Ex-Werder-Torwart Tim Wiese über den HSV, das Nordderby und eine 10 000-Euro-Geldstrafe

„Allofs hat bezahlt“

Herr Wiese, wie ist das, wenn Sie Hamburg besuchen und durch die Stadt laufen?Tim Wiese: Super, Hamburg ist ja eine wunderschöne Stadt, ich bin gerne dort. Die Menschen kommen auf mich zu und sagen: „Herr Wiese, Respekt vor Ihrer Leistung“.
30.09.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
„Allofs hat bezahlt“
Von Christoph Sonnenberg
„Allofs hat bezahlt“

Früher hütete Tim Wiese das Fußballtor, heute tritt er als „The Machine“ im Wrestling-Ring auf.

nordphoto / Ewert und IMAGO, nordphoto

Herr Wiese, wie ist das, wenn Sie Hamburg besuchen und durch die Stadt laufen?

Tim Wiese: Super, Hamburg ist ja eine wunderschöne Stadt, ich bin gerne dort. Die Menschen kommen auf mich zu und sagen: „Herr Wiese, Respekt vor Ihrer Leistung“. Alles bestens!

Sie polarisieren ja durchaus, gerade in Hamburg. Gibt es keine blöden Sprüche?

Die Menschen sind immer stark, wenn sie mit vielen anderen zusammen in der Kurve stehen. Mich direkt anzublaffen, wenn ich vor ihnen stehe, trauen sie sich nicht. Da bitten sie mich ganz freundlich, Fotos mit ihnen zu machen.

Am Tag des Nordderbys könnte das anders sein, da sind die Befindlichkeiten zwischen Bremen und Hamburg ein wenig stärker als sonst. Haben Sie in Bremen Derby-Stimmung gespürt?

Die gibt es doch gar nicht mehr, oder? Vielleicht ist es am Weserstadion anders, in der Stadt spüre ich jedenfalls nichts. Die Bremer sind alle sehr frustriert aufgrund der sportlichen Situation. Nicht ohne Grund, wenn Werder nicht mal zu Hause gegen Freiburg gewinnt. Ich frage mich, gegen wen Werder überhaupt gewinnen will. Vielleicht das Freundschaftsspiel gegen Meppen in der Länderspielpause.

Warum haben beide Klubs so große sportliche Probleme?

Werder hat kein Geld. Und der HSV schafft es nicht, das Geld von Investor Klaus-Michael Kühne clever zu investieren. Spieler haben sie reichlich geholt, aber die bringen es nicht. An Kühnes Stelle hätte ich viel stärker auf den Tisch gehauen. Wie viele Manager hatten die eigentlich in den vergangenen Jahren? Egal, die haben es ja alle nicht hingekriegt. Imponiert hat mir nur eine Frau beim HSV.

Welche Frau?

Kerstin Lasogga, Mutter und Beraterin von Pierre-Michel Lasogga. Sie hat ihrem Sohn einen Vertrag über 3,5 Millionen Euro pro Jahr beim HSV besorgt, seitdem bin ich ihr Fan. Nach dieser Leistung kann ich allen jungen Profis nur raten, dringend bei Mutter Lasogga anzurufen und sich von ihr Verträge aushandeln zu lassen.

Der Saisonstart war für beide Klubs auf unterschiedliche Weise unbefriedigend. Wie wird es in Bremen und Hamburg weitergehen?

Wie die vergangenen Jahre auch, Abstiegskampf bis zum Schluss. Soll ich dem HSV mal einen Tipp geben? Sofort die Uhr im Volksparkstadion abhängen! Die verursacht psychischen Druck, dem die Spieler offenbar nicht gewachsen sind. Keiner will der Mannschaft angehören, die als erste in der Klubgeschichte absteigt. Sie sehen die Uhr ticken, und schon geraten sie in Stress.

Sie haben das fehlende Geld als Grund für die Probleme bei Werder genannt. Würde ein Mäzen wie Kühne guttun?

Natürlich, jeder Geldgeber hilft. Aber nur Geld reicht nicht, wie der HSV beweist. Es muss clever eingesetzt werden. Baumi (Frank Baumann; Anm. d. Red.) ist ein guter Junge, mit Max Kruse oder Serge Gnabry hat er gute Transfers getätigt. Im Sommer hätte er aber ein bisschen mehr nachlegen müssen.

Die erfolgreichen Zeiten liegen in Bremen lange zurück. Wohin führt die langfristige sportliche Entwicklung?

Es wird darum gehen, in der Bundesliga zu bleiben. Bei einem Abstieg droht Werder ein ähnliches sportliches Schicksal wie Kaiserslautern. In der Klasse zu bleiben wird auf Dauer schwer genug. Die Preise für gute Spieler explodieren, wie Werder da mithalten will, ist mir ein Rätsel. Es sei denn, ein Investor pumpt Geld in den Klub.

Kommen wir zurück zum Nordderby. Sie haben viele Derbys erlebt, mit vielen großen Momenten. Welcher kommt Ihnen spontan als erster in den Kopf?

Das gewonnene Elfmeterschießen im Pokalhalbfinale 2009. Davor hatte ich ein paar Sprüche Richtung Hamburg geschickt, um anzuheizen. Damals wollten wir nicht, dass irgendwem langweilig wird. Entsprechend aufgeheizt war die Atmosphäre.

Die Sprüche haben gewirkt?

Ich bin überzeugt, dass man einen Gegner verbal verunsichern kann. Das habe ich immer gerne gemacht. Die Hamburger waren vor dem Spiel ziemlich nervös, das konnten wir vor dem Anpfiff in ihren Augen erkennen. Im Spiel habe ich weiter Faxen gemacht und einem Hamburger bei der ersten Ecke gleich mal mit dem Stollenschuh auf den Fuß getreten. Von diesen Spielchen gab es noch ein paar weitere. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir ziemlich viele Derbys gewonnen.

Im Mai 2009 haben Sie nach einem Nordderby im Weserstadion auf dem Zaun der Ostkurve „Scheiß HSV“ in ein Mega­fon gebrüllt. Der DFB-Kontrollausschuss hat daraufhin gegen Sie 10 000 Euro Geldstrafe verhängt. Wie ist Werder damit umgegangen?

Es war ein Riesenthema. Klaus Allofs hat mich angerufen und gesagt, wie der Kontrollausschuss entschieden hat. Da habe ich gefragt, wer das jetzt bezahlen soll. Das müsse ich tun, sagte Allofs und fragte noch, wer denn sonst zahlen solle. Ich habe ihm geantwortet, dass wir das noch klären. Mein Berater Roger Wittmann hat dann mit Allofs gesprochen, danach habe ich nie wieder etwas gehört. Allofs hat bezahlt.

Für die Anhänger sind Derbysiege besondere Siege, die entsprechend ausgiebig gefeiert werden. Wie haben Sie früher Siege gegen den HSV gefeiert?

Auch entsprechend ausgiebig. Im Bus haben wir schön geraucht. Wenn vorne der Physiotherapeut Holger Berger die erste Zigarette angezündet hat, war es das Zeichen für uns hinten, Feuerzeuge und Zigaretten rauszuholen. Als Spieler bin ich nicht besonders häufig losgezogen. Aber ich habe gehört, dass die Kollegen schon mal unterwegs waren. Wer gewinnt, darf auch um die Häuser ziehen, und wir haben damals ziemlich oft gewonnen.

Wer das Nordderby an diesem Wochenende verliert, dürfte eine verschärfte Debatte um den Trainer bekommen. Führt Alexander Nouri Werder wieder auf den richtigen Kurs?

Nein. Die Geschichte ähnelt der von Viktor Skripnik. Eine Riesenrückrunde gespielt, den Vertrag verlängert, und dann kommt nichts mehr.

Wer ist für Sie eine Alternative?

Ich würde Torsten Frings holen. Er hat in Darmstadt schon vergangene Saison einen guten Job gemacht, jetzt beweist er wieder, was er kann. Bei Darmstadt erkennt man eine klare Handschrift, er lässt attraktiven Fußball spielen, das passt zu Werder. Und in Bremen hat Torsten Kultstatus. Er wäre die optimale Lösung.

2016 ist Ihr letzter Vertrag als Profi ausgelaufen. Ist eine Rückkehr in den Fußball denkbar?

Als TV-Experte jedenfalls nicht, auch wenn da jede Menge Anfragen kommen. Vielleicht werde ich irgendwann Werder-Präsident, das könnte ich mir vorstellen. (lacht)

Die Fragen stellte Christoph Sonnenberg.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+