Anke Kowalzik trainiert seit 21 Jahren Handball-Minis

Grambke. Lukas steht am Wurfkreis, zieht die Unterlippe mit dem Mittelfinger ein wenig nach unten, lässt sie wieder hochschnellen - und wiederholt den Vorgang. Seinen Mitspielern, die um den Ball rangeln, schenkt er wenig Beachtung, schaut sich in der Halle um. Dann steuert der Vierjährige im schwarz-gelben Trikot zielsicher die Bank an der Seitenlinie an, wo Anke Kowalzik sitzt. Seit 21 Jahren trainiert sie Grambker Handball-Minis. Ein "Spätzünder" wie Lukas sei eigentlich immer dabei gewesen, erinnert sich die 43-Jährige.
03.01.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Klaus Grunewald

Grambke. Lukas steht am Wurfkreis, zieht die Unterlippe mit dem Mittelfinger ein wenig nach unten, lässt sie wieder hochschnellen - und wiederholt den Vorgang. Seinen Mitspielern, die um den Ball rangeln, schenkt er wenig Beachtung, schaut sich in der Halle um. Dann steuert der Vierjährige im schwarz-gelben Trikot zielsicher die Bank an der Seitenlinie an, wo Anke Kowalzik sitzt. Seit 21 Jahren trainiert sie Grambker Handball-Minis. Ein "Spätzünder" wie Lukas sei eigentlich immer dabei gewesen, erinnert sich die 43-Jährige.

Kindergeschrei erfüllt die Halle am Klostermühlenweg in Lesum: Die Handball-Spiel-Gemeinschaft Lesum/St. Magnus ist an diesem Sonnabend Gastgeber des "Mini-Spielfestes" für die jüngsten Handballer in der Hansestadt. Für die ABC-Schützen dieser Mannschaftssportart, die noch keine Punktspiele absolvieren, sich aber alle paar Wochen auf einem Spielfest mit dem runden Leder anfreunden können. Und dabei wesentlich mehr Zuschauer haben als die meisten Erwachsenen-Teams. Weil natürlich Eltern, Omas und Opas, Tanten und Onkels auf den Rängen sitzen und sie anfeuern.

"Das ist jedes Mal ein Familienereignis", weiß Anke Kowalzik, die wohl dienstälteste Trainerin von Handball-Minis zwischen Farge und Mahndorf. Mehr als 200 Kinder, schätzt das Grambker "Urgestein" (seit vier Jahrzehnten Vereinsmitglied), seien in den vergangenen 21 Jahren durch ihre Hände gegangen. Langweilig sei es nie gewesen, dafür spannend zu sehen, wie sich die Jungen und Mädchen entwickelten.

Die meisten sind auf den Geschmack gekommen und haben das Handballspiel mit Hilfe von Anke Kowalzik als wichtigste Nebensache der Welt für sich entdeckt. Wie zum Beispiel Matthias Ruckh, Nils Zittlosen, Marc Krüger, Thies Kohrt oder Torsten Humann, allesamt Aktive des Oberligisten SV Grambke-Oslebshausen. Oder wie Kevin Krüger und Nico Nolte, die für die HSG Stedingen in der Kreisoberliga auflaufen und mit ihrem Team in die Landesliga aufsteigen wollen. Auch Lars Gießmann, der heute zum Stamm der A-Junioren der HSG Schwanewede/Neuenkirchen in der Regionalliga Nord gehört, und Ole Aumund, der in Diensten des VfL Fredenbeck II in der Oberliga Nordsee der Herren stand, sind von Anke Kowalzik geformt worden. Während sich Lukas auf der Bank neben seiner Trainerin wesentlich wohler zu fühlen scheint als auf dem Parkett, ringen dort die Schwarz-Gelben aus Grambke-Oslebshausen und die Grünen aus Findorff um den Ball. Und das erinnert an die Anfänge des Handballspiels, das die Römer Harpastum

nannten. In Deutsch: "Die Übungen mit dem kleinen Ball."

Eine Mischung aus Rugby und Handball, dessen Bezeichnung aus dem Griechischen (Harpaston) stammt und soviel wie "rauben" oder "schnell wegnehmen" bedeutet. Was die Jungen und Mädchen in der Halle am Klostermühlenweg beherzigen. Doch manchmal wird nicht nur "weggenommen", sondern auch abgegeben und aufs Tor geworfen. Wie in diesem Moment von einem Mädchen mit pechschwarzen langen Haaren im Grambker Trikot. Die Kleine hat eine eigene Fangmeinde mitgebracht: eine türkische Großfamilie auf den Rängen hält es nicht mehr auf den Sitzen und beglückwünscht sich, als der Ball im Netz landet.

"Handball verbindet", sagt Anke Kowalzik, die auch als stellvertretende Vorsitzende der Handballabteilung und als Sekretärin der evangelischen Kirchengemeinde Grambke weiß, wie wichtig die Integrationsarbeit in dem teilweise schwierigen sozialen Umfeld von Grambke und Oslebshausen ist. Die Minis betreut sie zusammen mit Anke Kassan (44), deren neunjährige Zwillinge Svea und Flemming das Handballspiel ebenso in die Wiege gelegt bekommen haben wie Anke Kowalziks Kinder Niklas (10) und Lena (8). Und ebenso wie die Mütter haben sich auch die Kinder inzwischen daran gewöhnt, dass der TV Grambke mit der SG Oslebshausen fusioniert hat, Handball in den Hallen an der Sperberstraße und Im Föhrenbrok trainiert wird. Die 43-jährige Grambker Handballlehrerin hat eine C-Lizenz, die sie alle vier Jahre in einem Workshop des Deutschen Handball-Bundes (DHB) auffrischt.

"Das ist wichtig, weil Neues hinzukommt und Altes, das man vergessen hat, wieder hervorgekramt wird." Den individuellen Umgang mit einem Vierjährigen, der plötzlich von der Trainingsfläche verschwunden ist und sich unter dem Waschbecken in der Toilette verkrochen hat, lernt man auf solchen Lehrgängen freilich nicht. Da sind Mütterqualitäten: Improvisieren, psychologisches Einfühlungsvermögen und gutes Zureden gefragt. "Irgendein Kind", weiß Anke Kowalzik, "weint immer mal." Lukas an diesem Vormittag nicht. Er interessiert sich jetzt für den Berg aus Sportmatten, der in der Halle aufgetürmt worden ist. Auf dem sich die Kinder austoben können, wenn sie nicht gerade Handball nach römischen Regeln spielen.

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