Nach Werders 0:1 gegen Gladbach Baumann geht die Spieler hart an und schützt Nouri

Die kürzeste Antwort, die Frank Baumann nach der Pleite gegen Gladbach gab, war die deutlichste. Sie bestand nur aus zwei Buchstaben - und war ein klares Zeichen, wie sauer er war.
12.02.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Baumann geht die Spieler hart an und schützt Nouri
Von Nikolai Fritzsche

Die kürzeste Antwort, die Frank Baumann nach der Pleite gegen Gladbach gab, war die deutlichste. Sie bestand nur aus zwei Buchstaben - und war ein klares Zeichen, wie sauer er war.

Die Frage, zu der die Antwort gehörte, bezog sich auf die Beurteilung der vorangegangenen 0:1-Heimniederlage gegen Borussia Mönchengladbach. „Ist es für Sie ein Alibi-Argument, wenn die Spieler mangelndes Selbstvertrauen infolge der Niederlagenserie beklagen?“, hatte ein Reporter gefragt. Und Baumann sagte einfach nur: „Ja.“ Nichts weiter. Keine Erläuterungen, keine Relativierung. Auf provokative Fragen reagiert Werders Sportchef normalerweise mit ausgleichenden, gerne auch mit ausweichenden Antworten. Dass er das diesmal nicht tat, zeigte, wie sauer er war.

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In den 90 Minuten gegen Mönchengladbach hatte Baumann „von allem zu wenig“ gesehen: „Entschlossenheit, Leidenschaft, aufopferungsvolle Laufbereitschaft, Mut im Spiel nach vorne – all das, was wir in den vergangenen Spielen gezeigt haben.“ Nach der Niederlage in Augsburg vor einer Woche sei er „der Meinung gewesen, dass jeder die Situation erkannt hat“. Er wurde bitter enttäuscht. Werder zeigte die schwächste Leistung seit dem vergangenen Herbst. „So kann man in der Bundesliga nicht bestehen“, sagte Baumann, „im Abstiegskampf erst recht nicht.“ Er werde „in den nächsten Wochen und Monaten sehr genau schauen, welche Spieler auch in Zukunft würdig sind, das Trikot von Werder Bremen zu tragen“.

Die Gescholtenen beurteilten ihre Leistung zwar nicht positiv, aber auch nicht so drastisch. Verteidiger Robert Bauer sagte: „In der ersten Halbzeit hat nichts funktioniert.“ Und: „Wenn man viermal in Folge verliert, dann ist das nicht nur Pech.“ Die Mannschaft sei durch die Pleitenserie „in eine Spirale geraten, in der das Selbstvertrauen weg ist“. Insgesamt sei Werder aber auch gegen Mönchengladbach „auf keinen Fall die schlechtere Mannschaft gewesen“, sondern habe wie in den vorherigen Spielen „mitgehalten“. Das stimmte irgendwie, weil Werder in der zweiten Halbzeit mehr vom Spiel hatte als die Gladbacher. Es stimmte aber irgendwie auch nicht, weil Werder kaum Druck erzeugte. Gladbach stellte sich hinten rein und Werder fand kein Mittel dagegen.

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„Wir hätten heute wahrscheinlich nicht mal das leere Tor getroffen“, sagte Bauer. Doch außer einer großen Gelegenheit von Fin Bartels in der ersten und einer Kopfballchance des wieder mal spät eingewechselten und wieder mal unglücklich spielenden Aron Johannsson in der zweiten Halbzeit waren da nicht so viele Situationen gewesen, in denen der Ball hätte reingehen können. „Wir waren nach vorne nicht zwingend genug, haben uns zu wenige Chancen erarbeitet“, sagte Trainer Alexander Nouri. „Wenn in einem Heimspiel eine einzige Kontersituation ausreicht, dass wir verlieren, dann ist das zu wenig.“

Die Gladbacher zeigten zwar, dass sie Werder in Sachen Ballsicherheit überlegen sind. Das Offensivspiel überließen sie aber fast völlig den Bremern. Sie konnten es sich leisten, weil sie in der zwölften Minute genau das getan hatten, was Werder so gerne tun möchte: aus einer kompakten Defensive überfallartig kontern. Der Bremer Außenverteidiger Santiago Garcia war weit aufgerückt, verlor einen Zweikampf in der Gladbacher Hälfte und kam hinter Christoph Kramer nicht hinterher. Niemand hielt Kramer auf dem Weg nach vorn auf – und niemand kümmerte sich um Thorgan Hazard, der auf Garcias linker Seite völlig allein war. Garcia war nicht da, sein Nebenmann Niklas Moisander fühlte sich nicht zuständig, sodass Hazard nach Kramers Zuspiel in den Strafraum eindringen konnte und frei vor Wiedwald zum Schuss kam, den er ins lange Eck setzte.

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Zur Halbzeit stellte Nouri von der Dreier- auf eine Viererkette um; Werder wirkte in der Folge sicherer. Hätte der Trainer früher eingreifen müssen? „Das war heute keine Frage des Systems“, sagte Baumann. „Mit der Dreierkette hat man in der Defensive einen Verteidiger mehr; man muss nur richtig verschieben.“ Baumann wusste, dass er nach der vierten Niederlage in Folge, durch die Werder auf den Relegationsrang 16 rutschte, weil der Hamburger SV in Leipzig gewann, nach dem Trainer gefragt werden würde. Auch wenn er seine Antworten immer wieder ein bisschen anders formulierte – seine Verteidigungslinie war offensichtlich: die Verantwortung für Niederlage und Gesamtsituation bei den Männern auf dem Rasen suchen, nicht bei dem Mann an der Seitenlinie. „Wir spielen seit Jahren gegen den Abstieg“, sagte Baumann; in dieser Zeit hätten es „schon einige Trainer versucht. Deshalb sollten wir vor allem auf die Spieler schauen". Ein Trainerwechsel sei erst dann notwendig, „wenn nichts mehr funktioniert. Das ist aktuell nicht der Fall.“

Torhüter Felix Wiedwald unterstrich das: „Klar können wir mit dem Trainer da unten rausgekommen.“ Bei Nouris Amtsantritt habe Werder schließlich „auch unten dringestanden, und dann haben wir gepunktet“. Aber genau das ist es: Werder steht nach 17 Spielen unter Alexander Nouri in der Tabelle ähnlich schlecht da wie vor seinem ersten Spiel. Dass die Diskussion um ihn Fahrt aufnehmen wird, werden Baumann und die Spieler nicht verhindern können. Der Trainer selbst sagte das, was er schon oft gesagt hat: dass es nicht um sein persönliches Schicksal gehe, sondern um den Verein.

Wie Robert Bauer aufs nächste Spiel blickte, bewies, wie ratlos Werder seinen Absturz erlebt. „Vielleicht machen wir in Mainz das schlechteste Spiel der Saison und gewinnen durch ein Stolpertor“, sagte er. Werder müsse einfach nur irgendwie mal wieder einen Sieg einfahren, „dann können wir eine Serie starten“. Das ist die Hoffnung, die Werder bleibt. Ob sie sich erfüllt, wird auch über Nouris Zukunft entscheiden.

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