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Sixdays-Fahrer Maximilian Levy im Interview
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„Da war nur noch ein schwarzes Loch“

Olaf Dorow 14.01.2019 0 Kommentare

"Das Schwierigste ist doch der Umgang mit sich selbst, nicht mit den anderen": Radsprinter Maximilian Levy. (Christina Kuhaupt)

Herr Levy, wäre es Ihnen am liebsten, wir würden jetzt ein Interview über Reifendruck und Rundenrekorde führen? Und den schlimmen Unfall von Kristina Vogel nicht tangieren?

Maximilian Levy: Ich weiß ja, worum es geht, wenn Reporter-Anfragen kommen. Momentan dreht sich fast jedes Interview zumindest in Teilen um den Unfall. Insofern bin ich, sagen wir mal: gefasst.

Wie sehr beschäftigt Sie der Unfall noch, auch wenn gerade kein Reporter anfragt?

Das kann ich gar nicht so pauschal sagen. Es ist eher so: Wenn ich Kristina sehe, stelle ich mir häufiger die Frage, ob das nicht irgendwie auch hätte besser ausgehen können. Ich habe jetzt aber keine schlaflosen Nächte, weil ich Szenarien vom Unfall vorm inneren Auge sehe.

Aber Sie haben Bilder im Kopf?

Natürlich. Das sind Erinnerungen, die man wahrscheinlich eines Tages mit ins Grab nimmt. Ich wünsche das niemanden, dass er das live erleben muss.

Sie waren Ersthelfer. Insgeheim wünscht sich wohl fast jeder: Lieber Gott, lass‘ mich nie der Erste am Unfallort sein…

 …warum auch immer: Vier Wochen vorher habe ich mich – natürlich, ohne das zu planen – auf die Situation vorbereitet.

Wie das?

Ein Freund ist Feuerwehrmann geworden und hat seinen Rettungssanitäter gemacht. Und unsere größere Tochter hatte im Kindergarten sowas wie einen Erste-Hilfe-Lernkurs gemacht.  Ich habe mich also gerade mit Erster Hilfe beschäftigt, als dann dieser Unfall auf der Bahn kommt. Ich wusste dadurch intuitiv, worauf ich achten muss.

Sie waren sofort im Modus: Ich muss funktionieren?

Ja, genau. Das ist dann wie bei einer Geburt. Es funktioniert unweigerlich. Ob du’s willst oder nicht. Es war beim Unfall nur insofern schwierig, weil die emotionale Komponente dazukam. Ich kenne Kristina ja schon lange.

Sie wollten am Abend gemeinsam auf Ihren 31. Geburtstag anstoßen?

Ja…(lange Pause, d. Red.).  In dem Moment, wo der Sturz passiert ist und sie da liegt, weißt du ja nicht: Das war’s jetzt, oder so (Vogel war mit Tempo 60 gegen einen niederländischen Radsportler gerast, der zu einem Kaltstart auf die Bahn gegangen war, d. Red.).  Als Kristina sagte, dass sie ihre Beine nicht spürt, dachte ich spontan: Naja, vielleicht ist das Becken gebrochen. Das ist eher was Normales im Radsport.

Als Allererstes wollte Kristina Vogel, dass ihr die engen Schuhe ausgezogen werden. Warum?

Schuhe aus, das ist so ein Reflex bei uns. In der Phase danach habe ich versucht, die anderen, die um Kristina herum waren, eher wegzubringen. Damit nicht fünf Mann um sie herumstehen und gucken, drei  herumschreien und vier heulen. Das bringt nichts.

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Es stresst zusätzlich?

Ich kenne das von meinen eigenen Stürzen. Du brauchst Ruhe. Und nur einen Ansprechpartner. Vor allem die jungen Sportler, die dabei waren, die sind natürlich auch in eine Panik geraten. Auch um sie zu schützen, habe ich sie weggeschickt. Jemand hat noch die Schuhe ausgezogen, ich war immer nur an ihrem Kopf.

Kristina Vogel hat das später so geschildert: In dem Moment, als sie beim Schuhausziehen nichts gespürt hat, wusste sie, das war’s. Wird nichts mehr mit Laufen.

Ich wage mal zu bezweifeln, dass das in dem Moment alles schon klar war. Natürlich merkst du, da laufen meine Schuhe weg, und ich spüre nichts.  Aber ob da schon der Schalter gefallen ist? Vielleicht war es der Moment, wo sie das erste Mal Schmerzen gespürt und auch Panik bekommen hat. Ich hab‘ immer wieder beruhigt und gesagt: Heh‘, das könnte auch ein Beckenbruch sein. Sie lag halt ein bisschen verdreht da.

Fiel die Entscheidung spontan, sie ins Krankenhaus zu begleiten?

Wie spontan soll die sein? Das Thema ist ja erst mal: Du musst sie transportfähig machen. Mein erster Gedanke war, dass ich sie jetzt wegtrage. Hab' ich zum Glück nicht getan. Kurz danach kamen die Sanitäter.  Ich durfte nicht direkt im Krankenwagen mitfahren. Sondern selbst mit dem Auto hinterher ins Krankenhaus. Sie war ja in Cottbus im Trainingslager. Und nicht zu Hause, wo der Lebensgefährte sofort erreichbar gewesen wäre. Ich wusste nur, dass der sich in Erfurt auf den Weg gemacht hat.

Eine starke Frau: Kristina Vogel bei Rad-Weltcup in Berlin
Eine starke Frau: Kristina Vogel bei Rad-Weltcup in Berlin (Jörg Carstensen/dpa)

Kristina Vogel war zunächst im Cottbuser Krankenhaus und wurde später in Berlin zweimal operiert. Wann haben Sie die Diagnose erfahren?

Noch im Krankenhaus Cottbus. Die Diagnose 'Rückenmark durchtrennt' war eindeutig. Es war nichts zu machen.

Können Sie sich an den ersten Gedanken erinnern, der Ihnen da durch den Kopf schoss?

Als sie im Krankenwagen war und damit zum ersten Mal aus meiner Verantwortung, musste ich den Gedanken zulassen, dass es ein ernsthaftes Problem sein kann. Nach der Diagnose war zunächst nur Leere. Da war nur noch ein schwarzes Loch. Man hatte Kristina gesagt, dass ich draußen bin. Und sie gefragt, ob sie das mit mir besprechen will. Sie hat dem zugestimmt und man hat mir die Diagnose mitgeteilt. Ohne Umschweife, Ohne, dass man noch irgendwo Hoffnung schöpfen konnte.

Was war in den Wochen danach schwieriger: Das in privaten Gesprächen zu verarbeiten, oder es gegenüber der Öffentlichkeit erst mal zu verschweigen?

Die Öffentlichkeit war mir dabei zunächst mal herzlich egal. Natürlich waren Einige ernsthaft interessiert. Aber wir haben beschlossen: Wir halten erst mal den Ball ganz flach und warten, bis Kristina aus dem künstlichen Koma kommt.  Das Schwierigste ist doch der Umgang mit sich selbst, nicht mit den anderen.  Man muss das für sich greifbar machen.

Was haben Sie gemacht? Es gibt da ja keine Gebrauchsanweisung...

...das kann ich schwer in ein Muster packen. Wo ich was wann warum gemacht habe. Ich wusste halt von Anfang an ganz klar, worüber wir reden. Dass es nicht irgendwelche Hoffnungsschimmer gibt. Ich bin, dadurch, dass ich dabei war, sehr oft angesprochen worden. Aber ich hatte eigentlich gar nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Ich habe einfach so gehandelt, wie es mir am sinnvollsten erschienen ist. Das hat vielleicht auch geholfen, das Unaussprechliche auszusprechen.

Man sagt, dass Schicksalsschläge leichter zu verarbeiten sind, wenn man Gewissheit hat und nicht Hoffnungen, die sich dann doch zerschlagen.

Ja, viele Fragen haben sich mir nicht gestellt. Aber klar: Das auszuhalten, dass sich viele Leute Hoffnungen gemacht haben, wo keine Hoffnung war, das war dann irgendwann schon sehr anstrengend.

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Als Kristina Vogel dann in die Öffentlichkeit ging, hat sie darüber gesprochen, wie wenig ihr Hätte-Hätte-Fahrradkette-Denken weiterhilft.  Ertappen Sie sich bei Konjunktiv-Gadanken? War ja Zufall, hätte auch mich treffen können?

Ich bin auch so wie sie. Was wäre wenn, das bringt nix.  Wir sind hier nicht bei 'Wünsch' Dir was'. Sondern bei 'So isses'. Dass es auch jeder andere hätte sein können, hat natürlich vielen einen Riesenschreck eingejagt. Gerade den Beteiligten. Es gibt ja einen Unterschied zwischen denen, die dabei waren, und denen, die ganz schlau sind. Die ganz genau wissen, was man hätte tun müssen, um das zu verhindern.

Hätte es aus Ihrer Sicht verhindert werden können?

Die wenigsten können doch das gesamte Szenario überblicken. Das ist ja auch schwierig. Für uns Radsportler ist das klar. Für den Außenstehenden ist es schwer nachvollziehbar, warum man bei 60 km/h jetzt nicht 40 Meter nach vorne guckt. Und  es wird besonders kritisch, wenn jeder die Geschichte weitererzählt, und auf der Strecke Details verloren gehen, die aber entscheidend sind.

Die Staatsanwaltschaft Cottbus ermittelt. Kristina Vogel ist eine Person des öffentlichen Lebens, zudem tritt automatisch Vogels Arbeitgeber, die Bundespolizei, auf den Plan. Sie sind als Zeuge involviert?

Ja, ich wohne ja auch in Cottbus. Aber auch bei den Ermittlungen ist es schwierig, umfassend zu erläutern, was an dem Tag normal war und was vielleicht nicht.

Geht es im Kern um die Schuldfrage?

Davon gehe ich aus. Nur wenn die geklärt ist, kann man ja am Ende Regressforderungen stellen oder auch nicht. Die Frage ist, ob das schlussendlich geklärt werden kann. Auch wenn für uns Radfahrer die Situation ziemlich eindeutig ist.

Und zwar?

Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz. Auf der Gegengerade macht man keinen stehenden Start.  Und Regel Nummer zwei ist: Ich fahre nicht auf die Bahn, wenn eine andere Gruppe dort fährt. Damit ist die Sache relativ schnell erzählt.

Herr Levy, bundesweit wird Kristina Vogel für ihre innere Stärke bewundert. Sie gilt vielen als Vorbild für alle, denen im Schatten der Öffentlichkeit so ein Schicksal widerfährt. Sehen Sie die Gefahr, dass daraus ein Hype wird?

Sie bekommt jetzt eine Anerkennung unf Aufmerksamkeit, die sie als überragende Radsportlerin schon viel früher verdient hätte. Hoffen wir mal, dass das Interesse bleibt. Und nicht, dass plötzlich nichts mehr kommt, wenn der große Medienschrei verhallt ist.

Das Gespräch führte Olaf Dorow 

Zur Person: Maximilian Levy (31) ist bald dreifacher Familienvater, stammt aus Berlin und lebt in Cottbus. Er ist vierfacher Weltmeister und dreifacher Olympia-Medaillengewinner im Radsprint. An seinem 31. Geburtstag musste er vor Ort in Cottbus miterleben, wie die Sprint-Olympiasiegerin Kristina Vogel so schwer stürzte, dass sie seitdem querschnittgelähmt ist.

Zur Sache: Das Sportdrama des Jahres

Kristina Vogel, zweifache Olympiasiegerin und elffache Weltmeisterin im Radsprint, hatte am 26. Juni in Cottbus trainiert, als ein schwerer Unfall ihr Leben veränderte. Sie war auf der Betonbahn des Radstadion mit circa 60 km/h unterwegs. als auf der Gegengerade ein junger niederländischer Rennfahrer sich mit seinem Rad zu einem stehenden Start aufstellte. Vogel wurde durch den Aufprall so schwer verletzt, dass sie seitdem ab der Brust abwärts querschnittsgelähmt ist. Am siebten Brustwirbel wurde ihr Rückenmark durchtrennt. Zu den vielen Hilfsaktionen gehörte auch die von Ersthelfer Levy mitorganisierte #staystrongkristina-Spendenaktion, bei der innerhalb kürzester Zeit 120.000 Euro zusammenkamen. Ende des vergangenen Jahres wurde Kristina Vogel unter großer öffentlicher Anteilnahme Zweite bei der Wahl zur Sportlerin des Jahres.


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