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Patrick Sercu: Ehemaliger Sportlicher Leiter der Sixdays gestorben

Jörg Niemeyer 19.04.2019 0 Kommentare

Die wohl größten belgischen Radsportler aller Zeiten, hier während der Bahn-Europameisterschaft 1970 in Köln im 100-Kilometer-Mannschaftsrennen in einem Team: Patrick Sercu (links) und Eddy Merckx.
Die wohl größten belgischen Radsportler aller Zeiten, hier während der Bahn-Europameisterschaft 1970 in Köln im 100-Kilometer-Mannschaftsrennen in einem Team: Patrick Sercu (links) und Eddy Merckx. (Horstmüller/imago)

Die geplante große Geschichte im WESER-KURIER – sie sollte nicht mehr zustande kommen. Beim Anruf im vergangenen Herbst meldete sich am anderen Ende der Leitung Patrick Sercu zwar noch, doch seine Erkrankung war bereits weit fortgeschritten. Sercus Sohn Christophe bat darum, von einem Text über seinen Vater, der schon zu Lebzeiten weit über seine Heimat Belgien hinaus zur Radsport-Legende geworden war, abzusehen. Ein knappes halbes Jahr später, am Karfreitag, bestätigte Christophe Sercu in einer Erklärung, dass sein Vater wenige Stunden zuvor im Alter von 74 Jahren gestorben war.

Der Tod des vielleicht weltbesten Bahnfahrers aller Zeiten kam zwar am Ende nicht überraschend, aber er löste auch in Bremen tiefe Bestürzung aus. 1967, bei der dritten Auflage des Bremer Sechstagerennens, startete Patrick Sercu erstmals in der Stadthalle. Danach ließ ihn die Hansestadt fast bis zu seinem Tod nicht mehr los. Er sei zwar, ob als Fahrer oder später als Sportlicher Leiter, immer nur für einige Tage in Bremen gewesen, sagt Peter Rengel. „Aber für Bremens Bedeutung im Weltsport war er ein ganz wichtiger Mann.“

Fotostrecke: Patrick Sercu war den Sixdays immer treu

Fast 15 Jahre arbeiteten Rengel, der spätere Chef von Bremens größter Veranstaltungsarena, und Sercu eng zusammen. Noch enger war die Beziehung zwischen Frank Minder und Sercu. „Patrick hat mit Abstand die besten Fahrer in unsere Stadt geholt“, erklärt Bremens „Mister Sixdays“, warum Sercu für den bremischen Weltsport so wichtig war. Minder hatte den Belgier Mitte der 1980er-Jahre als Sportlichen Leiter an die Weser gelotst und war zwischen 1994 und 2011 Veranstalter des Rennens.

„Patrick war der eleganteste Fahrer, den ich je gesehen habe“, sagt Minder. 1971 hatten sich beide kennengelernt – es war der Beginn einer am Ende dicken Freundschaft. „Wir haben zusammengehalten wie Pech und Schwefel“, sagt der 72-Jährige. „Vielleicht haben wir auch deshalb so gut zusammengepasst, weil wir extrem gegensätzlich waren. Ich war immer der bekloppte Hund.“ Während Minder für seine lauten Sprüche bekannt war und gern auch mal aneckte, bestach Sercu – er beherrschte fünf Sprachen – durch Eloquenz und Kompetenz. „Wenn es um Sport ging, gab es keinen Besseren als ihn“, sagt Minder voller Anerkennung.

„Als Sportler und als Mensch war Patrick immer mein Vorbild"

„Patrick war ein Gentleman“, sagt mit dem 58-jährigen Christian Stoll ein weitaus jüngerer, ebenfalls aber langjähriger Partner Sercus. Weserstadion-Sprecher Stoll ist seit Langem Radsport-Experte und spricht von einem „besonderen Moment für mich“, als der Belgier im Herbst 1991 auf ihn zukam, um ihn als Bahnsprecher für Bremen zu gewinnen. „Ich hab Patrick 1973 beim Kindernachmittag erstmals als Fahrer erlebt“, sagt der Bremer Stoll. Als er knapp 19 Jahre später nun dieses Angebot bekam, war er überwältigt. „Als Sportler und als Mensch war Patrick immer mein Vorbild – er war mein Idol“, sagt Stoll, der von 1992 bis 2011, bis zum Ende der Ära Minder/Sercu in Bremen, Bahnsprecher und zuletzt auch Vertrauter des Sportlichen Leiters war.

Solange es Sercus Gesundheit noch zuließ, standen Stoll und der Belgier in Kontakt. „Wir haben uns immer gegenseitig zum Geburtstag gratuliert – bis der Kontakt auf einmal weg war.“ Peter Rengel und Frank Minder erging es ebenso. Als die Bremer Sixdays 2014 mit allerhand Aufwand das 50. Rennen seit 1965 feierten, war natürlich auch Patrick Sercu dabei. „Da haben wir noch zusammen im Jubiläumsbuch von Thorsten Schmidt geblättert“, sagt Rengel. Danach habe er sich mit Sercu noch einmal in dessen Heimat getroffen, beim Sechstagerennen in Gent. Dort erlebte Rengel hautnah, welches Ansehen Sercu genoss. In Belgien ist Radfahren Volkssport, populärer als Fußball. Kein Wunder, dass dort fast jedes Kind Größen wie Eddy Merckx oder Patrick Sercu kennt. „Wenn Patrick in Gent in die Halle kam, wo sein Sohn Christophe die Sixdays leitete, erhoben sich die Zuschauer von ihren Sitzen“, sagt Rengel.

Zwischen den Familien Minder und Sercu entwickelte sich sogar über den Radsport hinaus ein besonders enges Verhältnis. Nicht nur die Ehemänner schätzten sich, sondern auch die Ehefrauen. Sercus Sohn Christophe hat sogar ein halbes Jahr bei den Minders gelebt – auch deshalb, weil er vom Veranstalter Frank Minder lernen wollte und sollte.

Als Sechstagekaiser tituliert und verehrt

Patrick Sercu war ein ganz besonderer Mensch. Zu aktiven Fahrerzeiten als Sechstagekaiser tituliert und verehrt, bewies der Belgier in der Öffentlichkeit fast schon royalen Charme. „Ich habe ihn nie ausfallend erlebt“, sagt Christian Stoll. Auch Journalisten gegenüber bewahrte Sercu selbst in den hektischsten Situationen immer einen freundlichen, verbindlichen Stil. Nachdem er 2011 in Bremen zum letzten Mal an der Rundenglocke gestanden hatte, kam ihm nach den heftigen Auseinandersetzungen anlässlich der Minder-­Ausbootung öffentlich kein böses Wort über die Lippen. Er freue sich darauf, nun mehr Zeit als Großvater zu haben, sagte Sercu.

Gleichwohl hatte er aber auch andere Seiten. „Sein Wort war Gesetz“, sagen Rengel und Stoll. Was allerdings nicht an etwaigen herrschsüchtigen Zügen Sercus gelegen haben soll. Nein, Sercu war so etwas wie eine natürliche Autorität. Die hatte er sich erarbeitet – zunächst als einer der besten Radsportler seiner Zeit, danach als Sportlicher Leiter und Veranstalter, der seine ganze Erfahrung, seine Kontakte, aber auch seine Ruhe und Verbindlichkeit zusammenführte in eine Persönlichkeit, die einfach überzeugte. „Patrick hatte eine unglaubliche Erfahrung und Professionalität“, sagt Christian Stoll. Professionalität habe er auch von anderen verlangt, von den Fahrern wie von seinem ganzen Umfeld. „Man war von ihm akzeptiert, wenn man so professionell arbeitete wie er.“

+ + + zuletzt aktualisiert um 21:20 Uhr + + +

Zur Sache

Olympiasieger und Weltmeister

Mit Patrick Sercu ist einer der weltbesten Radsportler aller Zeiten gestorben. Der Belgier, 1944 geboren, feierte 1964 in Tokio bereits mit 20 Jahren als Olympiasieger im 1000-Meter-Zeitfahren seinen größten Triumph. Als Straßenfahrer gehörte Sercu zur Weltelite, verpasste aber die ganz großen Erfolge. Immerhin 19 Etappensiege verbuchte er beim Giro d’Italia (13) und bei der Tour de France (6). Auf der Bahn zählte Sercu zu den Allerbesten. Er wurde neben dem Olympiasieg dreimal Weltmeister. 223-mal startete er bei Sechstagerennen, seine 88 Siege bedeuten bis heute Rekord. Das Bremer Rennen gewann Sercu viermal, außerdem war er von 1986 bis 2011 dessen Sportlicher Leiter.


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Leserkommentare
peteris am 21.10.2019 12:30
Vielleicht wissen wir am 1.11. um 11:11h mehr.


Sie meinen sicher den 11.11. um 11:11h?
suziwolf am 21.10.2019 12:19
Und dann ... @kretschmar -
[auch wieder] eine gemeinsame Währung -

Das britische £ - Sterling -
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