Warum Jérôme Boateng auch jenseits seiner großen Rettungstat einer der besten Abwehrspieler der Welt ist Akrobat schööön

Evian-les-Bains. War das noch Fußball? Oder war das schon Akrobatik gepaart mit Bewegungsabläufen, die man sonst hin und wieder im Basketball sieht? Wenn der Ball beim Basketball im Aus zu landen droht, dann verrenken sich Zwei-Meter-Riesen gern wie Turnerinnen bei einer Bodenübung und passen den Ball, halb im Fliegen, halb im Zurückfallen oft doch noch irgendwie zum Nebenmann. Das sieht dann zwar nicht immer geschmeidig, sondern mitunter eher ungelenk aus, aber erstaunlich oft erfüllt diese akrobatische Höchstleistung ihren Zweck.
15.06.2016, 00:00
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Akrobat schööön
Von Marc Hagedorn

Evian-les-Bains. War das noch Fußball? Oder war das schon Akrobatik gepaart mit Bewegungsabläufen, die man sonst hin und wieder im Basketball sieht? Wenn der Ball beim Basketball im Aus zu landen droht, dann verrenken sich Zwei-Meter-Riesen gern wie Turnerinnen bei einer Bodenübung und passen den Ball, halb im Fliegen, halb im Zurückfallen oft doch noch irgendwie zum Nebenmann. Das sieht dann zwar nicht immer geschmeidig, sondern mitunter eher ungelenk aus, aber erstaunlich oft erfüllt diese akrobatische Höchstleistung ihren Zweck. Der Ball bleibt im Spiel, der Passempfänger kann punkten.

Jérôme Boateng ist 1,92 Meter groß. Er ist Fußballprofi, aber in der 37. Minute des Spiels Deutschland gegen die Ukraine war Boateng am Sonntagabend in Lille eine Mischung aus Artist und Fußballspieler. Halb im Fliegen, halb im Zurückfallen verhinderte Jérôme Boateng ein Tor für die Ukraine. Es wäre der Treffer zum 1:1 gewesen, und wer weiß, wie das Spiel danach weitergegangen wäre. Auf jeden Fall hätte Deutschland sein Auftaktspiel bei dieser EM nicht 2:0 gewonnen, wenn Boateng nicht mit der Beweglichkeit eines Schlangenmenschen den Ball auf halber Höhe von der Torlinie geschlagen hätte.

Der Respekt der Kollegen war Boateng hinterher sicher. Der in dieser Szene schon bezwungene Torwart Manuel Neuer sagte: „Es ist nicht einfach, den Ball aus einer Höhe wegzubringen, wo man gar kein Körperteil hat, mit dem man ihn wegschlagen kann – so viele Bauchmuskeln kann man gar nicht haben.“ Boateng kommentierte seine Einlage wie Boateng, also eher gelassen: „Der Rücken tut nicht weh, ich bin ganz gut gefallen.“

Das Internet hat nach der Ukraine-Partie verrückt gespielt. Für viele ist Boatengs Rettungsaktion schon jetzt die Szene des Turniers. Entsprechend kreativ fielen die Reaktionen aus. Es gibt Montagen, die Boateng im Gleichklang mit dem sehr biegsamen Delfin Flipper zeigen. Boateng ist als Actionheld in Videospiele kopiert, und das schönste Motiv zeigt Boateng, wie er im WM-Finale von Wembley 1966 den Ball im Flug von der Linie schlägt. Logisch, kein Tor für England, mit Boateng wäre Deutschland damals Weltmeister geworden. Und natürlich massenweise: Anspielungen auf den wachsamen Nachbarn Boateng.

Das wiederum ist fast schon schade. Denn Boateng – natürlich in guter Absicht – immer noch in die Rolle des Nachbarn zu drängen, nur weil ein dummer Politiker eine unsägliche Aussage getätigt hat, ist zu viel der Aufmerksamkeit für den Politiker und verdrängt außerdem die Tatsache, was Jérôme Boateng tatsächlich ist: ein überragender Verteidiger nämlich, vermutlich einer der fünf besten Abwehrspieler der Welt.

Jérôme Boateng hat im Spiel gegen die Ukraine nicht nur das Tor zum möglichen 1:1 verhindert, er hat auch sonst eine starke Partie abgeliefert. Zwar hatte er die Aktion, an deren Ende sein eingesprungener Scherenschlag stand, mit einem ungenauen Zuspiel selbst eingeleitet, aber abseits davon lieferte Boateng ein Musterbeispiel für modernes Abwehrspiel. Boateng hatte verdammt viele Ballkontakte (113), und er spielte mehr Pässe als die meisten Mittelfeldspieler (101). Die deutsche Spieleröffnung von hinten heraus fängt fast immer bei ihm an.

Aber auch das Kerngeschäft eines Verteidigers versteht er. Gegen die Ukraine gewann er 89 Prozent seiner Zweikämpfe, und weil er sehr schnell im Kopf und auf den Beinen ist, unterbindet er in jedem Spiel mehrere Kontersituationen, bevor der Gegner überhaupt gefährlich werden kann. Antizipation nennt man das neudeutsch.

Wieso Jérôme Boateng das alles kann? Weil er über die Jahre stets dazugelernt hat. Er hatte als Profi schon recht viele Stationen hinter sich, bevor er vor fünf Jahren mit gerade einmal 22 beim FC Bayern landete. Er hatte bei Tennis Borussia und der Hertha in Berlin gespielt, beim HSV und bei Manchester City, als die Scheichs dort gerade eingestiegen waren und anfingen, richtig große Namen einzukaufen. Boateng war da noch kein richtig großer Name. Das kam erst etwas später.

Lange galt Jérôme Boateng den Fans und seinen Trainern als Wackelkandidat. Hoch veranlagt, das ja, aber bisweilen doch arg leichtsinnig. Das war auch ein Grund dafür, dass Bundestrainer Joachim Löw ihn zunächst als Rechtsverteidiger einsetzte und nicht zentral. Das hatte sich zuvor nur Horst Hrubesch als Trainer der deutschen U21 getraut, mit der Boateng 2009 an der Seite von Neuer, Hummels und Özil Europameister wurde. Unter Gleichaltrigen war er schon damals eine Klasse für sich.

Spätestens seit der WM 2014 darf man das inzwischen auch über den Innenverteidiger Jérôme Boateng in der A-Elf sagen. Löw hält Boatengs strategische Qualitäten längst für unentbehrlich: Boateng steht gut im Raum und schlägt präzise Pässe, mit denen er das Spiel geschickt verlagert, wenn es angebracht ist. Und so ruhig er außerhalb des Platzes auch erscheinen mag: Auf dem Feld ist Boateng ein furchtloser Abräumer. Vor dem Duell gegen Polen mit seinem Münchner Teamkollegen Robert Lewandowski am Donnerstag sagt er: „Wenn man gegeneinander spielt, gerät man auch mal aneinander, es ist normal, dass es da scheppert.“

Vom WM-Finale in Rio ist ein Dialog mit Nebenmann Mats Hummels überliefert. „Ich bin am Ende. Du musst mir helfen und da sein“, soll Hummels seinem Abwehrpartner in der Schlussphase dieses epischen Duells mit Messis Argentinien zugeraunt haben. Und Boateng war da. Er spielte ein fehlerfreies, überragendes Finale.

Diese Mischung aus Technik, Eleganz und Athletik ist ein Produkt von Jerome Boatengs Sozialisation als Fußballer. Er ist in Berlin aufgewachsen. Mit seiner Mutter lebte er nach der Trennung vom Vater im gutbürgerlichen Charlottenburg, während seine beiden Halbbrüder George und Kevin-Prince im rauen Wedding aufwuchsen. Dort trafen sich die halbstarken Boatengs fast jeden Tag an der Panke, einem Fußballkäfig. Hier spielten sie Fußball, vier gegen vier, drei gegen drei, je nachdem, wie viele Leute sie zusammenbekamen. Auf engstem Raum ging es hier zur Sache, ohne Schiedsrichter selbstverständlich. Das förderte Intuition, Ballbehandlung und Durchsetzungsvermögen.

Wer in der Panke nichts draufhatte und nichts einstecken konnte, der wurde nach Hause geschickt. Jérôme, der Jüngste, durfte bleiben. Heute weiß man, wofür das gut war.

„Der Rücken tut nicht weh, ich bin ganz gut gefallen.“ Jérôme Boateng
„So viele Bauchmuskeln kann man gar nicht haben.“ Manuel Neuer
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