Olympiasieger in der ÖVB-Arena Adrenalin on Ice

Sie haben alles erreicht im Sport. Die Eiskunstlauf-Olympiasieger Aljona Savchenko und Bruno Massot, in Bremen Stargäste bei „Holiday on Ice“, gehen nun mit dem Thema Karriere-Ende ganz unterschiedlich um.
21.02.2019, 17:42
Lesedauer: 3 Min
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Adrenalin on Ice
Von Olaf Dorow

So gut hat es nicht jeder Sportler. Ohne einen einzigen Wettkampf bestreiten zu müssen, können Aljona Savchenko und Bruno Massot sich jetzt ausleben in ihrem Sport. Sie können ihn einem breiten Publikum präsentieren, sie können den Beifall genießen, sie bekommen gutes Geld dafür. „Und“, sagt Bruno Massot, „wir sind frei dabei.“ Frei, um etwas zu kreieren. Niemand da, der sie bewerte, niemand, der ihnen sage: Mach' dies so, mach' das so, mach' jenes anders! Kein Stress. Holiday-on-Ice-Applaus – so wie am Mittwochabend von 2500 Zuschauern in der Bremer ÖVB-Arena – statt strenge Wertungsrichter und die Angst vor einem Patzer.

Das Eiskunstlauf-Paar Aljona Savchenko, gebürtige Ukrainerin, und Bruno Massot, gebürtiger Franzose, hatte vor einem Jahr in Pyeongchang Olympiagold für Deutschland geholt. Es hatte da im fernen Korea eine Kür hingelegt, mit der es nicht nur die Konkurrenz noch spektakulär überholte und eine neue Weltrekord-Punktzahl aufstellte. Die Kür ging Millionen TV-Zuschauern unter die Haut und krönte eine Sportler-Karriere. Einen Monat später wurden sie auch noch Weltmeister.

Ob es eine Fortsetzung der erfolgsgekrönten Karriere gibt, ist die Frage. Es ist eine sehr knifflige Frage, gerade bei Athleten, die so lange im Leistungssport waren und darin sämtliche Stufen auf dem Weg nach oben erklommen haben. Die beiden Olympiasieger können die Frage, ob sie weitermachen, aktuell nicht eindeutig beantworten. Vielleicht muss man auch sagen: Sie wollen sie nicht beantworten. Oder: Sie scheuen eine Antwort. Man kann nur sozusagen gefühlt und stellvertretend für sie antworten. Gefühlt hört der 30-jährige Bruno Massot auf und würde Aljona Savchenko, 35 Jahre alt, nur zu gern weitermachen.

Sie konnten dieses Karriere-nach-der Karriere-Ding erst mal um ein Jahr nach hinten schieben. Die Show Holiday on Ice engagierte sie als Stargäste und Academy-Trainer. Sie tourten ab Ende November 2018 durchs Land. „Keine Ahnung, die wievielte Show das heute war“, sagten sie beide nach dem Auftritt in Bremen. Von Bremen hatten sie die Arena und das Hotel gesehen, sonst blieb keine Zeit für nichts. Bereits am Donnerstagmorgen ging es weiter nach Berlin. Laut Tour-Kalender beschließen dort zwei Auftritte im Tempodrom ihre Reise durch Deutschlands Hallen, es wären dann die Auftritte Nummer 16 und 17. In der 13. Stadt.

Show ist Genuss, Wettkampf ist Liebe

„Es ist anstrengend, aber stressfrei“, sagt Bruno Massot. Er scheint diesen Schritt, der vielen erfolgreichen Leistungssportlern nicht leicht fällt, schon weitgehend gemacht zu haben: den Schritt ins Leben ohne den Leistungssport. Er ist seit Oktober Vater des kleinen Louka. In der Schweiz arbeitet er als Trainer in einem Verein. Für 50 Eisläufer sei er da verantwortlich, sagt er. Aljona Savchenko, die Sportsoldatin aus Oberstdorf: ist im Moment irgendwie ein Showstar im Körper einer Leistungssportlerin.

Ja, sie genieße die Show, sagt sie. Aber Show und Wettkampf, das seien zwei sehr unterschiedliche Dinge – und ihre Leidenschaft sei dabei der Wettkampf. „Ich bin ein Wettkampf-Typ“, sagt sie, „ich liebe dieses Adrenalin.“ Dieses Adrenalin-Ding, das ist so ein zentrales Thema in Athleten-Karrieren. Es hat Potenzial zu so vielem. Es kann geradezu süchtig machen, weil es einen Zustand herstellen kann, den man immer wieder haben will. Es kann eine Art Hassliebe zum eigenen Tun entstehen lassen. Welcher Athlet kennt das nicht? Dieses Was-mache-ich-hier-bloß-Gefühl vor dem Wettkampf und das, nun ja, Wie-geil-war-das-denn-Gefühl danach. Wettkämpfe können, wie nur wenige andere Sachen, maximale Anspannung, maximalen Frust und maximales Glücksgefühl bringen.

Und jeder Athlet hat dann halt seinen eigenen Umgang mit dem Loslassen-Thema. Auf jeden Fall gilt der Schwierigkeitsgrad auch für jene Kunst-Athleten auf zwei Kufen. Sie gehen vor großem Publikum und gestrengen Wertungsrichtern mit ihren gewagten Würfen und Sprüngen ein hohes Risiko ein zu stürzen. Im Wortsinn wie auch im übertragenen Sinn. Bruno Massot reflektiert das Thema scheinbar so, dass der Traum erfüllt ist und er das Adrenalin in dieser krassen Form nicht mehr braucht. Aljona Savchenko, mit elf WM-, neun EM- und drei Olympia-Medaillen eine der erfolgreichsten Eiskunstläuferinnen der Welt, braucht es womöglich immer noch. Immerhin hat sie jetzt aber die Gelegenheit, mal zu verschnaufen.

Endlich nach Hause

Der Olympiasieg liegt bereits ein ganzes Jahr zurück, aber hatten sie und Bruno Massot schon ausreichend Zeit für eine wirkliche Verarbeitung? Eher nicht. „Wir sind immer noch am Verarbeiten“, sagt Aljona Savchenko, „wir waren bis jetzt eigentlich nur unterwegs.“ Nach Olympia war vor der WM, nach der WM war vor der Vorbereitung auf Holiday on Ice und andere Show-Auftritte. Sie würden auf eine Pause warten, sagt die Olympiasiegerin. Sie bräuchten mal längere Zeit zu Hause. Zeit, um alles Revue passieren zu lassen. „Zeit“, sagt Aljona Savchenko, „um zu sagen: 'Oh, Wow! Wir haben etwas geschafft.“ Wer wollte ihr diese Zeit nicht gönnen?

Weitere Informationen

Die Show Holiday on Ice läuft in der ÖVB-Arena noch bis zum Sonntag. Die Olympiasieger Aljona Savchenko und Bruno Massot sind allerdings nicht mehr dabei.

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