Kommentar über WM-Experten Alt-Stars mit Aufmerksamkeitsdefizit

Das Schwierigste an einer Fußball-Weltmeisterschaft ist die Zeit zwischen den Spielen, insbesondere wegen der Alt-Stars, die sich für Experten halten, meint Markus Peters.
22.06.2018, 15:44
Lesedauer: 3 Min
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Alt-Stars mit Aufmerksamkeitsdefizit
Von Markus Peters

Das Schwierigste an einer Fußball-Weltmeisterschaft ist die Zeit zwischen den Spielen. Diese bahnbrechende Erkenntnis war jüngst einer nicht ganz ernst gemeinten Info-Grafik zu entnehmen. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, welchen Alt-Star das Kreisdiagramm der Weisheit genau vor Augen hatte. Es dürfte aber vermutlich einer dieser selbst ernannten Fußball-Experten gewesen sein, die in den Spalten der Boulevard-Zeitungen oder in Talkshows ihr Aufmerksamkeitsdefizit kompensieren.

All diese ehemaligen Spieler, Trainer oder Journalisten eint, dass sie nach dem vergeigten Auftaktspiel gegen Mexiko schon vorher alles gewusst haben. Meister dieser Antizipation, die bekanntlich nur Sportkommentatoren kennen, ist offensichtlich Waldemar „Waldi“ Hartmann. Ein ehemaliger Wirt aus Augsburg, der später Karriere als Werbeträger für Weißbier und Mikrofonhalter beim Bayerischen Rundfunk machte. Der einstige Schnauzbart der Nation brachte in seiner journalistischen Arbeit so viel kritische Distanz zum FC Bayern München und zur Deutschen Fußball-Nationalmannschaft auf, dass er mit dem Ehrentitel Duz-Maschine ausgezeichnet wurde. Jetzt offenbarte der „Waldi“, dass er schon in der Halbzeit des DFB-Pokalfinales vorhergesehen habe, dass Bayern gegen Eintracht Frankfurt verlieren würde. Leider hatte es außer seiner Frau „Weibi“ (Petra) niemand mitbekommen.

Die Experten gießen für fünf Minuten Aufmerksamkeit kübelweise Hohn und Spott über die deutsche Fußball-Nationalmannschaft aus. Die Schmähkritik hat mittlerweile eine solche Dimension erreicht, dass selbst – der nicht als besonders zart besaitet bekannte – Torwart-Titan a. D., Oliver Kahn, an seine ehemaligen Mitspieler appellierte, doch auch mal an die eigene Karriere zurückzudenken – falls sie es denn noch könnten.

Vermutlich hat Kahn wie auch Philipp Lahm noch eine Rest-Erinnerung an den Geruch der Sammelumkleidekabine in der Nase. An den müsste sich nicht nur Mario Basler, zuletzt als Trainer beim fünftklassigen Hessenligisten Rot-Weiss Frankfurt gescheitert, besinnen, wenn er Mesut Özil die „Körpersprache eines toten Frosches“ attestiert und Sami Khedira „die Schuhe beim Laufen besohlen“ will. Im Gegensatz zu den beiden Weltmeistern hat es bei Basler nur zu einem WM-Spiel über 30 Minuten gegen Bolivien gereicht.

Nicht, dass es dem technisch beschlagenen Mittelfeldspieler, der unter anderem auch bei Werder Bremen aktiv war, an Talent gemangelt hätte. Nein, der bekennende Kettenraucher und Kartenspieler scheiterte schlicht und einfach an seiner mangelnden Professionalität.

Beim nationalen Besserwissen darf natürlich Lothar Matthäus nicht fehlen. Schließlich steckte der laut Mitspieler Karl Allgöwer immer schon mit den Journalisten – vorzugsweise vom Boulevard – unter einer Decke: „Özil fühlt sich im DFB-Trikot nicht wohl“, ließ der ehemalige Kapitän sein überraschtes Rest-Publikum wissen. Eine interessante Betrachtungsweise. Der bedauernswerte Özil hat immerhin in diesem Trikot schon 91 Länderspiele gemacht. Mittlerweile bekommt man schon eine Ahnung, warum seit sieben Jahren niemand mehr Lothar Matthäus eine ernsthafte sportliche Aufgabe anvertraut und ihn Uli Hoeneß nicht einmal als Greenkeeper anstellen würde.

Sein alter Spezi Stefan Effenberg, zuletzt beim SC Paderborn als Trainer wegen Erfolglosigkeit gefeuert, darf da nicht fehlen: In einer Kolumne forderte ausgerechnet der Spieler, der bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1994 wegen der Stinkefinger-Affäre vorzeitig den Heimweg antreten musste, den Rausschmiss von Özil und Gündogan. Und wenn er schon nicht fliege, dann müsse Özil zumindest die deutsche Hymne mitsingen, grollt der selbst ernannte „Tiger“. Wie gut, dass niemand weiß, wie gut oder schlecht Mesut Özil singen kann. Eines dürfte allerdings als gesichert gelten: Anstandsregeln aus dem Hause Effenberg wirken seltsam unangebracht.

Nur einer hat sich bisher im „Aufstand der untoten Alten“ (Süddeutsche Zeitung) noch nicht geäußert: Franz Beckenbauer. Ausgerechnet der Kaiser, der sich jahrzehntelang ungestraft in einem einzigen Satz zweimal widersprechen durfte, schweigt sich im heimischen Kitzbühel aus. Dabei könnten sich die deutschen Kicker im Spiel an diesem Sonnabend gegen Schweden seine legendäre taktische Anweisung aus dem Finale 1990 in Rom durchaus zu Herzen nehmen: „Geht‘s raus und spielt‘s Fußball.“ Also: Ohren zu und durch!

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