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Amateure im Livestream

Die Kicker von nebenan live im Internet sehen? Das geht - und das ist im Fußballkreis Diepholz sogar auf dem Vormarsch.8
29.11.2019, 18:35
Lesedauer: 4 Min
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Von Dominik Albrecht
Amateure im Livestream

Vertreter von Vereinen, der Kreissparkasse Syke und Soccerwatch tauschten sich in Bassum über die Vorteile des Streamings für Fans und Klubs aus.

Vasil Dinev

Landkreis Diepholz. Deutschland, einig Fußball-Land. Der Gang ins Stadion am Wochenende ist für viele Fans Routine. Und wer nicht von den Rängen mitfiebern kann, leistet seelischen Beistand in der Sports-Bar. Nur Verfechter des Amateur-Kicks schauen meist in die Röhre – oder, besser gesagt, eben nicht. Die Gründer von Soccerwatch.tv wollen genau das ändern. 270 Kameras haben die Essener bereits auf den Fußballplätzen der niedrigklassigen Vereine angebracht und streamen viele Spiele seitdem direkt ins Netz. Ein Unterfangen, das auch die Kreissparkasse (KSK) Syke unterstützen möchte und mehr als 20 000 Euro in die Hand nimmt, um sechs Vereine aus ihrem Geschäftsgebiet mit dem System auszustatten – und es könnten noch mehr werden.

Während bei den Sportclubs Weyhe und Twistringen, der TSG Seckenhausen-Fahrenhorst und dem TSV Bassum schon munter übertragen wird, steht die Installation beim SV Mörsen-Scharrendorf und dem TSV Weyhe-Lahausen kurz bevor. Die Vereins-Auswahl ererfolgte mitnichten willkürlich, wie Ralf Warneke verriet. „Wir haben große und kleine Vereine aus allen Himmelsrichtungen unseres Geschäftsgebietes ausgesucht“, erzählte der Marketing-Chef der KSK Syke. Die TSG Seckenhausen-Fahrenhorst sollte damit obendrein für ihr Fairplay belohnt werden.

Die ursprüngliche Idee zu Soccerwatch geht auf den Gründer Jan Taube zurück, wie Oliver Drohn vom Soccerwatch-Vertrieb verriet. „Er hat zwei Söhne, die selber Fußball spielen, und ärgerte sich, dass er im Fernsehen Spiele der Regionalliga sehen konnte, aber nie seine Jungs.“ Da die Gründer IT und Maschinenbau studierten, nahmen sie die Lösung des Problems einfach selber in die Hand, gingen zum nächsten Baumarkt, nagelten eine Holzkiste an einen Flutlichtmasten und statteten diese mit einer Kamera aus. „Das Video des Spiels haben sie dann bei Youtube hochgeladen. Und zu aller Überraschung hatten sie rasch 800 Klicks“, berichtete Drohn. Über Umwege bekam Volker Gruhn Wind von der Sache, der seines Zeichens nicht nur Professor an der Uni Duisburg-Essen ist, sondern auch Aufsichtsratschef eines großen IT-Dienstleisters. „Dadurch kam zu der Idee auch das Geld, und Soccerwatch wurde gegründet.“

Das System wurde weiter ausgearbeitet. Im Innern des mit einer Schelle an einem Flutlichtmast angebrachten Gehäuses nehmen sechs Kameras über die volle Spiellänge ein Platzpanorama auf. „Eine künstliche Intelligenz transportiert die Bilder in eine Cloud und sorgt dafür, dass der Zuschauer nur den wesentlichen Teil sieht“, beschrieb Drohn. Was aber nicht heiße, dass alles andere im toten Winkel untergehe. Auch Situationen abseits des aktuellen Spielgeschehens würden aufgezeichnet und könnten von Verbänden im Zweifel für eine Sperre oder Strafen genutzt werden. Auf diese Weise wurde unter anderem die Sperre für ein angeblich brutales Foul von hinten von vier auf zwei Spiele herabgesetzt. „Der Fairness dient diese Kamera ganz bestimmt“, war sich Drohn sicher.

Die Spiele, aus Datenschutzgründen können alle Begegnungen ab der A-Jugend aufgezeichnet werden, sollen schon direkt nach Abpfiff auf der Online-Plattform und der gleichnamigen App einsehbar sein. Wer den Spieltag komplett verpasst hat und nicht die vollen 90 Minuten sehen möchte, kann sich montagabends zudem die Höhepunkte aller Partien zu Gemüte führen. Ein taktisch nicht zu unterschätzendes Handwerkszeug für die Mannschaften ist sicher das Coaching-Tool, mit dem sie dank Zoom- und Zeitlupen-Funktion das eigene Spiel analysieren und neue Routinen erarbeiten können. In Planung sei auch eine Heat-Map und die Erfassung gelaufener Kilometer. „Total spannend bei Altherren-Spielen“, fügte Drohn verschmitzt an.

270 Systeme wurden bereits installiert, 500 wurden schon verkauft. Der Andrang scheint also groß zu sein. Eine Euphorie, der sich die anwesenden Vereinsvertreter anschließen konnten? Hans-Dieter Jurga, Trainer beim SC Twistringen, ist auf jeden Fall vom Coaching-Tool begeistert. „Damit können wir sehen, wenn wir bei einer Standardsituation falsch geordnet waren, oder den Spielern beweisen, dass sie gegen die Anweisungen des Trainers gespielt haben.“ Sorgen, dass die Fans dank der angebrachten Kameras den Spielern bald nicht mehr vom Spielfeldrand zujubeln, machte sich Jurga nicht. Er sah darin eher einen Vorteil für diejenigen, die wegen Krankheit oder Urlaub nicht vor Ort sein können. „Und die kriegen dann ja die gute Stimmung bei uns mit, was ja eher anzieht.“

Dem SV Mörsen-Scharrendorf machte das Wetter bisher einen Strich durch den Einbau. Sönke Schumachers Vorfreude trübte dies dennoch nicht. „Ich kann mir vorstellen, dass das die Identifikation mit der eigenen Mannschaft noch stärken könnte“, sagte der Kassenwart. Mit dem Stammtisch über das vergangene Spiel philosophieren oder den Freunden das eigene geschossene Tor noch einmal vorspielen könne dann zur Gewohnheit werden. „Man muss den Amateursport viel mehr in die Öffentlichkeit bringen. Die ganze High-Society-Bundesliga-Champions-League-Welt ist das eine, aber den Sport leben wir hier vor Ort.“

Wenn es nach Andreas Henze geht, kommt Soccerwatch auch bei Schiedsrichtern gut an. Der Vorsitzende des Fußballkreises Diepholz sagte, dass die Unparteiischen die Aufnahmen zur eigenen Analyse nutzen würden. Natürlich bringe die Übertragung im Internet auch die Gefahr von Angriffen Seitens der Fans bei Fehlentscheidung mit sich. „Das kann passieren, aber das müssen wir einfach beobachten.“

Das System wird anhand der sechs Vereine für die kommenden drei Jahre getestet – komplett finanziert durch die KSK Syke. Danach erfolgt laut Ralf Warneke eine Prüfung, ob Soccerwatch die erhofften Erfolge gebracht hat. Dies hätte weitreichende, positive Folgen für alle weiteren Vereine, wie Warneke am Ende offenbarte: „Wenn das Feedback positiv ist, haben wir vor, das System auf allen Plätzen in unserem Geschäftsgebiet zu installieren.“

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