnis“, fasst Elfriede Hornecker die Intention der Spielzeughersteller zusammen. Und ergänzt mit einem Schmunzeln im Gesicht: „Mein Sohn hat früher auch mit Zinnsoldaten gespielt, selbst welche gegossen und bemalt.“ Nach dieser Aussage bleibt Elfriede Hornecker vor der entsprechenden Vitrine im Museum stehen. Unter Glas wird dort der siebenjährige Krieg nachgestellt. Auf dem Bild an der gegenüber liegenden Wand ist ein Dreijähriger abgebildet, der in Husaren-Uniform posiert. Das Porträt stammt aus dem Jahr 1903. Und das Gewehr, das der Knirps auf dem Foto in der Hand hält, ist viel größer als er selbst. In der „Struwwelliese“, dem weiblichen Pendant zum bekannten Peter, wird die Läuterung eines wild zerzausten Mädchens dargestellt. Klar, zum Schluss hat sie sich in eine strahlend schöne Prinzessin verwandelt.

„Schaut man sich die Entwicklung auf dem Spielzeugmarkt im 20. Jahrhundert an, kommt man zu der Erkenntnis, dass sich in den vergangenen 100 Jahren nicht allzu viel verändert hat“, zieht die Museumsleiterin eher ernüchternd Bilanz. Für Jungen werde nach wie vor „virtuelles Kriegsspielzeug“ produziert, Mädchen würden hingegen mit „Prinzessinnen-Gedöns“ erschlagen. Beispielsweise mit Malbüchern, aus denen sie von Top-Models angelacht würden. „Gab es früher auch alles schon“, zeigt Elfriede Hornecker auf nostalgische Schnittmuster für Puppenkleider.

Das traditionelle Rollenverständnis existiere in der Spielzeugindustrie eben nach wie vor, findet die Museumsleiterin. Ganz subtil würden so gewisse Rollenmuster transportiert. „Jungen schlagen also spielerisch weiter Schlachten und Mädchen werden auf ihre spätere Rolle als treu sorgende Hausfrau und liebevolle Mutter getrimmt.“

Weil die Ausstellung „Typisch Junge – typisch Mädchen?“ in enger Zusammenarbeit mit dem Martfelder Puppenmuseum von Thea Blume konzipiert wurde, dürfen in der Schau natürlich auch keine Käthe-Kruse- oder Schildkröt-Puppen fehlen. Auch ein Schaukelpferd wurde in einer kleinen Nische des Museums platziert.

Mit einer Schenkung fing es an

Die Idee für eine Spielzeug-Ausstellung im Hoyaer Heimatmuseum kam Elfriede Hornecker übrigens wie folgt: „Alles hat damit begonnen, dass eine mittlerweile in Singapur lebende Hoyaerin dem Museum die alte Puppenstube ihrer Mutter geschenkt hat. Dieser Schatz stamme aus der Zeit um 1930, sagt die Museumsleiterin.

Diesem Umstand sei der Gedanke entsprungen, eine Schau über die geschlechtsspezifische Entwicklung des Spielzeugs im 20. Jahrhundert anzubieten. „Und zwar nicht nur mit Puppenstuben, denn wir haben ja schließlich auch viele männliche Museumsbesucher“, berichtet Elfriede Hornecker mit einem Augenzwinkern.

Die Ausstellung „Typisch Junge – typisch Mädchen?“ ist noch bis zum 7. Februar jeweils sonntags zwischen 15 und 18 Uhr im Heimatmuseum Hoya, Im Park 1, zu sehen.


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Leserkommentare
elfotografo am 22.10.2019 18:55
"Es ist doch ein Märchen, dass man mit einer Loge Geschäftskontakte akquiriert oder pflegt, geschweige denn Geschäfte abschließt."

Haben ...
FloM am 22.10.2019 18:51
@gorgon1:
Abgedroschen ist es den x-ten Kommentar mit undifferenzierten Anschuldigungen zu schreiben.

Die Erkenntnis, daß man Teil ...
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