Gastkommentar über die weltweite Drogenrazzia Bodybuilder sind keine Fitnesssportler

Man kann nur hoffen, dass die weltweite Razzia hilft, Maßnahmen gegen Arzneimittelmissbrauch und tatsächlich auch gegen Doping im Breitensport zu ergreifen, schreibt unser Gastautor Fritz Sörgel.
12.07.2019, 06:00
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Von Fritz Sörgel

Die Nachricht flatterte frühmorgens herein, als gerade das tägliche Fitnessprogramm auf dem Heimfahrrad an stand. Ein Glas Milch, eine Banane und antreibende Musik. Doping ohne Chemie sozusagen. Inhalt der Nachricht: Ein Fund von bisher nicht bekanntem Ausmaß. 3,8 Millionen Dopingmittel und gefälschte Medikamente, 24 Tonnen Steroidpulver, 234 Festnahmen, 1000 Anzeigen, mehr als 839 Strafverfahren. 17 organisierte Banden haben das alles bewerkstelligt.

Die Abnehmer der jetzt beschlagnahmten Dopingsubstanzen sind laut Europol Fitnesscenter-Süchtige, Bodybuilder, nicht-professionelle Athleten, Radsportler und Tierzüchter – zur Zucht im Stall oder zur Leistungssteigerung auf der Pferderennbahn. Die Stoffe sind Steroide, wohl ausschließlich Anabolika mit ihrer starken Wirkung auf die Muskulatur, Psycho-Effekten wie die aggressive Steroid-Wut, an deren Ende die Sucht steht. Außerdem dürften die Ermittler die üblichen Stoffe aus der Szene, zuvorderst Viagra, Appetitzügler, die Amphetaminabkömmlinge wie Crystal Meth, Speed, Ecstasy & Co., Wachstumshormone und Antidepressiva gefunden haben. In den „Arzneien“ und Drogen ist entweder zu wenig, zu viel, eventuell auch gar nichts oder etwas ganz Anderes enthalten: Arzneimittelfälschungen also – vertrieben über den Internethandel.

Alles Dopingmittel? Der Duden definiert Doping als „Anwendung verbotener Substanzen (oder Methoden) zur [vorübergehenden] Steigerung der sportlichen Leistung“. Im Bodybuilding, in das geschätzt 80 Prozent der jetzt gefundenen 3,8 Millionen Präparate fließen sollten, gibt es nach der Definition demnach kein Doping. Was wird also von der Europol-Aktion übrig bleiben? Wenn es, wie es scheint, nicht mehr als eine – sehr verdienstvolle – Aktion der Drogenbehörden ist, wäre das zu wenig. Wir in Deutschland wollen natürlich wissen: Waren auch Sportler betroffen, die mit ihrem Sport Geld verdienen, sehr viel Geld möglicherweise? Ich wage die Vorhersage, dass Top-Sportler nicht darunter sein werden.

Der Fitnessbereich sollte klarer definiert werden. Für mich sind Bodybuilder keine Fitnesssportler. Doch interessieren wirklich die in der Regel nicht zu bekehrenden Bodybuilder? Oder muss nicht viel mehr den Fitness- und Hobbysportlern unser Augenmerk gelten? Die sind vielleicht noch zu bekehren. Man kann nur hoffen, dass die weltweite Razzia hilft, ein Sittenbild zu liefern, anhand dessen alle Verantwortlichen in Deutschland Maßnahmen gegen Arzneimittelmissbrauch und tatsächlich auch gegen Doping im Breitensport ergreifen müssen.

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Zur Person

Unser Gastautor

ist Arzneimittelfachmann und leitet das Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg. Er beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit Fragen des Dopings.

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