Darmstadt 98 hat die wenigsten Verletzungen aller Fußball-Bundesligisten – das ist kein Zufall

Arzt im Supermarkt

Darmstadt. Dauerregen. Durchgeweichte Plätze.Die Internetseite www.fussballverletzungen.
10.01.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Frank Hellmann
Arzt im Supermarkt

Dirk Schuster.

Marius Becker, dpa

Dauerregen. Durchgeweichte Plätze. Knöcheltiefes Wasser. Das sind die Bedingungen, die die Profis des SV Darmstadt 98 zur Ankunft an der türkischen Riviera vorfanden. Als erster Bundesligist nahmen die Lilien bereits am Sonnabend vor einer Woche die Arbeit wieder auf, um tags darauf das obligatorische Trainingslager in Lara nahe bei Antalya zu beziehen. Der Frühstart für die Rückrunde besitzt Symbolcharakter, denn nach der Hinrunde führt der Neuling zumindest ein Ranking an: Niemand hatte so wenige Verletzungen zu beklagen.

Die Internetseite www.fussballverletzungen.com listet akribisch alle Verletzungen der Bundesligisten auf – und erstellt eine Tabelle, die sich aus den Ausfalltagen pro Spieler ergibt. Umgerechnet auf die Kadergröße. Weniger als acht Ausfalltage sind es in Darmstadt – bereits der Zweite Hoffenheim kommt auf doppelt so viele. Die meisten Ausfälle verzeichneten der FC Bayern (durchschnittlich 30 Ausfalltage), Hertha BSC (33) und Schalke 04 (34).

Zeitpunkt und Art der Verletzungen werden dabei vom Freiburger Fabian Siegel erfasst. Damit nicht die Zwangspause eines Bankdrückers mit der eines Stammspielers gleichgesetzt wird, rechnet der Statistikfreak den Wert des Spielers für sein Team mit ein. Vorweg: Über die Qualität der medizinischen Versorgung kann auch Siegel nur bedingt Auskunft erteilen – wenn beispielsweise der Gladbacher André Hahn durch den Tritt des Schalkers Johannes Geis monatelang ausfällt, kann kein Trainer, Arzt oder Physiotherapeut was dafür.

Aber doch zeigen sich Trends. „Ich glaube nicht an schlechtes Karma, Schicksal oder göttliche Wesen, die für die Verletzungen verantwortlich sind. Tatsächlich kann man sehr viel auf falsche Trainingsmethoden, Überlastung und mangelhafte ärztliche Behandlung zurückführen“, schreibt Siegel, der Darmstadt „sensationelle Werte“ zuschreibt. Die Führungsposition des Emporkömmlings, der bereits in der zweiten Liga ohne größere Ausfälle den Durchmarsch bewerkstelligte, sei gewiss kein Zufall.

In der „Sportärztezeitung“ erklärte Trainer Dirk Schuster die erfolgreiche Verletzungsprophylaxe als ein Geheimnis des Erfolgs. „Das Thema Verletzungen hängt natürlich immer auch ein wenig mit Glück und Pech zusammen. Für uns in Darmstadt ist Prophylaxe ein Riesen-Thema. Die Steuerung von Belastung und Erholung hat oberste Priorität“, sagt er. Um Überbelastungen zu vermeiden, kommuniziere er sehr viel mit den Spielern: „Ohne Ehrlichkeit funktioniert es nicht.“ Motto: Bloß kein falscher Ehrgeiz. Credo: Lieber ein Spiel länger schonen als sich lange verletzen. Dafür treibt der 48-Jährige seine Akteure im Trainingsalltag bis an die Grenzen – die wöchentliche Stabilisierungs-Einheit ist gefürchtet, dient aber der Vorbeugung, speziell für die oft gefährdeten Adduktoren. In den Trainingsspielen wird eine harte Gangart angewiesen, über die sich Zugänge anfangs wundern. Nur soll das böse Erwachen nicht im Wettkampf folgen.

Entscheidender Vorteil am Böllenfalltor: Bei 20 hauptamtlichen Mitarbeitern fallen die Eitelkeiten einzelner Abteilungen weg. Ein Zerwürfnis zwischen Trainer- und Medizinstab wie beim FC Bayern, wo die Ärzte mit einem Kopfschütteln reagiert haben sollen, als sich der von Pep Guardiola entgegen aller Bedenken sofort wieder eingesetzte Franck Ribéry erneut verletzte, wäre in Darmstadt undenkbar. Die fünfköpfige medizinische Abteilung arbeitet mit den drei Trainern Hand in Hand. „Mit Fitnesstrainer Frank Steinmetz haben wir jemand, der viel sportwissenschaftliches Knowhow mitbringt“, sagt Schuster. „Aber auch unser Mannschaftsarzt Dr. Klaus Pöttgen deckt mit vielen guten Ansätzen ein breites Spektrum über Ernährung, Verletzungsprophylaxe und Krankheitsvorsorge ab.“

Der frühere Triathlet legt seit 2011 Wert darauf, dass die Kicker analog zum Einzelsportler anderer Sportarten eine höhere Aufmerksamkeit für den eigenen Körper entwickeln. Der für den internistischen Bereich verantwortliche Mannschaftsarzt steuerte „in der Sprintsportart Fußball“ von Anfang an den Umgang mit Nahrung, Kalorien und werthaltigen Lebensmitteln: „Der Kuchen und die Bananen wurden schrittweise aus der Kabine verbannt.“ Statt dessen werden in der Halbzeitpause Energie-Gels und Protein-Gels gereicht. „Anfangs waren die Jungs nicht so begeistert“, erzählt Schuster, „mittlerweile merken sie auch, dass es ihnen hilft.“

Ein weiterer Ansatzpunkt stellt auch die so genannte Bio-Impedanz-Analyse dar, die monatlich Aufschluss über Ernährungszustand und Widerstandsfähigkeit gibt. Fällt diese richtig schlecht aus, begleitet Pöttgen einen Profi schon mal in den Supermarkt. Weitere Hilfsmittel sind legale Nahrungsergänzungsmittel. Der Mediziner sagt: „Hier sind wir beim Thema Einbauraten von Aminosäuren und Eiweiß.“ Ein Muskel habe sich in der Regel ja in drei Monaten komplett erneuert. Siehe da: Zerrungen und Faserrisse sind seitdem fast unbekannt. Selbst der bekennende Veganer hat Marco Sailer hat keine Probleme mehr.

Verwunderlich: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) erheben kein vergleichbares Datenmaterial für Verletzungen. Die Vereine melden Ausfallzeiten nur den Berufsgenossenschaften, die ein gesteigertes Interesse an einer Reduzierung der Verletztenzahl besitzen und regelmäßig Symposien mit Vertretern fast aller Bundesligisten anbieten. Dennoch sieht die sportärztliche Betreuung in den Klubs teils völlig unterschiedlich aus.

Verpflichtend werden Ausfallzeiten lediglich von den Europapokalteilnehmern beim Europäischen Verband (Uefa) hinterlegt, die daraus den „Uefa Elite Club Injury Study Report“ erstellt. Damit haben Top-Vereine schwarz auf weiß, wie sie international abschneiden. Interessant: Der Wechsel von Trainerteams führt statistisch gesehen zu einer erhöhten Verletzungsanzahl. Sportmedizinische Themen rücken nun auch hierzulande in den Fokus. Sie bilden beim 3. DFB-Wissenschaftskongress am Frankfurter Flughafen am 21./22. Januar einen Schwerpunkt.

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