Report: Wie Schalke 04 sich selbst zerstörte

„Wenigstens muss Assauer das nicht mehr erleben“

Mit Schalke verliert die Bundesliga nicht nur den nächsten Traditionsverein, sondern einen ihrer größten. Es war ein selbst verursachter Niedergang - mit der Last von mehr als 200 Millionen Euro Schulden.
22.04.2021, 05:00
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„Wenigstens muss Assauer das nicht mehr erleben“
Von Jean-Julien Beer
„Wenigstens muss Assauer das nicht mehr erleben“

In Einsamkeit trauern: Schalkes Abwehrspieler Timo Becker sitzt nach dem Schlusspfiff in Bielefeld allein auf der Bank.

Friso Gentsch/dpa

Es lohnt sich, bei Rudi Assauer anzufangen, dem letzten großen Schalker, um den Niedergang dieses Traditionsvereins zu verstehen. Bei ihm sagten Bilder manchmal mehr als tausend Worte. Ein solches Bild entstand im April 2017 in den VIP-Räumen der Schalker Arena. Assauer war da schon von seiner schweren Alzheimer-Erkrankung gezeichnet. Teilnahmslos und verängstigt wirkte er, als ihn seine Begleiter aus dem Aufzug ins Stadion führten. Sie hatten ihn schick angezogen und die Haare so gekämmt, wie er das immer mochte. Als sich nun alle Blicke auf ihn richteten, stand Assauer regungslos in der Masse, ziemlich verloren. Einige Meter entfernt sahen dies vier frühere Spieler aus Schalkes Eurofighter-Mannschaft: Olaf Thon, Jiri Nemec, Mike Büskens und Martin Max. „Manager, komm rüber, wir machen ein Foto!“, rief Thon. Assauer ging nun tatsächlich die paar Schritte, ganz alleine, und stellte sich wortlos dazu. Seine Begleiter konnten es kaum glauben. So entstand eines seiner letzten Fotos in der Öffentlichkeit: Die vier Eurofighter schauen in die Kamera, der damals 72-jährige Manager blickt in die andere Richtung, lächelt aber zufrieden.

Schalke-Manager Rudi Assauer

So liebten ihn die Fans: Schalkes Manager-Legende Rudi Assauer.

Foto: Achim Scheidemann

Man könnte das, für sich betrachtet, als Zufall abtun, zumal enge Weggefährten versicherten, dass der erkrankte Manager schon da niemanden mehr erkannte. Knapp zwei Jahre später verstarb er. Aber Assauer hatte, und das wissen alle, ein feines Gespür dafür, was gut für ihn und sein Schalke ist. Und tatsächlich gibt es eine solche Anekdote auch anders: Als der mächtige Schalker Aufsichtsrats-Chef Clemens Tönnies den kranken Assauer von der Tribüne zum Spielfeld führen wollte, wehrte sich der Manager mit wilden Schlägen. Erst als der Anführer der Eurofighter-Helden, Marc Wilmots, den aufgebrachten Assauer an der Hand nahm, ließ der sich doch aufs Spielfeld führen, wo ihn die Fans feierten. „Er hat mich nicht erkannt, aber gespürt“, meint Wilmots, eine der großen Vereinslegenden.

Hier eine Kiste Bier, dort ein Staatskonzern

Schalkes Niedergang hängt stark mit diesen beiden Machern zusammen, mit Assauer und Tönnies. Beides Alphatiere, aber völlig verschieden. Assauer kam aus dem Fußball, wirkte lange bei Werder Bremen. Er hatte als Manager nie viel Geld, aber sehr viel Ahnung. Tönnies hatte viel Geld.

Als Metzger wurde er zum Milliardär, mit interessanten Kontakten. Wo der Macho Assauer mit der Kiste Veltins-Pils im Fernsehen warb, holte Tönnies per Handschlag mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin den Staatskonzern Gazprom aufs Schalker Trikot. Derlei war vielen Fans stets suspekt, und vielleicht passte Tönnies wirklich nicht zu Schalke. Als Wirtschaftsboss glaubte er, auch im Fußball führe immer mehr Geld zu mehr Erfolg. Schalke aber war im Prinzip immer klamm, nur reich an Emotionen. Die mehr als 155.000 Mitglieder kennen nur Blau oder Weiß, Träume oder Tragik. Meistens überwiegt die Tragik.

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Auf der ganzen Welt gibt es nur drei Fußballvereine, die noch mehr Mitglieder bewegen: Benfica und Sporting Lissabon sowie der FC Bayern. Jetzt verschwindet der Riese des Reviers aus der Bundesliga. Schalkes Abstieg ist das verdiente Ende einer Misswirtschaft. Das viele Geld führte zu nichts. „Wenigstens muss Rudi Assauer diesen Abstieg nicht mehr erleben“, sagt Wilmots über das Schalke von heute.

Assauer, so hochtrabend würden das seine gescheiterten Nachfolger formulieren, ist die Benchmark auf Schalke. Er selbst hätte bei diesem Wort den Vogel gezeigt. Mit seinem Instinkt für die richtigen Typen formte Assauer mit wenig Geld erfolgreiche Kader und damit das moderne Schalke. Er baute die Arena. Doch als seine Alkoholeskapaden 2006 zu krass wurden, war für ihn Schicht auf Schalke. Fortan war Tönnies der starke Macher, über den Assauer zuvor fluchte, „weil wir jetzt diesen Wurstheini im Verein haben“.

„Heute ist Schalke nur noch eine Hülle“

Und tatsächlich: Schalke veränderte sich. Tönnies wollte den Verein noch größer machen und unbedingt Meister werden. Doch ihm fehlte Assauers Instinkt. Er vertraute den falschen Leuten, immer wieder, vor allem bei der Besetzung des Vorstandes. Auf irritierende Weise verlor die eigene Vereinsführung jedes Gefühl für diesen Klub, sie wollten plötzlich weg vom Bergarbeiter-Image des Ruhrpotts und der Folklore um die großen Vereinslegenden. Damit entkernten sie ihren eigenen Verein. Viele langjährige Mitarbeiter mussten gehen, Spieler kamen plötzlich von überallher. Ausgerechnet auf Schalke gab es kaum noch Schalker. „Und heute“, so formuliert Wilmots ein niederschmetterndes Fazit, „ist Schalke nur noch eine Hülle. Man muss den Verein neu aufbauen, aber nicht neu erfinden. Das war der falsche Ansatz. Die Fans sind noch da, die Tradition, die Arena. Der Rest ist weg. Außer den Schulden.“

Die Schulden, natürlich. Die gehören zu Schalke wie die Trainerwechsel (25 waren es in den letzten 20 Jahren). Mit mehr als 200 Millionen Euro Verbindlichkeiten wird Schalke nun Zweitligist. Der Klub war ja ständig in finanzieller Schieflage. Mal half Tönnies mit privaten Krediten, mal musste die arme Stadt Gelsenkirchen mit 25 Millionen helfen. Zuletzt sicherte das Land Nordrhein-Westfalen einen 30-Millionen-Kredit durch eine Bürgschaft ab, eine solche Hilfe auf Basis von Steuergeldern nutzte in der Pandemie die halbe Bundesliga. Früher hatte Schalke so viele Schulden, weil das Stadion noch abbezahlt werden musste. Wie jeder Häuslebauer. Heute ist die Arena bezahlt, doch der Schuldenberg noch da – weil unentschuldbar viel Geld für so teure wie schlechte Spieler gezahlt wurde. Durch Schalkes Abstieg verliert die Bundesliga auch ihr größtes Millionengrab.

Ein der größten Vereinslegenden: Schalkes Eurofighter Marc Wilmots

Ein der größten Vereinslegenden: Schalkes Eurofighter Marc Wilmots

Foto: Dennis Sabangan / dpa

Tönnies kann mit seinem Geld nicht mehr helfen. Nach allerhand Fehltritten war vor dieser Saison auch für ihn Schicht im Schacht. Ohne den Boss blieben nur noch die Schwachen im Vorstand, die Tönnies gerne um sich scharte, um sich Widerworte zu ersparen. Die Schwachen brauchten nicht mal ein Jahr, um den ganzen Laden krachend an die Wand zu fahren.

Immerhin: Pleite ist Schalke nach dem Abstieg nicht. Auch die Zweitligalizenz ist nicht in Gefahr, weil dieser Verein die Größe und Kraft hat, auch viele Kredite bedienen zu können. Das ist der Unterschied zu den klammen Bremern: Als Werder im Geschäftsjahr 2019 einen Rekordumsatz von 157 Millionen Euro feierte, schaffte Schalke in diesem Zeitraum fast 120 Millionen Euro mehr. Schalke wird den Sturz in die Zweitklassigkeit wirtschaftlich besser verkraften, als es die Bremer könnten. Zumal mehrere Spieler, und das ist die Tragik dieses Abstiegs, eigentlich so gut sind, dass andere Klubs sie nun für mehrere Millionen kaufen werden.

Künftig soll Schalke wieder mehr wie einst bei Assauer sein

Mit Schalke verliert die Bundesliga gerade nicht nur den nächsten Traditionsverein, sondern einen ihrer größten. Vor zwei Jahren spielte der Klub noch in der Champions League gegen Manchester City. Ab Sommer tritt man in Kiel oder Aue an. Eine Schmach für einen Verein, der in seinen Jugendteams Weltmeister wie Manuel Neuer und Mesut Özil formte.

In der berühmten Schalker Knappenschmiede lernten auch Stars wie Leroy Sané (FC Bayern) oder Weston McKennie (Juventus Turin) das Fußballspielen.

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Diese Knappenschmiede soll nun ein Eckpfeiler beim Wiederaufbau sein. Doch auch hierzu gibt es eine Anekdote. Als der damals neue Manager Christian Heidel fragte, wo denn die Knappenschmiede sei, erhielt er die Antwort: „Die steht da vorne!“ Doch da stand nur ein Mann Mitte 50 mit längeren Haaren: Norbert Elgert, ein Jugendtrainer. Ein Gebäude oder eigene Trainingsplätze gab es gar nicht. Beides wollte Schalke nun gerade bauen, für viele Millionen. Doch der Abstieg führte zum Baustopp. Das passt zur tragischen Geschichte der Vier-Minuten-Meister von 2001.

„Schalke muss wieder mehr Schalke sein“, sagt der neueste Vorstand Peter Knäbel. Er meint damit: mehr wie bei Assauer. Diese Erkenntnis kam zu spät. Aber die lang ersehnte Meisterleistung, die kann man den Schalkern attestieren: Diesen einzigartigen Verein mit all seinen Fans und der Arena so an die Wand zu fahren, das war eine.

Info

Zur Sache

Die Schalker Fußballprofis sind in der Nacht des Bundesliga-Abstiegs nach der Rückkehr nach Gelsenkirchen laut Polizei mit „massiven Aggressionen“ von Fans konfrontiert worden. „Es sind Spieler weggerannt“, sagte ein Polizeisprecher. Es sei nicht bekannt, dass Spieler verletzt worden seien. Eine Hundertschaft der Polizei sei eingeschritten. Zudem sollen zwei Profis getreten worden sein. Ein Video, das im Internet kursiert und eine entsprechende Fluchtszene vor der Schalker Arena zeigen soll, sei auch der Polizei bekannt.

Zuvor hatte die Polizei mitgeteilt, dass Spieler nach dem am Dienstagabend durch eine 0:1-Niederlage bei Arminia Bielefeld besiegelten Abstieg des Klubs mit Eiern beworfen wurden: „Bei Eintreffen der Mannschaft kam es beim Verlassen des Busses kurzfristig zu heftigen Unmutsbekundungen.“ Die Mannschaft war nach dem Spiel in Bielefeld per Bus zurück nach Gelsenkirchen gereist. Laut Polizei-Mitteilung warteten rund 500 bis 600 Menschen auf die Mannschaft an der Arena.

Der Klub teilte am Mittwoch mit, dass bei einem Austausch zwischen Spielern und Fans „Grenzen überschritten“ worden seien. „Bei allem verständlichen Frust und aller nachvollziehbaren Wut über den Abstieg in die 2. Bundesliga: Der Verein wird es niemals akzeptieren, wenn die körperliche Unversehrtheit seiner Spieler und Mitarbeiter gefährdet wird. Genau das ist in der vergangenen Nacht aber durch die Handlungen von Einzelpersonen geschehen“, hieß es in einer Mitteilung des Klubs. Die Aufarbeitung des Vorfalls habe begonnen.

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