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Freitagnacht in Bremen
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Feiern bei den Sixdays

Marc Hagedorn 12.01.2019 0 Kommentare

Öfter mal was Neues wagen: Ever'so sind die neue Hausband der Sixdays, und zu ihrem Debüt hatten sie sich etwas Besonderes ausgedacht: Die Musiker marschierten mitten durchs Publikum zur Bühne.
Öfter mal was Neues wagen: Ever'so sind die neue Hausband der Sixdays, und zu ihrem Debüt hatten sie sich etwas Besonderes ausgedacht: Die Musiker marschierten mitten durchs Publikum zur Bühne. (Christina Kuhaupt)

Mit ihm hätte man um diese Uhrzeit hier hinten am allerwenigsten gerechnet. Hans-Peter Schneider ist der Geschäftsführer der ÖVB Arena, und in der ÖVB Arena finden gerade die Sixdays statt, deren Chef Schneider nebenbei auch noch ist. Vorne, in der großen Halle, in der die Radrennfahrer auf dem Bahnoval ihre Runden ziehen, füllen sich die VIP-Logen. DFB-Präsident Reinhard Grindel ist da, der Schauspieler Uwe Rohde – und Schneider? Der ist auf dem Weg in Halle 4. Dort hat DJ Toddy den Leuten gerade erklärt, was heute Nacht Phase ist. „Es sind heute alle solo hier“, hat Toddy, der Zeremonienmeister, ins Mikro gerufen, „Solo-Männer, Solo-Frauen, alle zwischen 18 und 65. Hier geht heute keiner allein nach Hause.“ Und dann haben die Menschen gejohlt.

Was will Schneider, der Boss von dem Ganzen, hier? Müsste er nicht eigentlich vorne bei den Promis sein? Nein. Denn erstens war er dort schon und hat Hallo gesagt, und zweitens gehören die Hallen 2 und 4 genauso zum Gesamtkunstwerk Sixdays wie die große Arena. Es ist ja gerade das Zusammenspiel aus Sport und Unterhaltung, das die Sixdays so beliebt macht. Das jedenfalls gilt landläufig als Erklärung dafür, weshalb neben Berlin nur noch in Bremen gefahren wird, und Köln, München, Dortmund und Stuttgart längst alle tot sind.

Die Hände gehen nach oben

Also rein in Halle 4. Toddy ist in seinem Element. Er macht gerade Spaß mit einem Herrn mittleren Alters, den er sich im Publikum ausgeguckt hat. Toddy ruft: „Guck mal, er ist frisch geschieden und hat ein großes Haus.“ Und dann reimt er: „Du hast ’n tollen Pulli an, deine Freunde sind alle da, und du hast volles Haar.“ Und im nächsten Moment kommt Gabalier aus den Lautsprechern: „Hulapalu“, und die Hände gehen nach oben.

Fotostrecke: Bremen feiert: Deka-Dance meets Sixdays

Privat hört Hans-Peter Schneider andere Musik, aber ohne Mallorca-Ballermann-Hüttn-Gaudi-Sounds geht es bei den Sixdays einfach nicht. Schneider sagt: „Zuhause esse ich am liebsten Eintopf, aber hier ist das Publikum so vielfältig, da braucht es ein Büffet. Für jeden muss etwas dabei sein: Gemüse, Salat, Pasta und Fisch, aber auch Deftiges.“ Halle 4 mit DJ Toddy ist eindeutig die deftige Kost.

Wenn man in einem Wörterbuch unter dem Begriff „Rampensau“ ein Foto von DJ Toddy drucken würde, dann machte man nichts falsch. Toddy nennt sich bescheiden DJ, aber er macht viel mehr als Plattenauflegen beziehungsweise Abspiellisten programmieren. Toddy ist auf der Bühne ein Verrückter. Er spielt Luftgitarre, rutscht auf den Knien, er lässt den Mikrofonständer kreisen und rennt von links nach rechts und von vorne nach hinten. Und dann spielt er das nächste Lied, „Eisgekühlter Bommerlunder“. Im Publikum gehen Köpfe in den Nacken, zwischen den Zähnen klemmen Feiglinge, ein Schluck, und leer sind die Fläschchen.

Ein Verrückter? Aber hallo! DJ Toddy gehört zu den Sixdays wie die Sixdays zu Bremen. Toddy reißt Witze, spielt Luftgitarre und legt Musik auf. Dem Partypublikum gefällt es.
DJ Toddy gehört zu den Sixdays wie die Sixdays zu Bremen. (Christina Kuhaupt)

Die Bremer Sixdays ziehen im Grunde zwei Sorten von Besuchern an. Diejenigen, die sich für den Sport und gepflegten Smalltalk interessieren, und diejenigen, die es besonders laut mögen und feiern wollen. Man kann in Bremen das eine ohne das andere haben. Wer nur den Rennfahrern zuschauen will, der geht direkt auf die Tribüne oder in den Innenraum der ÖVB Arena. Wer Party machen will, und vor allem, pardon, saufen, der biegt gleich nach dem Eingang links ab Richtung Halle 2 und Halle 4. Nur ganz selten am Abend werden Sport und Show zusammengeführt.

Zweimal am Freitag, dreimal am Sonnabend und noch einmal am Montag treten Ever’so auf der Bühne inmitten der Rennbahn auf. Ever’so, von Sprecher Marcus Rudolph als neue Sixdays-Hausband angekündigt, haben den vielleicht schwierigsten Job dieser Veranstaltung. Sie müssen Stimmung machen vor Leuten, die vor allem in Stimmung kommen, wenn die Fahrer fahren. Daran haben sich in der Vergangenheit mit mehr oder weniger Erfolg schon einige Partygrößen versucht, zuletzt der inoffizielle König von Mallorca, Mickie Krause, der am Ballermann 9000 Euro pro Auftritt verdienen soll (Der offizielle König von Mallorca ist ja Jürgen Drews, und der war auch schon mal bei den Sixdays). Mit Krause waren die Veranstalter zuletzt nicht mehr glücklich und das Publikum auch nicht, sagen die Veranstalter.

"Don't worry, be happy"

Jetzt also Ever’so, ein mehr als 20-köpfiges Kollektiv aus Hamburger und Münchner Profimusikern. In Bremen sind sie zu fünft. Und wie führt man Show und Sport am besten zusammen? Indem sich die Musiker unters Publikum mischen. Der Lichtkegel fängt den Saxofonisten ein, er steht in der Kurve auf der Rennbahn. Am anderen Ende wartet ein Sänger und ihm gegenüber eine Sängerin.

Der Percussion-Spieler, Spot an, kommt aus dem Logenbereich, irgendwann trifft man sich in der Mitte, und dann geht’s rauf auf die Bühne. Es ist nun nichts mehr mit Mickie Krause, „Zehn nackten Frisösen“ und „Schatzi, schenk‘ mir ein Foto“. Ever’so spielen anspruchsvollen Pop. Der Sound ist gut, die Show und die Musiker auch, aber das Publikum bleibt reserviert. Zwei, drei mutige Paare tanzen, ansonsten geht Kopf- und Fußwippen hier schon als Gefühlsausbruch durch. Ein Abend bleibt ja aber noch, um sich aneinander zu gewöhnen.

Diese Phase des Abtastens haben die Besucher in Halle 2 und 4 zu diesem Zeitpunkt längst hinter sich. Während Hallenchef Schneider nach dem Rechten schaut: Ist genug Security unterwegs? Welche Tür steht offen? Wo bleiben die Leute stehen? Woran gehen sie achtlos vorbei? Während der Chef also seine Runde macht, liefern Andy Einhorn und Band in Halle 2 den Soundtrack zum Leben der Ü 55-Generation. „Don’t worry, be happy“, singt Andy.

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In Halle 2 trifft sich, wer etwas essen will – der Food-Court, wie es neudeutsch heißt, bietet Pasta, Pizza, Flammkuchen und Gegrilltes an. Und wer sich unterhalten will, der ist hier ebenfalls am besten aufgehoben. Denn in Halle 4 ist es teuflisch laut. Auf dem Weg dorthin liegt ein Areal, das sich Deka-Dance nennt. Hier ist es chillig und loungig, und hier beenden diejenigen, die überhaupt nicht kleinzukriegen sind, morgens gegen vier, halb fünf ihre Party.

In Halle 4 folgt derweil die Coverband Line Six der goldenen Regel aller Partybands, und die lautet: Lass die Meute nie zur Ruhe kommen. Keine Pause, kein Leerlauf. Und so schießen sie einen Hit nach dem nächsten ab, jeder höchstens zwei Minuten lang, Mark Forsters „Chöre“, „Coco Jambo“ von Mr. President, „Bailando“ von Loona. In Halle 4 geht es nicht um subtile Zwischentöne, in Halle 4 geht, wer flirten und trinken will. Es gibt sechs verschiedene Cocktails, dazu Springer, Ballantine‘s, Havanna Club, Mackenstedter und Wodka. Wer sind die eigentlich, die hier feiern?

Toddy hat eine halbe Stunde vorher mal nachgefragt: Hand hoch, wer aus Bremen kommt! Und wer kommt aus dem Umland? Das Ergebnis: ein Drittel Bremer, zwei Drittel Umland. Es sind Männercliquen und Frauentrupps, fast alle zwischen 20 und 50. Die Truppe junger Männer, die einen Junggesellenabschied feiert, kommt aus dem Umland. Einer sitzt schachmatt auf dem Hosenboden, er hat eindeutig zu viel getrunken. Zwei Kumpels knien vor ihm. „Willst du ’ne Cola?“, fragt einer der beiden. „Oder nach Hause?“ Das war eindeutig die falsche Frage. „Ich will saufen“, lautet die
Antwort. Es ist schließlich Freitagnacht auf den Sixdays.


Fotos der Sixdays

Belgier gewinnen Sechstagerennen
Bilder: Der Abschluss der Bremer Sixdays
Sixdays Bremen 2019
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