1. Fußball-Kreisklasse Ausgeglichenheit ist Trumpf

Die vergangene Saison war nicht wirklich spannend, zu groß waren die Unterschiede zwischen den Teams. Anders könnte es aber in der neuen Spielzeit der 1. Fußball-Kreisklasse werden.
28.07.2017, 18:19
Lesedauer: 6 Min
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Von Ralf Kilian

Landkreis Oldenburg-Land/Delmenhorst. Als die Saison Ende Mai dieses Jahres in der 1. Kreisklasse ihre Tore schloss, sprach das Tabellenbild Bände über die gigantischen Leistungsunterschiede zwischen den Top-Teams und den Abstiegskandidaten: Der Meister, der Delmenhorster TB, hatte satte 63 Punkte Vorsprung auf das Schlusslicht aus Littel. Und wenn sich nicht im Saisonverlauf zwei Mannschaften wegen Personalmangels vorzeitig abgemeldet hätten, wäre die Lücke noch deutlich größer gewesen. Exemplarisch für die ungleichen Verhältnisse steht der 13:2-Sieg von Vizemeister SV Atlas II über die wackeren Sportfreunde aus Littel, die sich am Ende mehr über die zwei Ehrentore freuten als die Blau-Gelben über den Kantersieg.

Vieles spricht allerdings dafür, dass sich Geschichte in der anstehenden Saison nicht wiederholen wird. Einen klaren Titelkandidaten? Sucht man vergeblich. Potenzielle Absteiger oder in Auflösung begriffene Teams? Gibt es zunächst mal nicht. Dafür ist oben wie unten ein ganz enges Rennen zu erwarten. Zwei Aufsteiger in die Kreisliga wird das Oberhaus der Kreisklassen auf jeden Fall stellen, ebenso zwei Absteiger. Und zwar sportliche Absteiger. Vor gut fünf Jahren, im Sommer 2012, hatten zum letzten Mal 16 Mannschaften die Saison durchgezogen und nicht durch Rückzüge den Abstiegskampf entschärft.

Klare Favoriten? Gibt’s nicht!

Bei der Nennung der Favoriten sind sich die Trainer erwartungsgemäß relativ uneinig. Ein halbes Dutzend Mannschaften wird mindestens dreimal aufgeführt. Exemplarisch dafür steht die Liste der Titelkandidaten, die der TuS Hasbergen übermittelte: „Hicretspor, Wüsting, Ganderkesee II und vier weitere Aufstiegskandidaten.“ Die unklaren Aussichten führten dazu, dass mit dem TSV Ganderkesee II eine Mannschaft die meisten Nominierungen erhielt (nämlich zwölf), die zum jetzigen Stand gar nicht aufstiegsberechtigt wäre. Mit respektablem Abstand folgen Hasbergen (acht Nennungen), die Sportfreunde aus Wüsting (sieben), die Kreisliga-Absteiger Hicretspor und Wildeshausen II (jeweils fünf) sowie Rot-Weiß Hürriyet (drei). Auch der FC Hude II wurde einmal favorisiert.

Der TSV Ganderkesee II hätte es wohl am meisten verdient, sein Glück eine Etage höher versuchen zu dürfen. Vor zwei Jahren musste man trotz Platz sieben die Kreisliga verlassen, im Vorjahr reichte auch die Vizemeisterschaft nicht zur Rückkehr. Grund war jeweils die erste Mannschaft, die zuerst aus der Bezirksliga abstieg und dann den Wiederaufstieg verpasste. Aber die Regeln sind klar: Erste und zweite Mannschaft eines Vereins dürfen nicht in einer Liga spielen, auch wenn sie es leistungsmäßig könnten, wobei man in der anstehenden Saison vermutlich leichte Abstriche machen muss. Denn am Immerweg leidet man unter der guten Nachwuchsarbeit, der Weggang einiger Leistungsträger aus der ersten Mannschaft schwächt auch die Reserve. Aber damit kann der langjährige Trainer Andreas Dietrich leben, für ihn steht die Nachführarbeit im Vordergrund.

Die Absteiger aus der Kreisliga werden schon allein deshalb keine potenziellen Überflieger sein, weil ihr Niedergang nicht wirklich überraschend kam. Gerade beim KSV Hicretspor ging es in den Vorjahren Schritt für Schritt Richtung Abgrund, in der Rückrunde konnte die Rückholaktion des langjährigen Trainers Timur Cakmak auch nichts mehr retten. Immerhin konsolidierte er die Mannschaft nach desaströser Hinrunde sportlich und personell. Wenn sein Team am 12. August zum Auftakt im Stadion den Aufsteiger Großenkneten II empfängt, liegt der letzte Dreier schon fast ein Jahr zurück. Am 16. August 2016 schlug Hicretspor den Harpstedter TB furios mit 8:0, danach ging gar nichts mehr. Cakmak wird seinen Fokus stark auf die Fitness seiner Mannschaft legen müssen, denn in der vorherigen Saison wurden enorm viele Punkte in der Schlussphase noch verspielt. Zudem schmerzt der Verlust der gefährlichsten Offensivspieler Alper Cakir und Izzet Saglam. Wobei das namhafte neue Trio mit Cemil Yildiz, Miguel Trocha und Tayfun Kurt auf Anhieb zu Leistungsträgern mutieren kann. Das Ziel „oben mitspielen“ ist damit realistisch.

Die Reserve des VfL Wildeshausen ist im Verlauf der gesamten Abstiegssaison nie zu einer echten Mannschaft geworden. Insgesamt 44 Spieler setzte Trainer Arend Arends ein. Von den neun Akteuren, die 20 und mehr Einsätze aufzuweisen hatten, sind jetzt auch noch sechs gegangen. Darunter die Top-Torschützen Christopher Cebulla und Timo Höfken, wobei Letztgenannter noch um einen Kaderplatz in der ebenfalls abgestiegenen ersten Mannschaft kämpft. Der Vorteil des neuen Chefs Dirk Lenkeit wird sein, dass er als langjähriger Co-Trainer von Arends die Mannschaft kennt. Aber eine sofortige Rückkehr scheint schwierig.

Da sollte man vermutlich eher auf die langjährigen Verfolger aus Wüsting und Hasbergen setzen. Bei den Sportfreunden hatte Trainer Florian Neumann schon vor drei Jahren von einer sukzessiven Steigerung gesprochen, an deren Ende die Rückkehr in die Kreisliga stehen soll. Konsequenterweise formuliert Neumann das Ziel jetzt klar und deutlich: „Aufstieg“. Der Trumpf der Sportfreunde ist die eingespielte Mannschaft, die seit Jahren im Kern besteht. Darin einbezogen sind auch die starken Rückkehrer Andy Brinkmann und Viktor Stetinger, die vermutlich von Anfang an liefern werden. Das müssen sie angesichts des happigen Auftaktprogramms aber auch, denn nach dem Aufgalopp gegen Colnrade warten sofort Wildeshausen II, Hasbergen, Hürriyet und Ganderkesee II.

Der TuS Hasbergen hat es vor dem vermeintlichen Gipfel in Wüsting mit Falkenburg und Hude II zu tun. Das Trainerduo Andreas Lersch und Tim Müller ist von seinem Jugendstil etwas abgewichen, was sicher der schwächeren Rückrunde der Vorsaison geschuldet ist. Damals spielte man schicken Ballbesitzfußball und bekam trotzdem gegen die späteren Aufsteiger Atlas II (0:7) und DTB (0:6) ordentlich auf die Mütze. Damit sich das nicht wiederholt, wurden mit Michael Kowalski und Fabian Borrmann (von Atlas III) zwei Vorkämpfer verpflichtet. Allerdings schmerzt der Abgang von Topscorer Sven Holthausen nach Heidkrug sehr, seine 16 Treffer werden fehlen.

Die Wundertüte schlechthin ist wieder einmal Rot-Weiß Hürriyet. Vor etwas mehr als einem Jahr lag der Verein nach dem Abstieg aus der Kreisliga völlig am Boden. Die Hinrunde der vergangenen Spielzeit war dann auch abstiegsreif, doch Trainer Mete Döner baute sein Team immer wieder auf und schaffte schließlich souverän den Klassenerhalt. Und das – vermutlich ein Novum in Hürriyets Vereinshistorie – ohne eine einzige Rote Karte. Diese gute Arbeit macht die Rot-Weißen wieder attraktiv für Neuzugänge, im Juni meldete Döner gleich 13 Verstärkungen. Ob sie alle einschlagen, wird sich noch zeigen müssen – spannend ist das Projekt Hürriyet aber allemal.

Überraschungen möglich

Etwas unter dem Radar fliegt momentan noch der TV Falkenburg. Hier hatte Trainer Georg Zimmermann seit seinem Einstieg vor eineinhalb Jahren zunächst einen großen, altersbedingten Umbruch zu bewerkstelligen. Der erscheint jetzt weitestgehend abgeschlossen, denn Zimmermann traut seinen Falken einen Platz unter den ersten Fünf zu. In diesen Regionen kann man sicher auch den FC Hude II ansiedeln, der mit Stefan Hilgenberg einen neuen Übungsleiter hat und auf eine seit Jahren eingespielte Truppe setzen kann. In ähnlichen Tabellengefilden tummelt sich wohl auch der SV Tungeln. Eine Überraschung kann man nach zuletzt starker Rückrunde der Reserve des VfL Stenum zutrauen.

Aber trotz zu erwartender Verstärkungen aus dem breiten Bezirksligakader sollte man sich am Kirchweg zunächst mal nach unten absichern. Das gilt auch für den TuS Vielstedt, wo Veteran Hans Borchers nach ständigen Trainerwechseln für Ruhe sorgen will. Bei der zweiten Mannschaft des TV Jahn soll am Ende ein einstelliger Tabellenplatz stehen. Aber das klingt angesichts der ausgeglichenen Konkurrenz doch recht selbstbewusst. Denn auch die Aufsteiger TSV Großenkneten II und TV Munderloh II kommen mit gestandenen Teams und nicht als Punktelieferanten daher. Gleiches gilt für den FC Hude III, der mit einem 28-Mann-Kader wieder für Überraschungen sorgen wird. Nur der SC Colnrade scheint etwas schwach auf der Brust zu sein. Beim SCC hat der neue Trainer Sascha Albers zunächst nur 16 Akteure im Aufgebot. Sollte sich Torjäger Jörg Schliehe-Diecks (im Vorjahr für 15 von insgesamt 37 Treffern verantwortlich) verletzen, könnte es eng werden.

Zu berücksichtigen sind im Saisonverlauf noch die Entwicklungen in den höheren Spielklassen. So könnte es auch drei Aufsteiger geben, wenn die hiesige Riege der Bezirksligisten (Stenum, Wildeshausen, Tur Abdin und Baris) drinbleibt. Viele zweite Mannschaften – aktuell Ganderkesee II und Hude II – sind in puncto Aufstiegsrecht von ihren Erstvertretungen abhängig. Planbar ist fast nichts, schlagbar ist jeder. Und gerade daraus bezieht die neue Saison der 1. Kreisklasse ihre Spannung und ihren Reiz.

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