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Ausbaufähig

Die deutschen Paralympier haben in Rio 57 Medaillen gewonnen, davon 18 in Gold. Sie gehören zum oberen Mittelfeld, die Spitze ist weit weg.
19.09.2016, 00:00
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Von Marlo Mintel
Ausbaufähig

Ronny Blaschke Kommentarbild

Ronny Blaschke

Die deutschen Paralympier haben in Rio 57 Medaillen gewonnen, davon 18 in Gold. Sie gehören zum oberen Mittelfeld, die Spitze ist weit weg. Man sollte diese Zahlen nicht als Krise werten. Die Branchenführer spielen in einer anderen Finanzklasse. China, Nummer eins im Medaillenspiegel, hat mit viel Geld in eine verzweigte Talentförderung aufgebaut. Dort leben 83 Millionen Menschen mit einer Behinderung. In Großbritannien erhielten olympische und paralympische Sportler seit 2012 zusammen rund 400 Millionen Euro, vor allem aus Lotterieeinnahmen. Die US-Amerikaner profitieren von Sozialsponsoren, die Ukrainer von Oligarchen. Die Deutschen müssen sich mit 3,2 Millionen Euro pro Jahr zufrieden geben. Der Hauptsponsor: das Innenministerium.

Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) hat schon 2013 ein Drittel mehr gefordert. Nicht für die Produktion von Medaillen, sondern für den Ausbau seiner Strukturen. Im Gegensatz zum Deutschen Olympischen Sportbund lehnt der DBS Medaillenvorgaben ab. Er möchte seinen Athleten ein Umfeld bieten, in dem sie Bestleistungen erzielen können. Wenn diese zu Medaillen führen, ist das willkommen. Wenn nicht, ist es auch nicht der Untergang. Kaum eine Nation war bei den Paralympics so breit aufgestellt wie Deutschland. Es zählt die Entwicklung, nicht nur das Ergebnis.

Die Paralympics sind ein kurzer Rausch, der für knapp zwei Wochen öffentliche Aufmerksamkeit bringt. Die rund 150 deutschen Athleten repräsentierten in Rio auch rund 650000 Verbandsmitglieder. Die große Mehrheit ist im Rehabilitationssport aktiv, ihr Durchschnittsalter liegt bei über sechzig. Und diese Zahlen werden weiter steigen, denn die Gesellschaft wird älter.

Der DBS braucht starke Vorbilder an der Spitze. Zum Beispiel, um jungen Unfallopfern mit einer Amputation den Weg in ein sportlich aktives Leben zu weisen. Von Kindern und Jugendlichen haben bundesweit sechs Prozent eine Einschränkung. Bei ihnen liegt der Organisationsgrad in Sportvereinen bei vierzig Prozent. Das ist ausbaufähig.

In den Sportfördereinrichtungen des Bundes, also Bundeswehr, Bundespolizei und Zoll, gibt es mehr als 900 Arbeitsplätze für nichtbehinderte Sportler. Für Athleten mit einer Behinderung sind es nur sechs. Diese Zahlen werden sich nie angleichen, und das müssen sie auch nicht. Behinderte Menschen können keinen Soldatenstatus erlangen, aber es dürfte andere praktische Lösungen geben, zum Beispiel Zivilstellen. Bis zu den Winterspielen 2018 bleiben für eine Erweiterung anderthalb Jahre Zeit.

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