National-Elf siegt 4:1 gegen Italien Akt der Versöhnung

Wer sage noch, dass die Arena in München-Fröttmaning nicht als Stimmungstempel taugt?
30.03.2016, 07:08
Lesedauer: 3 Min
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Von Frank Hellmann

Wer sage noch, dass die Arena in München-Fröttmaning nicht als Stimmungstempel taugt?

Und dass die Kulisse der deutschen Nationalmannschaft im Laufe der Jahre zum Operettenpublikum geworden ist? Am Dienstagabend hat die DFB-Auswahl auf den Rängen mit den grauen Klappsitzen die doppelte Widerrede animiert: Der befreiende 4:1 (2:0)-Erfolg im Länderspiel-Klassiker gegen Italien wurde zeitweise von der La-Ola-Welle oder zarten Oh-wie-ist-das-schön-Gesängen der 62 653 Zuschauer begleitet. Der Akt der Versöhnung nach dem Nackenschlag gegen England (2:3) ist beim Weltmeister geglückt – und Joachim Löw ersparte sich damit in den nächsten Wochen lästige Fachdebatten um die EM-Tauglichkeit seines Ensembles.

Der Bundestrainer coachte die Partie in seinem schwarzen Pullover und seiner grauen Tuchhose anfangs sehr engagiert – das positive Ergebnis war ihm ausgesprochen wichtig. Für den ersten Sieg seit mehr als 20 Jahren gegen den Angstgegner jenseits der Alpen sorgten Toni Kroos (24.), Mario Götze (45.), Jonas Hector (59.) sowie Mesut Özil per Foulelfmeter (75.). Stephan El Shaarawy erzielten den Ehrentreffer für die insgesamt enttäuschende Squadra Azzurra (83.).

Engagierter Auftritt

Der engagierte deutsche Auftritt verdient auch deshalb Beachtung, weil ein EM-Viertelfinale zwischen den beiden vierfachen Weltmeistern in drei Monaten nicht unwahrscheinlich ist. Das neue Format mit 24 Teams macht diese deutsch-italienische Konstellation möglich. Spannend wäre nur, ob Löw dann auch wagen würde, in jener riskanten 3-4-3-Formation anzutreten, die diesmal zur Erprobung kam. Antonio Rüdiger, Shkodran Mustafi und Mats Hummels bildeten das aufmerksame Abwehrtrio, davor spielte der zurückgezogene Mesut Özil einen starken Part an der Seite des fleißigen Ballverteilers Kroos. Der Wahl-Madrilene war es auch, der nach einem von Leonardo Bonucci schlecht abgewehrten Ball wie bereits gegen England zielgenau aus der Distanz zum 1:0 traf.

In dieser Phase führte die mit fünf Umstellungen angetretene DFB-Elf bereits klar das Kommando auf dem Rasen, weil vor allem die rechte Seite über Thomas Müller viel Betrieb machte. Das mitder Kapitänsbinde ausgestattete Bayern-Unikum – Sami Khedira musste kurzfristig passen – leitete nicht umsonst nach dem Führungstreffer auch das 2:0 ein: Seine Maßflanke fiel genau auf den Kopf von Götze, der sich sehr furchtlos in einem Luftduell gegen zwei italienische Gegenspieler durchsetzte. Ausgerechnet in der Arena, in der ihn Vereinstrainer Pep Guardiola regelmäßig aufder Bank schmoren lässt, glückte dem 23-Jährigen im 50. Länderspiel ein erlösender Treffer. Götze feierte sein persönliches Erweckungserlebnis, indem er auf Knien zur Außenlinie rutschte.

Mehrere leichtsinnige Akte

Wenn es etwas zu bemängeln gab, dann die Tatsache, dass sich Marc-Andre ter Stegen zwischen den Pfosten mehrere leichtsinnige Akte leistete. Der für den magenkranken Manuel Neuer eingesetzte Torhüter bestritt erst ein fünftes Länderspiel – und hat dabei eigentlich schon oft genug gepatzt. Beim FC Barcelona „ist die Situation für ihn schwierig“, urteilt Bundestorwarttrainer Andreas Köpke, weil der gebürtige Mönchengladbacher mit Einsätzen in den Pokalwettbewerben abgespeist wird.

Wer gedacht hätte, ter Stegen würde sich in der zweiten Halbzeit vermehrt auszeichnen können, sah sich getäuscht. Die Gäste rannten sich spätestens in Strafraumnähe gegen die besser gestaffelte deutsche Defensive fest, aus der der umsichtige Hummels herausragte. Und als dann Julian Draxler in seiner stärksten Szene einen blitzgescheiten Konter inszenierte und die Kugel noch auf Hector ablegte, erzielte der Kölner Linksverteidiger sein erstes Länderspieltor. Doch es kam noch besser: Als Italiens Schlussmann Gianluigi Buffon den aufgerückten Sebastian Rudy von den Beinen holte, nutzte Özil den fälligen Strafstoß sicher zum vierten Volltreffer, ehe der eingewechselte El Shaarawy noch Ergebniskosmetik betrieb.

Löw kann also ruhig einige Erkenntnisse aus diesem Test in die Nominierung des vorläufigen EM-Kaders am 17. Mai einfließen lassen, ehe der Bundestrainer ab dem 23. Mai in Ascona im Tessin zum Trainingslager bittet. Abgemacht sind dann noch Testspiele gegen die Slowakei am 29. Mai in Augsburg und gegen Ungarn in Gelsenkirchen am 4. Juni. Drei Tage später erfolgt dann die Abreise nach Évian-les-Bains – dem Basiscamp fürs EM-Turnier in Frankreich. Es kann nicht schaden, ein bisschen von der gestrigen Stimmung aus München mitzunehmen.

Deutschland: ter Stegen - Rüdiger, Mustafi, Hummels - Rudy, Hector (85. Ginter) - Kroos (90. Kramer), Özil - T. Müller (69. Can), Draxler (85. Volland) - M. Götze (61. Reus)

Italien: Buffon - Darmian, Bonucci (61. Ranocchia), Acerbi - T. Motta (68. Parolo), Montolivo - Florenzi (61. de Silvestri), Giaccherini (69. El Shaarawy) - Bernardeschi, Zaza (78. Antonelli), L. Insigne (68. Okaka)

Tore: 1:0 Kroos (24.), 2:0 Götze (45.), 3:0 Hector (59.), 4:0 Özil (75./Foulelfmeter), 4:1 El Shaarawy (83.)

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