Der Ex-Bremer Florian Wellbrock über Rio 2016 und die aktuelle WM in Ungarn „2020 wird wichtiger für mich“

Sie sind deutscher Meister über 1500 Meter Freistil im Becken, haben sich zudem den Freiwasser-Titel über fünf Kilometer gesichert. Für die WM in Ungarn hieß es: Entweder – oder, da der Verband einen Doppelstart nicht erlaubte.
23.07.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sabrina Knoll

Sie sind deutscher Meister über 1500 Meter Freistil im Becken, haben sich zudem den Freiwasser-Titel über fünf Kilometer gesichert. Für die WM in Ungarn hieß es: Entweder – oder, da der Verband einen Doppelstart nicht erlaubte. Können Sie die Regelung verstehen?

Florian Wellbrock: Ich musste mich ja schon vor der Freiwasser-DM entscheiden. Da fiel es mir noch gar nicht so schwer. Da dann aber die fünf Kilometer so dermaßen gut liefen, bin ich schon ein bisschen enttäuscht. Ich glaube, ich hätte beides gepackt und ich wäre auch gerne beides geschwommen.

Mit Blick auf Tokio 2020 sagt Ihnen Freiwasser-Bundestrainer Stefan Lurz eine große, eine größere Zukunft über die Zehn-Kilometer-Distanz voraus. Andererseits haben Sie nun mit der Aufnahme der 800 Meter Freistil ins olympische Programm neben den 1500 Metern eine weitere Chance im Becken. Steht da die nächste Entscheidung an?

Das ist eine schwierige Frage. Der Spaßfaktor ist für mich bei beiden gleich, auch wenn viele Beckenschwimmer den unvorhersehbaren Umweltbedingungen ja eher abgeneigt sind. Aber mir fallen gerade die zehn Kilometer immer noch schwer, weil mir dafür einfach immer noch die Grundlagen fehlen.

Wenn man wie Sie aber die nötige Grundgeschwindigkeit und das Talent mitbringt, instinktiv die richtigen Lösungen im Rennen zu finden, ist es dann nicht vielleicht einfacher, sich seinen olympische Traum im Freiwasser zu erfüllen?

Das würde ich nicht sagen, weil die Tickets im Freiwasser ja auf internationaler Ebene vergeben werden. Um sich direkt für Olympia 2020 zu qualifizieren, braucht man bei der WM 2019 einen Platz unter den Top 10. Für eine WM oder EM ist es vielleicht wirklich einen Tick einfacher, weil wir bei den deutschen Schwimmern einfach nicht die Dichte im Freiwasser haben.

Sie haben Ihre ersten Olympischen Spiele bereits erlebt. Allerdings blieben Sie im Vorlauf über 1500 Meter Freistil weit über Ihrer Bestzeit. Was haben die Auswertungen ergeben?

Uns war sehr schnell klar, dass es an der Nervosität gelegen hat. Ich hatte ja bis dahin gar keine Erfahrung mit großen Meisterschaften im Becken. Olympia war mein erster internationaler Wettkampf im Erwachsenenbereich.

Tatsächlich sagten Sie damals bereits direkt nach dem Rennen, dass die Probleme wahrscheinlich schon im Vorstartraum angefangen hätten. Wie erging es Ihnen damals?

Das kann ich leider gar nicht sagen, selbst wenn ich wollte. Ich habe ab dem Betreten des Callrooms bis nach dem Startsprung einen totalen Black-out. Da ist nichts. Ich kann mich überhaupt nicht mehr daran erinnern, was da passiert ist. Aber ich kann mit ziemlicher Sicherheit sagen: Das wird mir kein weiteres Mal passieren.

Dabei sagten Sie noch vor den Spielen, Sie seien nicht der Typ, der sich schnell aus der Ruhe bringen lässt. Welche Lehren konnten Sie aus dem Olympia-Erlebnis ziehen?

Tja, ich musste dann doch feststellen, dass Olympia was anderes ist als einer der Wettkämpfe, die ich vorher für groß gehalten habe. Das ist einfach eine andere Anspannung. Da habe ich wirklich nochmal eine andere Seite von mir kennengelernt – leider. Andererseits kann ich wohl froh sein, dass es 2016 in die Hose gegangen ist und nicht 2020. Denn 2020 wird wohl doch wichtiger für mich. Daher verbuche ist das jetzt mal als wichtige Erfahrung.

Sie sind dann ja auch direkt abgereist, um Ihre Ausbildung zum Immobilienkaufmann zu beginnen. Bereuen Sie es, nicht noch ein paar positive Olympia-Erlebnisse in der zweiten Woche gesammelt zu haben?

Nein. Mein Arbeitgeber hatte mir ja sogar freigestellt, länger zu bleiben, aber ich hatte schon vorher beschlossen, dass ich früher zurückfliegen würde, damit ich nicht so viel von der Ausbildung verpasse. Als das Rennen dann so schlecht lief, war ich sogar ganz froh darüber, weil ich so gefrustet war, dass ich gar nicht mehr länger hätte bleiben wollen.

Wie lange haben Sie gebraucht, um das Rennen hinter sich zu lassen?

Das hat noch bis zum Weltcup in Berlin gedauert. Da wollte ich die 1500 unbedingt nochmal schwimmen, um nicht mit einer schlechten Leistung in die Sommerpause zu gehen. Und das lief dann auch wirklich sehr, sehr gut. Danach war das für mich abgehakt.

Eine Ausbildung neben dem zeit- und kraftraubenden Schwimmsport – wie funktioniert das?

Weil ich einen sehr kulanten Arbeitgeber habe, geht das eigentlich ganz gut. Ich bin morgens freigestellt, sodass ich trainieren kann. Dann arbeite ich von 9.30 bis 14.45 Uhr und kann danach um 15.30 Uhr wieder in der Halle sein. Wichtige Maßnahmen des Verbands, unser Höhentraining oder diese Meisterschaften jetzt, solche Termine sind alle bereits auf lange Sicht abgestimmt. Und selbst wenn sich da mal was verschiebt, ist das meist auch kein Problem.

Klingt, als wäre es auch nicht komplizierter, als Schule und Training unter einen Hut zu bringen?

Mir fällt es sogar leichter. In der Schule habe ich mich mit der Kombination nie wohlgefühlt. Ich hatte immer die Einstellung, dass ich da etwas lernen soll, was ich nie brauchen werde. Das ist jetzt ganz anders. Jetzt lerne ich Dinge, die ich auch wirklich brauche im Job, da ist es für mich viel einfacher, mich zu motivieren. Da passe ich auch deutlich besser auf, habe ich festgestellt (lacht).

In Budapest starten Sie über die 1500 Meter, für die Sie sich qualifiziert haben, und auch über die 800 Meter. Welche Ziele haben Sie sich für die Rennen gesetzt?

Mir geht es bei der WM vor allem um die 1500. Und da wäre es schön, wenn das jetzt mal klappt mit der Finalqualifikation. Ich finde, so eine Meisterschaft macht immer nur Spaß, wenn man Vor- und Endlauf schwimmt.

Das Gespräch führte Sabrina Knoll.

Zur Person

Florian Wellbrock (19) ist in Bremen geboren und aufgewachsen. 2014 wechselte er als 16-Jähriger von der SSG Bremen/Bremerhaven zum SC Magdeburg. 2016 nahm er an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro teil.
Entweder Becken oder Freiwasser Vor den Weltmeisterschaften in Ungarn musste sich der Langstreckenspezialist als WM-Qualifikant über 1500 Meter Freistil und deutscher Meister über fünf Kilometer zwischen Beckenstarts in Budapest oder Freiwasserrennen am Balaton entscheiden. Einen Doppelstart schloss Chef-Bundestrainer Henning Lambertz mit dem Hinweis auf die gemeinsame Vorbereitung der Beckenschwimmer aus. Mit Wellbrock hätte das deutsche Team im Freiwasser möglicherweise sowohl über 5 Kilometer als auch in der Staffel Medaillenchancen gehabt. In Budapest geht er über 800 (Dienstag, 25. Juli) und 1500 Meter Freistil (Sonnabend, 29. Juli) an den Start.
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