Fußball mit Obdachlosen

Auf dem Platz statt auf der Straße

Stolz durch Fußball: Zum vorläufigen Höhepunkt eines ungewöhnlichen Projekts tritt eine von Werder geförderte Obdachlosen-Elf beim FC Riensberg an.
20.10.2018, 21:22
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Auf dem Platz statt auf der Straße
Von Olaf Dorow
Auf dem Platz statt auf der Straße

Torwart Michael hat den Ball sicher. Er bekommt zwölf Gegentore an diesem Tag, aber das ist in diesem Spiel nicht, worauf es ankommt.

Christina Kuhaupt

Michael ist der Torwart. Die Sonne scheint, und Michael sagt: „Läuft optimal, wunderbar. Hab schon meine Runden gedreht.“ Gleich ist Spiel, und in diesem Spiel kassiert Michael dann zwölf Gegentore. Seine Mannschaft verliert schließlich mit 6:12. Michael humpelt, als er vom Feld geht. Die Sonne strahlt jetzt nicht mehr so, aber die Gesichter der 6:12-Mannschaft, sie strahlen umso mehr. Das hätte auch keiner für möglich gehalten, dass sie hier sechs Tore zustande bringen. „Das war das schönste“, sagt Michaels Mannschaftskollege Ronny, „dass wir hier nicht zu null gespielt haben.“

Michael und Ronny gehören zu einem besonderen Team. Einem elfköpfigen Team aus Obdachlosen, Ex-Obdachlosen, Notleidenden. Aus Leute, die viel oder ganz auf der Straße leben oder gelebt haben. Der FC Riensberg hatte sie zu einem Benefizspiel auf den Sportplatz an der Uni eingeladen. Und völlig losgelöst vom überschaubaren Publikum und wohl auch überschaubar hohen Spendenerlös darf man wohl behaupten: Es war ein voller Erfolg.

Eine Trainingsgruppe der besonderen Art

„Wenn auch nur ein, zwei Leute hinterher sagen, dass das ein schöner Tag war, dann war es das schon wert“, sagte Riensberg-Präsident Ingo Brüning vor dem Spiel. Nach dem Spiel konnte man fragen, wen man wollte aus der Obdachlosen-Elf. Michael, Ronny, Wolfgang, Fiko oder Holger. „Was für ein geiles Projekt“, sagte Wolfgang. Omar, der vor zwei Jahren aus Somalia floh und in Bremen in der Obdachlosigkeit landete, Marco und dreimal Frank schossen die Tore.

Das Projekt hatte die private Hilfsinitiative „Präventionsteam Bremen – Streetwork mal anders“ um Melanie Folger und ihren Mann angeschoben. Sie fragten bei Werder nach Trikots und Michael Arends, Mitarbeiter bei „Werder bewegt“, antwortete: „Dann müsst ihr aber erst zum Training kommen.“ Eine Trainingsgruppe der besonderen Art entstand. Dreimal hat es seit dem Sommer Training bei Michael Arends auf dem Kunstrasenplatz bei Werder gegeben, beim dritten Mal brachte der FC Riensberg einen Satz nagelneue Fußballschuhe und die Einladung zum Benefizspiel gegen die zweite Herrenmannschaft aus der dritten Kreisklasse mit. Der Verein engagiert sich oft und gern.

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Vorm Anpfiff einigen sich die Trainer schnell, das Feld etwas zu verkleinern und nur dreimal 15 Minuten zu spielen statt zweimal 30. Ist besser so, es bleibt ja doch eine Trainingsgruppe der Untrainierten. Rein körperlich sind viele kaum in der Lage, längere Zeit durchzuhalten. Mal wird nun acht gegen acht gespielt, mal zehn gegen zehn. Abseits eben? Na gut, auch wenn's nicht stimmt. Schiedsrichter Peter Müller, der das ihm normalerweise zustehende Honorar von 21 Euro spendet, sagt: „Für uns Schiedsrichter wär's leicht, wenn Fußball immer so fair wär' wie hier.“

Fußball kann ja so vieles sein, und das ist dann am Sonnabend an der Uni auch zu spüren. Natürlich ist es kein Fußball auf hohem Niveau. Auf hohem sportlichen Niveau. Überhaupt nicht. Aber dafür sozusagen eines auf hohem sozialen Niveau. Wir-Gefühl, Selbstwertgefühl, Körpergefühl. Auf dem Platz statt auf der Straße wird es erlebbar. Das Leben auf der Straße ist hart, es schlaucht nicht nur körperlich. „Ein echtes Scheißgefühl“ sei das, sagt Michael. Drei Jahre lebte er auf der Straße, ehe er eine Notunterkunft fand, zumindest für die Nacht.

"Wie ein echter Profi

Melanie Folger kennt so viele Schicksale. Seit vier Jahren engagiert sich die 42-jährige gelernte Altenpflegerin aus Beckedorf bei Schwanewede, jeden Montag organisiert sie zum Beispiel am Cinemaxx gemeinsam mit ihren Helfern eine warme Mahlzeit. Über Mund-zu-Mund-Propaganda, über Flyer wurde fürs Fußballprojekt geworben, nun halt dieses Spiel. „Ich fühl' mich wie ein Spieler“, habe ihm Holger in der Kabine gesagt, erzählt Michael Arends.

„Du bist ein Spieler“, habe der Trainer geantwortet. Holger: „Nee, wie ein echter Profi!“ Stolz sehen sie aus in ihren Werder-Trikots. „Auf der Straße, da wirst du nicht als Mensch angesehen, da bist du Abschaum“, sagt einer, der anonym bleiben will. Rund 1000 Obdachlose gebe es in Bremen, sagt Melanie Folger. Dazu solle das Fußballprojekt ja auch da sein: ein Stück Menschsein vermitteln. Neuen Mut geben. Zwei Männer hätten über das Projekt immerhin schon in einen Mini-Job gefunden.

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Nach dem Abpfiff: Bratwurst, Nudeln, Kuchenbüfett, organisiert von Folgers Team. Stolz in den Augen. Und etwas Verwandlungskunst. Alessandra de Cortez schneidet jedem die Haare, der das möchte. Sie mache das auch im Viertel mal des Öfteren, sagt sie. Sie habe gleich zugesagt, als der FC Riensberg anfragte. „Dieses Danke in den Augen“, sagt sie, habe auch ihr einen schönen Tag verschafft. „Am 30. Oktober wieder Training, nicht?“, vergewissert sich Ronny bei Michael Arends. Ronny freut sich schon.

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