Kraftsport

Alexej Busiak: Der Mann, der stark sein will

Er kam, sah – und wird womöglich siegen. Alexej Busiak will eine WM-Medaille im Kraftdreikampf holen. Doch das ist nur ein Nebenaspekt von Busiaks bemerkenswertem beruflichen Aufstieg.
13.02.2019, 16:56
Lesedauer: 4 Min
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Alexej Busiak: Der Mann, der stark sein will
Von Olaf Dorow
Alexej Busiak: Der Mann, der stark sein will

Kräftiger Mann, klare Ziele: Alexej Busiak in seinem Gym in der Überseestadt.

Christina Kuhaupt

Und plötzlich stand dann da dieser Mann vor der Tür. Er sah sehr schmächtig aus. Sehr schmächtige Leute schauen hier eher selten vorbei. Dieses Gym hier in der Bremer Überseestadt heißt Kraft-Arena, irreführend ist der Name jedenfalls nicht. Alexej Busiak gehört die Kraft-Arena. Der Mann an der Tür, so erzählt Busiak es, habe einen Koffer bei sich getragen. Und habe gesagt, dass er der Dopingkontrolleur sei. Unangemeldete Dopingkontrollen. Die machen das wirklich! Ungefähr so ging Busiaks erster Gedanke. Die, das sind die Leute von dem Verband, für den er Mitgliedsbeitrag zahlt: von der German Drug-Free Powerlifting Federation (GDFPF). Sie beauftragen Labore, die Urinproben nehmen und auf unerlaubte Mittel prüfen. Und auch einen Körpercheck vornehmen, wie Busiak berichten kann. Er musste sich nackt ausziehen vor dem Kontrolleur, der ihn wohl auf mögliche versteckte Einstichstellen untersuchte.

„Kraftsport ist eine Hochrisikosportart“, sagt der GDFPF-Vorsitzende Markus Peschel, „da wird viel mit unerlaubten Mitteln gearbeitet.“ Sein Verband hat derzeit 300 Mitglieder in Deutschland, er ist seit einigen Jahren ein Parallel-Verband zum etablierten und rund zehnmal größeren Bundesverband Deutscher Kraftsportler (BVDK). „Die machen zwar auch Kontrollen, aber wir machen sie in deutlich größerem Umfang.“, sagt Peschel.

Er will seine natürlichen Grenzen erfahren

Bei Alexej Busiak in Bremen wurde jedenfalls nichts Unerlaubtes gefunden. Er lebe ja nicht von dem Sport, sagt er. Er achte darauf, nur Nahrungsergänzungsmittel von deutschen Herstellern zu nehmen. Er wirft nichts ein. Was soll er dopen? Oder: stoffen, wie man in der Szene sagt. „Ich hab’ nichts davon“, sagt Busiak. Seinen Kunden in der Kraft-Arena sei es egal, wie viel Kilo er im Bankdrücken schafft.

Er will seine natürlichen Grenzen erfahren, Erfahrungen sammeln, die ihm auch im Trainer-Job nützen – das sei seine Motivation für die Wettkämpfe. Deswegen trainiere er vier-, fünfmal pro Woche zusätzlich zum Job in seinem Gym und als Personal Trainer. Er hat ein klares sportliches Ziel: eine WM-Medaille im Kraftdreikampf, der aus den Disziplinen Kniebeugen, Bankdrücken und Kreuzheben besteht. Neudeutsch: Powerlifting.

Im Oktober veranstaltet die Word Drug-Free Powerlifting Federation (WDFPF) die WM in Deutschland. In Halle an der Saale, dort wo Markus Peschel an der Uni seinen Master im Fach Angewandte Geowissenschaften macht, und von wo aus die GDFPF in Deutschland operiert. Wie Peschel ist auch Busiak 32. In Busiaks 280 Quadratmeter großem Gym hängt vorne hinter der Rezeption eine Urkunde, mit Peschels Unterschrift.

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2016 ist der Athlet aus Bremen in der Klasse bis 75 Kilogramm Deutscher Meister des Anti-Anabolika-Verbandes geworden, mit 517,5 Kilogramm im Dreikampf. 2019 will Busiak, jetzt in der Klasse bis 82,5 Kilo, mehr als 600 Kilogramm schaffen. Anfang September ist die nationale Meisterschaft, da will er sich für die WM qualifizieren. Und im April hat er sich für die deutschen Meisterschaft in den Einzeldisziplinen auch ein ambitioniertes Ziel gesetzt. Er will im Bankdrücken den deutschen GDFPF-Rekord brechen. Der steht in seiner Gewichtsklasse bei 175 Kilogramm.

Wer sich Busiaks Biografie erzählen lässt, stellt sich vor: Schafft der bestimmt. Busiak war neun, als seine Eltern als Spätaussiedler mit ihm aus der Ukraine nach Deutschland kamen. Auf Deutsch konnte er „Guten Tag“ und „Hände hoch“ sagen, das hatten daheim in Charkiw Kriegsveteranen an die Folge-Generationen weitergegeben. Weil er leicht übergewichtig war, schickten die Eltern den sechsjährigen Alexej zum Kampfsporttraining.

Nach zwei Jahren in einem Familienheim in Thüringen, ohne eigene Küche oder Toilette, zogen die Busiaks nach Duisburg. Die Schule im sozial schwierigen Stadtteil Neumühl war ein ständiger Konfliktherd zwischen dem ruppigen Schüler Alexej und den Lehrern. Empfehlung: Realschule. Er ging dennoch aufs Gymnasium, in Marxloh. Wer Duisburg-Marxloh googelt, findet umgehend Artikel über einen Stadtteil, der zur No-go-Area verkomme.

Der Typ, der sich zu wehren weiß

„In der Klasse gab es täglich Prügeleien“, sagt Busiak. Er sei nicht der Typ Provokateur gewesen, sagt er. Aber der Typ, der sich zu wehren weiß. Im ersten Schuljahr bekam er fast nur Fünfen. Als die Busiaks erneut umzogen, diesmal nach Bochum, landeten sie im Kontrastprogramm zu Marxloh. Sehr gesittet, sehr geordnet sei es da zugegangen. „In der Schule haben die mich angesehen, als ob ich ein Wilder wäre“, sagt der Kraft-Trainer. Da habe er erst gemerkt, wie aggressiv er rüberkomme. Aber er schaffte sein Abi. Note 3,2. Und er schaffte den Sprung an die Deutsche Sporthochschule in Köln. „Im Studium bin ich gewachsen und gereift“, sagt Busiak. Er fand einen Job in einem Rehazentrum in Essen und begann nebenbei, Aufträge als Personal Trainer anzunehmen.

Und wagte erneut den Kaltstart. Bremen. Er habe 300 Euro auf dem Konto gehabt und außer seiner Freundin niemanden gekannt in Bremen. Inzwischen sind sie verheiratet und haben zwei Kinder. Seine Frau, auch eine gebürtige Ukrainerin, arbeitet als stellvertretende Leiterin eines Pflegedienstes. Busiak war der Personal Trainer von Joachim Linnemann, Geschäftsführer bei Justus Grosse Immobilien, er erwarb die neugebaute Fläche in der Überseestadt. Und begann zu investieren. Anfangs habe er mit mehreren Trainern Crossfit-Training angeboten. Ein sehr hartes Training mit hohen Anforderungen und Elementen aus allen möglichen Sportarten: Gewichtheben, Turnen, Leichtathletik.

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Dann warf Busiak das Konzept über den Haufen. Crossfit sei eine tolle Sache, aber es überfordere einige Kunden Der nächste Kaltstart. Erst mal null Kunden und nur ein weiterer Trainer. Das Konzept heißt jetzt, vereinfacht formuliert: individuelle Betreuung. Quasi als Gegenentwurf zu den großen Fitness-Centern. „Ich bin praktisch eine One-Man-Army gegen die Fitnessindustrie“, sagt er. Mittlerweile hat er 40 Kunden in seinem Gym. Studenten, Professoren, Vertriebsleiter, oder auch eine Ärztin. 100 Kunden sollen es werden, und mittelfristig soll stetiges Wachstum einen Umzug in größere Räume erfordern. Hohe Qualität trotz hoher Kunden-Zahlen, und zwar 1000 Quadratmeter mit 500 Kunden: Das wäre so eine Marke, von der er träume, sagt Alexej Busiak. Er will das beste Gym in Bremen erschaffen. Hohe Kundenzufriedenheit, keine Karteileichen.

Als Träumer braucht man ihn schon mal nicht zu belächeln, das würde nicht passen zu dem Eindruck, den er vermittelt. Er stellt sich ja auch bei dem Dopingthema nicht als den edlen Sportsmann dar. Er fragt rhetorisch: „Wenn ich Millionen mit meinem Sport verdienen würde, wer weiß, wie weit ich gehen würde?“ Und antwortet: „Vielleicht würde ich dann auch stoffen.“

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