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Interview
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"Glücklichsein ist eine Entscheidung"

Barbara Glosemeyer 07.12.2018 0 Kommentare

Hubertus Meyer-Burckhardt ist Gastgeber der „NDR Talk Show“, an der Seite von Barbara Schöneberger.
Hubertus Meyer-Burckhardt ist Gastgeber der „NDR Talk Show“, an der Seite von Barbara Schöneberger. (Daniel Reinhardt/dpa)

Herr Meyer-Burckhardt, Sie sind Filmproduzent, Buchautor, Radio- und Fernsehmoderator und Sie waren auch Hochschul-Professor und Medienmanager. Was erfüllt Sie am meisten?

Ich bin ich im eigentlichen Sinne eher Gastgeber. Ich bin Gastgeber der NDR Talk Show und Gastgeber bei den „Frauengeschichten“ beim Radiosender NDR Info, aber ich moderiere sie nicht. 

Warum nicht?

Ich glaube, ich bin kein guter Conférencier. Aber zurück zu Ihrer Frage: Am meisten füllt mich vielleicht der Beruf des Filmproduzenten aus, doch mit meinen Berufen ist es wie bei einem Maler mit seiner Farbpalette, mit der ich ein Bild mit unterschiedlichen Farben malen kann. Dieses Bild ist dann die Allegorie meines Lebens. Ich empfinde es als enormes Privileg, all das machen zu können und nehme es mit Demut an. Es ist wunderbar, dass ich dieses farbenfrohe Leben zurzeit führen darf. Und gerade das Wissen darum, dass das auch vorbeigehen kann wird, lässt mich diese Zeit wahnsinnig genießen.  

Welchen Berufswunsch würden Sie sich gern noch erfüllen? 

Diesen Wunsch habe ich mir bereits erfüllt - das Schreiben von Büchern. Immer wenn ich Filme produziert habe, habe ich die Autoren beneidet. Die Faszination Buchstaben zu Papier zu bringen, hat mich fast erotisch angezogen. Mit meinem ersten Buch „Die Kündigung“ ist dieser Wunsch für mich in Erfüllung gegangen. Autor zu sein, bereitet mir eine große Freude.  

Schreiben Sie an einem neuen Buch?

Ja, es wird im Oktober 2019 abgeschlossen sein. Darin setze ich mich auf feuilletonistische Weise mit der Zeit, mit meiner Lebenszeit auseinander. Eigentlich habe ich rückblickend immer ein Gefecht mit der Zeit geführt. 

Warum?

Ich fühlte mich immer getrieben, wahrscheinlich auch, weil ich immer weg wollte: Raus aus einem sehr engen finanziellen Korsett, weg aus meiner Heimatstadt Kassel, die ich damals als sehr einengend empfand, und heraus aus einer extrem schwierigen Vater-Sohn-Beziehung. 

Was hat Ihnen damals geholfen?

Das Staatstheater Kassel war für mich der Transmissionsriemen, der mich da angetrieben und schließlich auch herausgeholfen hat. Als ich 15 Jahre alt war, sagte meine Mutter zu mir: „Du bist immer so traurig und empfindest vieles so beunruhigend, geh’ doch zum Staatstheater und werde Statist.“ Das war in dreifacher Hinsicht gut: Ich hatte Kontakt zur Literatur, zu wunderbaren Frauen (lacht) und: Ich verdiente Geld!  

War das Ihre Rettung?

Ja und die Rockmusik von Rod Stewart und den Rolling Stones. Sie hat mir gezeigt, dass es eine andere Welt gibt, als ich sie bis dahin im engen Kassel der 70er Jahre kannte – mit zum Teil noch faschistoiden Lehrern. Mit Rockmusik ging für mich ein Fenster auf. Ich habe die Provokation, die Rockmusik damals war, geliebt. 

Noch mal zurück zum Thema Zeit. Warum ... 

... der Tod wurde für mich relativ früh durch Schicksalsschläge zum Weggefährten, etwa durch den Tod meines besten Freundes. Ich habe Tod nie verdrängt und bin heute aktiv in der Hospizbewegung. Meine Lebensfreude speist sich aus dem Bewusstsein der Endlichkeit und der Vergänglichkeit. Natürlich denke ich heute mit 62 anders darüber als mit 42 Jahren. 

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Wären Sie gern ein paar Jahre jünger?

Nein, überhaupt nicht. Ich lebe in der schönsten Phase meines Lebens − privat wie beruflich. Ich wäre geradezu anmaßend und undankbar, wenn ich das Leben nicht feiern würde, das ich führen darf. Es ist ein Privileg meiner Generation, nach dem Krieg in den Wohlstand und in ein freies Europa hineingeboren worden zu sein. Meine Mutter, die hart arbeiten musste und gleichwohl weitgehend heiter und lebensbejahend war, hat mich mit dem Satz ins Leben geschickt: Glücklichsein ist eine Entscheidung. 

Seit zehn Jahren moderieren Sie mit Barbara Schöneberger die „NDR Talk Show“. Haben Sie nach zehn Jahren nicht manchmal das Gefühl: Jetzt ist es gut?

Wenn sich dieses Gefühl einschleichen würde, müsste ich sofort aufhören. Dass es nicht so ist, liegt auch an Barbara. Wir sind über die Jahre zusammengewachsen und, das kann man bei kritischster Prüfung des Wortes durchaus sagen, befreundet. 

Was schätzen Sie an Barbara Schöneberger?

Dass sie von ihrem persönlichen Erfolg überhaupt nicht beeindruckt ist. Wir haben eine so genannte Guide-Line, die lautet: Wir nehmen die Gäste ernst und uns nicht wichtig. Ich schätze an Barbara, dass sie sich überhaupt nicht wichtig nimmt. Sie hat eine enorme Professionalität auf der Bühne und ist sich bewusst, dass wir nicht mehr und nicht weniger als gute Unterhaltung bieten sollen.  

Welcher Gast war Ihr persönlicher Höhepunkt in den Jahren?

Das war vor allem Joe Cocker. Es war toll, den Mann kennenzulernen, der damals in Woodstock aufgetreten und damit berühmt geworden ist. Ein zauberhafter Mann. Auch die Sängerin und Schauspielerin Lotti Huber hat mich sehr beeindruckt.

Wen hätten Sie noch gern als Gast?

Jil Sander. Sie hat aber bislang immer abgesagt, weil sie nicht in die Öffentlichkeit möchte. Ich habe irren Respekt davor, wie sie aus einer Boutique an der Milchstraße in Hamburg-Pöseldorf in den 70er Jahren dann ein milliardenschweres Mode-Imperium aufgebaut hat. Ich finde, sie ist eine spannende Frau.

Und wann wären Sie gerne mal in Grund und Boden versunken?

Das kommt Gott sei Dank äußerst selten vor. Es gibt keine schlechten Gäste, sondern nur schlechte Gastgeber. Genauso wie es keine schlechten Antworten, sondern nur schlechte Fragen gibt. Am Freitagabend, wenn die „NDR Talk Show“ läuft, möchten die Zuschauer von uns ins Wochenende geführt werden. Über der Sendung sollte eine gewisse Firnis von Optimismus liegen. Am Sonntagabend darf es schon wieder kritischer und problematischer sein. 

Lassen Sie uns über starke Frauen reden. Angefangen mit Ihrer Mutter und Großmutter in Ihrer Kindheit. Warum waren die beiden für Sie so wichtig?

Zunächst einmal wegen meines Vaters, der im Zweiten Weltkrieg als Soldat schwer verwundet wurde und schwer traumatisiert war. Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich ihn rausgeschmissen. Und da ich keine Geschwister und keine weiteren Verwandten hatte, haben in dieser eher entwurzelten Kindheit meine Großmutter und meine Mutter mir eine behütete Heimat gegeben. Ich bin von Frauen geformt.

Seit 2014 laden Sie Frauen zu Gesprächen im Radio bei NDR Info ein. Anfang des Jahres haben Sie außerdem „Frauengeschichten“ als Buch veröffentlicht, der Untertitel Ihres Buches lautet: „Was ich von starken Frauen gelernt habe“. Ja, was haben Sie gelernt?

Frauen werden anarchischer und humorvoller, wenn sie in ein gewisses Alter kommen und ihnen ihre Wirkung nicht mehr so wichtig ist. Männer dagegen werden, wenn sie ihrer Ämter verlustig werden, eher bedeutungsschwanger. Frauen definieren sich über die Person, Männer über die Funktion.  

Brauchen wir mehr Frauen in Führungspositionen? 

Wir brauchen auf jeden Fall mehr Weiblichkeit in der Politik, wobei mitunter auch Frauen sehr männlich sein können. Wenn wir in Amerika, Russland und der Türkei weibliche Regierungschefs hätten, gäbe es eine größere Dialogbereitschaft zwischen diesen Ländern und mit uns. Da bin ich mir sicher. 

Sie haben sehr unterschiedliche Frauen befragt. Warum machen Sie so viel am Geschlecht fest?

Ich hasse zum Beispiel das Wort „Frauenversteher“, weil es suggeriert, dass alle Frauen gleich sind. Natürlich ist ihre Charakter-Vielfalt so groß, dass es auch Frauen gibt, von denen ich nichts hätte lernen können. Aber mein Eindruck ist, dass Frauen sich weit mehr für die Ängste und Sorgen anderer interessieren, als es Männer tun.  

Sind Frauen bessere Menschen?

Nein. Punkt.

Sinngemäß haben Sie mal gesagt, dass Sie Selbstmitleid verachten. Warum?

Ich finde es nicht gut, wenn Menschen sich in die Opferrolle flüchten. Scheitern, Unglück und Ungerechtigkeiten oder betrogen werden gehören einfach zum Leben dazu. Das sind aber keine Gründe, sich selbst leid zu tun. 

Ihre Frau, die Journalistin und Schriftstellerin Dorothee Röhrig, hat Ihnen in ihrem Buch „Die fünf magischen Momente des Lebens“ eine große Liebeserklärung gemacht. Sie beschreibt, wie Ihre Begegnung ihr Leben verändert hat. Wie haben Sie das empfunden?

Das hat sie so empfunden und ist Teil ihres Buches – mit meiner Einwilligung. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Vielleicht nur so viel: Es ist eine große Liebe, die uns beide vor sechs Jahren heimgesucht hat. Hätte mein bester Freund mir das prophezeit, hätte ich gesagt: „Vergiss es!“ Ich war ein gern alleinlebender Mann.

Sie haben zwei erwachsene Kinder. Was haben Sie denen als Rüstzeug fürs Leben mitgegeben?

Findet selbst heraus, was euch glücklich macht. Das kann euch niemand abnehmen. Ihr werdet um eurer selbst willen geliebt und ich bin da, falls ihr scheitern solltet. 

Machen Ihnen die Veränderungen durch die neuen Nationalisten in Europa und der Welt oder auch die AfD in Deutschland Angst?  

Angst nicht, es besorgt mich. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass wir da noch mal hinkommen. Es gibt zu Europa keine Alternative, und der Nationalstaat hat keine Zukunft. Ich bekämpfe die Ratlosigkeit, die sich meiner bemächtigt, wenn ich mit solchen Menschen zu tun habe, mit offensiven Gesprächen. 

Könnten Sie sich vorstellen, selbst in die Politik zu gehen, um mitgestalten zu können?

Nein, definitiv nicht. Vor etwa zehn Jahren gab es eine Anfrage, aber heute ich bin froh, es nicht gemacht zu haben. In der Politik gibt es immer jemanden, der deine Entscheidung für falsch hält − Opposition, Presse oder Wähler. Das würde ich nicht durchhalten. 

Was gefällt Ihnen an Hamburg?

Die Offenheit zum Meer, eine gewisse Liberalität. Ich bin gern im Norden und doch ist Hamburg nicht meine Heimat geworden. Ich bin eher ein südlicher Mensch. Ich vermisse zum Beispiel eine gute Landgastronomie wie es sie in Bayern oder in Baden gibt. Und eine gewisse barocke Lebensart. 

Was muss besser werden in Hamburg?

Manchmal erscheint mir die Stadt etwas geschichtsvergessen. Es gibt viele große Hamburger wie den Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock oder etwa den Schriftsteller Hans Henny Jahnn, von dem man aber heute nur noch die Straße im Stadtteil Winterhude kennt. 

Die DNA dieser Stadt prägte über Jahrhunderte die Kaufmannschaft. Hamburg war nie eine Stadt des intellektuellen Diskurses und: Sie wollte es auch nie sein. Ich wünschte mir ein bisschen mehr Interesse für die eigene Geschichte und nicht nur für die Wirtschaftsgeschichte. Da ist Luft nach oben für Hamburg.

Stress ... 

... das Wort verwende ich nie.

Ich entspanne mich am besten ... 

... auf einem südeuropäischen Marktplatz.

Die Elbphilharmonie ... 

... ist ein Himmels- und Gottesgeschenk für Hamburg.

Glück ist ... 

... um es mit dem Dichter Novalis zu sagen, das Talent für das eigene Schicksal. 

Ich wollte längst mal wieder ...

... mit viel Zeit durch die USA reisen.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ...

... überall dort, wo ich die Hafenanlagen mit Kränen und die großen Pötte sehen kann.

Ich kann mich ärgern ...

..., dass Hamburg wenig dagegen tut, dass historische Bausubstanz ständig von Graffiti verschandelt wird.

Eine Schwäche von mir ...

... ist Rotwein.

Ich könnte gut verzichten auf ... 

... Weißwein (lacht).

Vorbilder ... 

... waren Rod Stewart und der Rennfahrer Jackie Stewart, als ich jung war. Heute sind es Menschen, die ehrenamtlich arbeiten und sich sozial engagieren.

Meine Stärke ...

... ist mit dem Philosophen Popper gesprochen: Die Erkenntnis, dass es zum Optimismus keine vernünftige Alternative gibt.

Bücher ... 

... sind Grundnahrungsmittel für mich. Ich bin eine Literatur fressende Pflanze.

Zur Person

Hubertus Meyer-Burckhardt ist Filmproduzent, Buchautor, Radio- und Fernsehmoderator, er war Hochschul-Professor und Medienmanager. Seit 2008 ist er Gastgeber der „NDR Talk Show“ an der Seite von Barbara Schöneberger.


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Leserkommentare
theface am 18.10.2019 20:54
Das kann so nicht stimmen, sonst wären SPD und Grüne ja nicht mehr in der Landesregierung.
Opferanode am 18.10.2019 20:48
Ich hatte die gleiche Frage. Aber eine vernünftige Antwort würde mir besser gefallen, als so schulmeisterlich daherzukommen, mit der Aufforderung, ...
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