Weser-Strand-Portrait: Pia Klaembt Die Holzflüsterin

Die Geigenwerkstatt von Andrew Finnigan und Pia Klaembt ist die letzte in Bremen, die noch Instrumente neu baut. Die Geigenbauerin erzählt.
24.10.2021, 08:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sophia Allenstein

Mit prüfendem Blick justiert Pia Klaembt den Schirm der Schreibtischlampe. Holzstaub wirbelt im Lichtschein empor, als ein Metallschaber über den Hals eines Cellos gleitet. An der Schnecke, dem runden Abschluss des Instrumentes, glättet Klaembt Unebenheiten, macht Kanten weicher. Den Cellohals hat die 47-Jährige selbst angefertigt, die massive Werkbank, auf die er liegt, ebenso.

„Wir machen größtenteils Kopien alter italienischer Instrumente,“ erklärt Klaembt, worauf sich ihre Werkstatt spezialisiert hat. Ob es der Zwilling einer zweihundert Jahre alten Stradivari ist oder das Ebenbild einer Guaneri: In der Werkstatt im Ostertor, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Andrew Finnigan seit dem Jahr 2000 aufgebaut hat, werden die Stücke italienischer Meister bis ins kleinste Detail nachgebaut. Gipsabdrücke der Originale helfen den Geigenbauern, Form und Abnutzungserscheinungen besser zu verstehen. „Da gibt es dann kleine Lackabplatzungen oder Stellen, wo Hände über Jahrhunderte den Lack abgetragen haben“, erklärt Klaembt. Gut anderthalb Meter große Holzplanken verwandeln sich unter ihren kundigen Händen in Geigen, Bratschen und Celli. Beispielsweise Ahorn für den Korpus, Fichte für die Decke, Ebenholz für das Griffbrett.

Klaembts Faszination für den Geigenbau ist ansteckend, ihre Augen leuchten, wenn sie über die besonderen Momente ihrer Arbeit spricht. Erst kürzlich reiste das Handwerkerpaar nach Cremona, einem Ort in Norditalien, berühmt für seine Geigenbauerfamilien. „Die haben dort ein fantastisches Museum. Wir haben quasi vor den Instrumenten kampiert und Dutzende Fotos gemacht“, sagt die 47-Jährige begeistert. Wenn es mal ein älteres Exemplar in die Werkstatt verschlage, könne sie dieses stundenlang betrachten. Die Komplexität der Oberflächen, mit ihren Rissen, der Patina und Nutzungsspuren: Sie fesselt die Geigenbauerin immer wieder aufs Neue. Manchmal erzählt auch das Rohholz Geschichten. An Jahresringen kann Klaembt ablesen, wann der Baum aufgrund von strengen Wintern oder Dürresommern wenig gewachsen ist. Und im Ahorn, das die Werkstatt aus Bosnien bezieht, stecken ab und an Granatensplitter aus Kriegszeiten.

Seit 21 Jahren baut Klaembt nun Streichinstrumente. Die Musik zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Biografie. Mit neun beginnt sie, Cello zu spielen, mit 13 bereist sie mit dem Jugendorchester die ganze Welt. Der Schlüsselmoment ihrer Kindheit: Ihr Cello fällt zu Boden, das Griffbrett bricht ab. Ein Schock für die junge Musikerin, bis ein Geigenbauer die Teile wieder zusammenfügt. In Pia Klaembt wächst der Wunsch, selbst Geigenbauerin zu werden. Heute beherrscht sie alle Instrumente, die sie eigenhändig baut: Geigen, Bratschen und Celli. „Selbst spielen zu können ist wichtig für den Beruf“, sagt Klaembt. „Sonst kann man gar nicht beurteilen, was man da gebaut hat“.

Eine gewisse Neugierde und Experimentierfreude bringen Pia Klaembt in ihrem Handwerk voran. Stets dabei: Offenheit für Neues. Sie und ihr Mann hätten schon verrückte Dinge ausprobiert, erzählt Klaembt. Sie haben Instrumente mit Maschinen beschallt und geguckt, was passiert. Oder zwei Deckel für eine Geige gebaut, um zu sehen, wie sich der Klang verändert. Den Instrumentenlack kochen die Handwerker aus Harz und Ölen nach eigener Rezeptur. Und vor einigen Jahren programmierte Klaembts Partner eine Software, die mittels 3D-Animation abbildet, wie die neu gebauten Instrumentenkörper auf verschiedenen Frequenzen schwingen. Und wo nachgebessert werden muss. Tüfteln und Ausprobieren ist für die Geigenbauer ein wesentlicher Teil des Berufs. "Das ist das Spannende am Geigenbau, man lernt immer dazu."

Gerade einmal 26 Jahre alt ist Pia Klaembt, als sie mit Andrew Finnigan die Werkstatt aufbaut. Keine einfache Zeit: Klaembt ist gerade Mutter geworden, und die Geigenbauer haben sich noch keinen Namen gemacht. Auf der Suche nach Kunden telefoniert Pia viel. Einmal setzt sie sich vor das Künstlerzimmer der Glocke und spielt, damit Musiker auf ihr Instrument aufmerksam werden. Beide sorgen sich, ob der Geigenbau eine Familie ernähren kann. Dann der Durchbruch: Das Paar nimmt an Instrumentenbau-Wettbewerben teil, gewinnt Preise, erhält Aufträge. Zu ihren ersten Kunden gehört die Violinistin und mehrfache Grammy-Gewinnerin Anne-Sophie Mutter. Einschüchtern lässt sich die bisweilen introvertiert wirkende Klaembt von prominenter Kundschaft nicht. "Ich habe keine Angst davor, auf Menschen zuzugehen", sagt sie.

Die Begegnungen und die Vielseitigkeit der Aufgaben machen den Beruf für die 47-Jährige bereichernd. Klaembt genießt die Ruhe an der Werkbank – mit schöner Musik oder einer Tasse Tee. Durch den Kontakt zu Kunden und Händlern trifft sie aber auch Menschen aus aller Welt. „Und wenn wir ins Konzert eingeladen sind, sitzen wir im Publikum und sind tierisch nervös. Wir fragen uns dann: Wie wird unser Instrument klingen?“, sagt sie und lacht. Bei der Arbeit, das merkt man schnell, ist Klaembt mit Kopf und Herz dabei. Die Instrumente seien ein bisschen wie ihre Kinder, sagt die Geigenbauerin. Und wenn die Phase der Klangoptimierung erreicht sei, fühle sie sich regelrecht euphorisch.

Mittlerweile können Pia Klaembt und Andrew Finnigan gut von ihrer Arbeit leben. Die Werkstatt führt eine Warteliste, ein bis zwei Jahre müssen sich Kunden bis zur Fertigstellung eines Auftrages gedulden. Auf ihren Berufseinstieg schauen die beiden heute mit einer gewissen Belustigung zurück. "Nach der dreijährigen Geigenbauausbildung kann man eigentlich nur geigenähnliche Objekte herstellen", sagt Klaembt verschmitzt. Alles andere komme mit der Erfahrung.

Nicht verändert hat sich während der Jahrzehnte der Anspruch an die Instrumente. "Wir wollen gleichbleibend gute Instrumente bauen", führt Klaembt aus. Ein hochgestecktes Ziel im Geigenbau, denn: „Jedes Stück Holz ist ein Unikat. Selbst das Holz desselben Baumes kann unterschiedliche Klangeigenschaften haben. Wir versuchen, Geigen nach einem Rezept zu bauen, aber die Zutaten ändern sich ständig.“ Objekte mit den Händen zu formen und Dinge zu erschaffen, besitzt für Klaembt bis heute einen eigenen Zauber. „Es fließt so aus einem heraus, man kommt in einen Flow. Manchmal sitze ich an der Werkbank, schnitze an meiner Schnecke und merke gar nicht, wie die Zeit vergeht“, sagt sie. Einen anderen Beruf als den der Geigenbauerin? Den kann sich Pia Klaembt nicht vorstellen.

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