Schweizer Team ein schwerer Erstrundenbrocken für Kerber und die Fedcup-Damen

Alltag in Leipzig

Leipzig. Barbara Rittner ist in den letzten Tagen nicht müde geworden, ihre Fedcup-Truppe zum großen Verdrängen aufzufordern. „Melbourne, der Sieg von Angie Kerber, die Euphorie in Deutschland – das alles spielt keine Rolle mehr für uns, das ist abgehakt und Vergangenheit“, sagt die Chefin der DTB-Auswahl ihren Spielerinnen – aber auch jedem, der das in aller Öffentlichkeit hören wollte, „dieses Spiel gegen die Schweiz, das ist jetzt, was zählt.
06.02.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörg Allmeroth

Barbara Rittner ist in den letzten Tagen nicht müde geworden, ihre Fedcup-Truppe zum großen Verdrängen aufzufordern. „Melbourne, der Sieg von Angie Kerber, die Euphorie in Deutschland – das alles spielt keine Rolle mehr für uns, das ist abgehakt und Vergangenheit“, sagt die Chefin der DTB-Auswahl ihren Spielerinnen – aber auch jedem, der das in aller Öffentlichkeit hören wollte, „dieses Spiel gegen die Schweiz, das ist jetzt, was zählt.“

Und die Realität in der Leipziger Messehalle, ziemlich genau eine Woche nach Kerbers Sensationscoup in der Rod Laver-Arena von Melbourne gegen Serena Williams, ist ja tatsächlich diese: Deutschland spielt im Fedcup gegen die Schweiz keineswegs aus einer erhabenen Favoritenposition. Es ist ein Match auf Augenhöhe, das vielleicht schwerste, was eine deutsche Auswahl überhaupt je in einer Auftaktrunde zu bestreiten hatte. „Es wird extrem hart. Wir gehen mit Respekt, aber natürlich auch mit Zuversicht in das Spiel rein“, sagt Andrea Petkovic, die am heutigen Sonnabend um 13 Uhr das Eröffnungseinzel gegen Timea Bacsinszky bestreitet.

Großer Erwartungsdruck

Anschließend tritt die vom Boulevard wechselweise als „Tennis-Engel“ oder „Tennis-Göttin“ gefeierte Kerber gegen die 18-jährige Belinda Bencic an – ein Ausnahmetalent, das bereits im Teenager-Alter mit Weltranglistenplatz 11 an den Top Ten kratzt. Sie habe „gegen Bencic nichts zu verlieren“, sagt Kerber bei der Auslosung am Freitag. Aber es ist nur ein bisschen ihrer üblichen Selbstbeschwörung, der gewohnten Methode, Druck von sich wegzunehmen.

Ob Kerbers Grand-Slam-Coup eine Motivationsspritze für die deutschen Fedcup-Frauen gewesen ist oder eher lähmenden Erwartungsdruck befördert hat, wird sich in zwei hochspannenden Länderspieltagen in Leipzig noch weisen. „Jedes Match wird hart umkämpft sein“, sagt Rittner, „da können Kleinigkeiten entscheiden.“ Der Blick in die Statistik untermauert die Schwere der Prüfung: Kerber hat beide bisherigen Partien im Tourgeschäft gegen Bencic verloren, dazu auch den einzigen Vergleich gegen Bacsinszky, die Nummer 15 der Welt. Petkovic unterlag Bacsinszky im einzigen zurückliegenden Match, gegen Bencic spielte sie bislang noch nie.

Immer wieder strauchelten die Schweizerinnen im letzten Jahrzehnt, waren sogar einmal in die Dritte Liga abgerutscht, in die sogenannte Europa-Afrika-Zone. Doch nun spielen die Deutschen im Hier und Jetzt gegen das beste und vielversprechendste Team, das der Schweizer Nachbar in seiner Tennisgeschichte je stellte. Nicht zuletzt auch wegen einer Frau, die in einer möglicherweise entscheidenden Doppelpartie auch noch ins Spiel kommen könnte: Martina Hingis, ehemals die Nummer 1 der Welt im Einzel, nun bei ihrem dritten Comeback zur Nummer 1 im Doppelcircuit aufgestiegen. Beim durchaus möglichen 2:2-Gleichstand am Sonntag müssten die Deutschen dann auch das Weltklasse-Doppel mit Martina Hingis besiegen. (siehe Text unten).

Über der Partie in der ausverkauften Messehalle steht natürlich eine große, eben auch entscheidende Frage: Wie hat Kerber, die erste deutsche Grand Slam-Siegerin seit Steffi Graf, die Strapazen ihres Erfolgslaufs und – mehr noch – den Medien-Marathon und alle Triumphfestivitäten weggesteckt? Selbst am Mittwochabend war Kerber ja noch via Privat-Jet zu einem TV-Talk bei „Stern TV“ in Köln durchs Land geflogen. Jede Stunde, jeder Tag habe ihr geholfen, „wieder zu Kräften zu kommen“, sagt Kerber.

Und Bundestrainerin Barbara Rittner? Sie hatte Angelique Kerber seit der Ankunft im Teamhotel am Dienstagabend genauestens beobachtet und geprüft, jede Trainingsminute analysiert, selbst noch die Solo-Presseauftritte ihrer Frontfrau studiert. Dann hatte sie Kerber den Marschbefehl erteilt: „Es war normal, dass ich abwarte, wie sie das alles verkraftet“, sagt Rittner, „aber ich glaube, dass sie nun richtig froh ist, wieder auf dem Tennisplatz zu sein.“ Deshalb wäre Angelique Kerber nur draußen geblieben, so die Chefin, „wenn sie selbst Nein gesagt und ein Veto eingelegt hätte.“

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