Jörg Schröder ist eine Trainerlegende im Handball – wie angekündigt hat er mit 60 jetzt Schluss gemacht Bremen, Katar und wieder zurück

Bremen. Die Katarer waren perplex. Damals hatten sie von ihrer Hire-and-Fire-Mentalität stets profitiert.
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Von Olaf Kowalzik

Bremen. Die Katarer waren perplex. Damals hatten sie von ihrer Hire-and-Fire-Mentalität stets profitiert. Mit einer vertraglichen Kündigungsfrist von nur 24 Stunden konnten sie sich eines jeden Handballtrainers entledigen, der bei ihnen in Ungnade gefallen war – ohne Angabe von Gründen. Und dann das! „Die hatten nie und nimmer damit gerechnet, dass jemand einmal den Passus für sich nutzt und den Spieß umdreht“, sagt Jörg Schröder und schmunzelt über seine Kündigung im Emirat. Das war 1990.

Für den Bremer Handballverband (BHV) war es ein Glücksfall, dass der damalige Nationaltrainer Katars (A-Jugend, Junioren, Männer) der Halbinsel im Persischen Golf nach fünfjähriger Tätigkeit den Rücken kehrte. Der A-Lizenz-Inhaber Jörg Schröder übernahm als Erster beim BHV die frisch geschaffene Trainer-Lehrer-Stelle und wurde später auch noch Lehrwart des Verbandes. Von dort aus prägte er den Handball in Bremen für ein Vierteljahrhundert am Stück. Jetzt, nach insgesamt 35-jähriger Verbandsarbeit, ist er abgetreten.

Eine unwiderrufliche Entscheidung

„Für mich stand immer fest, dass mit 60 Jahren Schluss sein wird“, erklärt der Mann, den alle nur „Jogi“ nennen. Er hatte in jüngeren Jahren bei einem A-Lizenz-Lehrgang erlebt, wie die älteren Trainerkollegen immer noch vom längst „ausgestorbenen“ Feldhandball redeten. „Ich will in dem Alter nicht von den Jüngeren belächelt werden“, sagt er und geht – unwiderruflich. Und hinterlässt große Fußspuren. Erst mit 15 Jahren hatte Schröder den Handball für sich entdeckt. Damals hatte ihn sein Lehrer Werner Rohlfs, heute noch als Trainer des Oberligisten HSG Delmenhorst der Sportart verbunden, in die Stadthalle zu einem Heimspiel des damaligen Bundesligisten TV Grambke geschleppt. Das hatte Eindruck hinterlassen. „Mein Ziel war es immer, in Bremen noch einmal eine Bundesligamannschaft zu installieren“, sagt Schröder.

Doch der Reihe nach. Der Kontakt mit der kleinen Lederkugel hat Schröder geprägt. Vielmehr noch: „Der Handball hat mir meinen Lebensweg geebnet“, erklärt der 59-Jährige im Rückblick. Als Spieler war er zwar nicht der herausragende Akteur, dafür war er als Trainer umso überzeugender. Er trainierte viele BHV-Auswahlmannschaften und machte schon in jungen Jahren die Trainer-A-Lizenz. Dadurch lernte er Uli Weiler kennen, ehemaliger DHB-Nationaltrainer, Weltenbummler und später Deutscher Meister mit den Bundesliga-Frauen des TuS Walle.

Weiler war es dann auch, der „Jogi“ Schröder 1985 nach Katar holte. „Für mich war das die einzige Chance, mit 28 Jahren der Arbeitslosigkeit in Bremen zu entkommen“, blickt er auf die Zeit nach dem abgeschlossenen Lehramtsstudium zurück. Und die Aussichten waren verlockend: 2500 US-Dollar wurden ihm pro Monat in Katar bezahlt, was damals mehr als 7500 D-Mark entsprach. Also verkauften Jörg und Marion Schröder in Bremen ihr gesamtes Hab und Gut und flogen an den Persischen Golf, um dort fünf Jahre auf dem im wahrsten Sinne des Wortes heißen Schleudersitz Platz zu nehmen. „Dort hatte ich viele positive Erlebnisse, die mich bis heute beeinflussen“, sagt Jörg Schröder.

Und Kurioses gibt‘s aus dieser Zeit natürlich auch zu erzählen. Zum Beispiel über die Jugendnationalspieler Katars. „Die waren 16, hatten keinen Führerschein, sind aber mit dem dicken Benz ihrer Eltern zum Training gekommen. Handball war bei den verwöhnten Jungs Nebensache“, sagt Uli Weiler. Dass „Jogi“ Schröder mit dem Team auf Anhieb Vize-Asienmeister wurde, erleichterte ihm die Arbeit natürlich ungemein. Es wurde aber auch schon mal brenzlig, als der Deutsche etwa mit seinem Team in Syrien gegen eine Palästinenser-Auswahl spielte. Nach 20 Spielminuten kam es auf dem Spielfeld zu einer Massenschlägerei, die erst die Militärpolizei auflöste. „Ich hatte mich sofort unter der Trainerbank verkrochen, um nicht von deren Knüppeln getroffen zu werden“, sagt Schröder.

Waren es einst die fehlenden beruflichen Perspektiven, die Schröder Bremen verlassen ließen, so waren es plötzlich glänzende berufliche Perspektiven, die ihn nach Bremen zurückkehren ließen. „In Bremen wird eine Trainer-Lehrer-Stelle für den Handball ausgeschrieben“, hatte ihm der damalige BHV-Chef Helmut Meier gesteckt. Schröder bewarb sich, wurde genommen und überraschte die Katarer mit seiner Kündigung. Ärgerlich war für ihn nur, dass der Dollarkurs gegenüber der Deutschen Mark mittlerweile deutlich gefallen war, sodass sich sein Erspartes mehr als halbiert hatte.

Erst Grambke, dann Habenhausen

Zurück in Bremen brachte er dort den Mini-Handball für die Kleinsten auf den Weg, und er übernahm 1991 das Amt des Verbandslehrwartes von Bernd Meyer. Dort schleuste er über 3000 Trainer durch die Lizenz-Lehrgänge. Dank der guten Ausbildung lockte Schröder wiederum zahlreiche auswärtige Teilnehmer in die Hansestadt.

Unter seiner Regie als Landesauswahltrainer muckte er unter anderem auch mit der Auswahl des kleinsten Landesverbandes beim Inge-Küster-Turnier auf. Mit jungen Talenten wie der späteren Nationalspielerin Nina Müller, besser bekannt unter ihrem Geburtsnamen Wörz (früher HSG Schwanewede/Neuenkirchen, heute SG BBC Bietigheim), holte er sich mit der BHV-Equipe in den 90er-Jahren den Pokalsieg.

Bremer Handballgeschichte schrieb Schröder jedoch mit den Männer-Teams TV Grambke und ATSV Habenhausen, die er jeweils acht Jahre trainierte. Beim TVG, einer rein Bremer Mannschaft, holte Jörg Schröder die Leistungsträger Andreas Eckner, Andreas Stelljes und Thomas Krenke vom Lokalrivalen SG Oslebshausen nach Grambke. „Diese Mannschaft war einmalig“, sagt „Andi“ Eckner. Dazu passt, dass Schröder auch schon mal unter der Dusche eine Taktikeinheit abhielt, und dass das Team auch nach einer bitteren Niederlage in Wilhelmshaven eine Polonaise durch die Fenster eines jugoslawischen Restaurants startete. Grambke meisterte am Ende alle Hürden und stieg 1996 vor 1200 heimischen Zuschauern gegen Hildesheim in die zweite Liga auf. Schröder musste daraufhin an Ort und Stelle seinen Bart abrasieren lassen, das war der Wetteinsatz.

Nach dem Aufstieg wechselte Schröder zum Lokalrivalen ATSV Habenhausen. Auch mit diesem Traditionsverein stieg er sofort auf: in die Regionalliga, der damaligen dritten Liga, mit 45:7 Punkten. Mit dabei waren Spieler wie Marc Albers, Dirk Müller, An
dreas Kirsten oder später auch Barna-Zsolt Akascos, dem heutigen Oberliga-Männer-Trainer der SG HC Bremen/Hastedt. Diesmal musste sich „Jogi“ Schröder bei der Aufstiegsfeier neben seinem Bart auch noch das Haupthaar entfernen lassen. Danach saß ihm sein Sohn Yannik weinend auf dem Schoß, weil er das Gesicht seines Vaters nicht mehr erkannte. Nach acht Jahren zog sich der Mathematiklehrer der Oberschule Habenhausen in die ATSV-Jugendteams zurück.

Zum Ende seiner Amtszeit verlieh ihm die BHV-Präsidentin Monika Wöhler („Es ist irre, was er über die Jahrzehnte geleistet hat“) die goldene Ehrennadel des Verbandes. Ein Nachfolger für den Posten des Verbandslehrwartes wird aktuell noch gesucht. Einer wie Schröder ist wohl nie wieder zu finden.

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